Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Weisheit: Das tiefe Bewusstsein liegt im Herzen

Foto: Haus des Friedens, Wien

Interview mit der Sufi-Lehrerin Fawzia Al-Rawi

Weisheit bedeutet, sein Ich-Bewusstsein in ein universelles Bewusstsein zu verwandeln, sagt die Sufi-Lehrerin Fawzia Al-Rawi. Aber das reicht nicht, Spiritualität brauche auch einen sozialen Ausdruck, ein Handeln aus Liebe.

 

Das Gespräch führte Mike Kauschke.

Frage: Was bedeutet Weisheit für Sie in Ihrer Praxis und im Leben?

Fawzia Al-Rawi: Es gibt einen Unterschied zwischen Klugheit und Weisheit. Wir sind in einer Welt, in der wir ständig mit Informationen zugeschüttet werden, um sie in Wissen zu verwandeln.

Damit es aber ein Wissen ist, das mich nährt und mich als Mensch weiterbringt, brauche ich eine gewisse innere Haltung, die mit meinem Bewusstsein verbunden ist.

Im Sufismus wird das Bewusstsein nicht auf der Verstandesebene verortet, sondern das tiefe Bewusstsein liegt im Herzen. Wenn ich dieses Bewusstsein und eine offene Haltung zum Leben habe, kann ich die äußeren Informationen aufnehmen, unterscheiden und in Wissen verwandeln.

Gelebtes Wissen ist Weisheit. Weisheit bedeutet dann, dass ich mein Wissen in den Lebensumständen so anwende, dass es nährend, heilend und mitfühlend ist.

Der Sufismus ist eine Schule der Liebe.

Was sind Qualitäten der Weisheit oder des tieferen Wissens des Herzens, das wir dann im Leben zum Ausdruck bringen?

Fawzia Al-Rawi: Wir haben alle ein Ich-Bewusstsein. Wenn man einen spirituellen Weg geht, dann möchte man dieses Ich-Bewusstsein in ein universelles Bewusstsein verwandeln. Das bedeutet, dass ich innerlich an meiner Ganzheit arbeite.

Sich selbst als Ganzheit zu erleben ist eines der Fundamente, um dieses universelle Bewusstsein zu erreichen. Dann strahle ich dieses Ganzheitsgefühl nach außen. Dann bin ich mit einer göttlichen Kraft verbunden, aus der alles kommt und zu der alles zurückkehrt.

Wie erfahren Sie diese göttliche Kraft und wie verändert sie ein menschliches Leben?

Fawzia Al-Rawi: Der Sufismus ist eine Schule der Liebe. Das bedeutet, dass ich die göttlichen Zeichen in der Welt sehe. Ich sehe, dass hinter dem Offensichtlichen eine andere Kraft wirkt, die immanent und transzendent zugleich ist. Wenn ich in der Schule der Liebe bin, gehe ich von der absoluten Gutheit des Göttlichen aus, die in der Welt symbolisiert wird.

In der dualen Welt mit Licht und Dunkelheit ist der Mensch mit dem freien Willen geehrt worden. Dieser formt eine Persönlichkeit, die den Verstand einsetzt, um sich in dieser Welt zu orientieren. Mithilfe des Herzens kann ich die Sinne und den Verstand dazu verwenden, das Unsichtbare zu erkennen.

Wenn ich davon ausgehe, dass das Göttliche das absolut Gute ist und sich in dieser Welt der Dualität von Dunkelheit und Licht ausstrahlt, so habe ich als Mensch immer die Möglichkeit, mich zu entscheiden.

Wenn ich den Weg des Lichtes gehe, sage ich Ja zum Leben. Jedes Geschöpf auf dieser Welt hat das Recht zu leben. Manche engagieren sich für den Umweltschutz, andere gegen die Korruption oder gegen den Krieg. Das sind Ausdrucksformen dieses einen Weges, indem ich die Schöpfung ehre, das Leben schütze.

Ich weite das Herz und spüre, dass ich ein Tropfen in einem Fluss bin.

Mit welchen Praxisformen arbeiten Sie, um Menschen in diese Weisheit des Herzens einzuführen?

Fawzia Al-Rawi: Natürlich kann man in der stillen Kammer stundenlang meditieren und erleuchtet werden. Aber auf unserem Weg muss Spiritualität einen sozialen Ausdruck haben.

Wenn ich spüre, dass die Erde meiner Pflanzen trocken ist, gebe ich ihnen Wasser. Oder ich gebe einer streunenden Katze etwas zu essen oder sende Unterstützung in Regionen auf dieser Welt, die Hilfe brauchen.

Ich weite und erweiche das Herz und spüre, dass ich ein Tropfen in einem Fluss bin. Jeder Tropfen ist einmalig und wesentlich, deshalb sollte man sich auch nicht vergleichen. Ein Fluss formt sich aus Tropfen und ich kann die Verantwortung für meinen Tropfen übernehmen und Licht und Liebe ausstrahlen.

Dafür ist es wesentlich, dass ich mich mit der göttlichen Kraft verbinde, die größer als ich und ewig ist. Hier hole ich mir meine Nahrung, meine Führung und meine Inspiration.

Denn der Mensch ist schwach und hat immer wieder Angst. Wir können diese Angst in einen tiefen Glauben und in Liebe verwandeln. Die einzige Kraft, die alles überwinden kann, ist die Liebe.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Spirituelle Praktiken sind wie der Finger, der auf den Mond zeigt.

Sie lehren auch Praxisformen wie Meditation, Atemtechniken, Drehtanz oder orientalischen Tanz. Welchen Stellenwert haben solche spirituellen Erfahrungsräume für Sie als Möglichkeiten, Weisheit zu kultivieren?

Fawzia Al-Rawi: Im Grunde genommen bedeutet Spiritualität, dass man sich mit Dingen konfrontieren muss, die nicht angenehm sind. Deshalb ist es wichtig, Gefährtinnen und Gefährten zu haben, die denselben Weg gehen. Man kann sich in ihnen spiegeln, sich durch sie inspirieren lassen, sich durch gemeinsame Praxis gegenseitig unterstützen.

Alle spirituellen Praktiken haben das Ziel, die eigene Vollkommenheit zu erfahren und sie im äußeren Sein in der bestmöglichen Form zu leben.

Dankbarkeit bedeutet, dass ich mein Potenzial für mich und andere in der bestmöglichen Form lebe. Das ist ein fruchtbares Leben. Spirituelle Praktiken sind wunderschöne Werkzeuge, aber sie sind wie der Finger, der auf den Mond zeigt. Wir bleiben nicht beim Finger hängen, sondern wir verwenden den Finger, um unsere Ausrichtung auf den Mond, die göttliche Kraft zu stärken.

Das lange Interview finden Sie als Video auf youtube:

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Rosina-Fawzia Al-Rawi Al-Rifai, Dr. in der Orientalistik, lehrt seit über 25 Jahren im Bereich des Sufismus und leitet weltweit Seminare, insbesondere für Frauen. Sie arbeitet außerdem als Autorin und ist Mutter von drei Kindern. Sie lebt in Wien, ist geboren in Bagdad und verbrachte ihre Kindheit im Irak und im Libanon. Studium in Wien und Kairo. 2007 eröffnete sie das Haus des Friedens in Wien und gründete mit Unterstützung einiger anderer Frauen den Verein SAFA, Das Haus des Friedens.

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