Interview über Weisheit im Judentum
Die Wege zur Weisheit im Judentum führen über Studium und Gebet. Autor János Darvas spricht im Interview über die große Bedeutung des Lernens in der jüdischen Kultur sowie die Lebensaufgabe, alte Gewohnheiten zu überschreiten und sich immer wieder neu auf das Leben einzulassen.
Das Gespräch führte Mike Kauschke
Frage: Wie würden Sie das Verständnis von Weisheit in der jüdischen Religion oder auch in der jüdischen religiösen Praxis ansprechen?
János Darvas: In der hebräischen Bibel gibt es die Weisheitsschriften von Salomo, das sind Maximen für die Lebensführung. Sie beziehen sich auf den Alltag, auf die menschlichen Beziehungen. Es sind Maxime wie die Mäßigung, die auch in anderen Kulturen vorkommen. In der jüdischen Praxis ist es immer gekoppelt mit der Ehrfurcht vor Gott.
Oft wird Weisheit im Judentum auch durch Geschichten und Sprüche vermittelt. Da heißt es dann, Rabbi so und so hat gesagt …. Doch selten wird jemand „der Weise“ genannt. Es wird eher von Schülern der Weisheit gesprochen.
Weisheit ist nie endgültig. Wir sind immer auf dem Weg und bleiben Fragende. Das hat auch damit zu tun, dass die jüdische Praxis des Studiums und der Bibelinterpretation daraus besteht, dass viele Stimmen sprechen und nicht die eine Autorität.
Es gibt im Prinzip keine Dogmatisierung. Man redet über die Auslegung der Schriften. Und es kann laut werden in einem traditionellen Lehrraum, dem Bet Hamidrasch, dem Haus des Lernens.
Weisheit verändert den Menschen.
Sie haben davon gesprochen, dass Weisheit mit Ehrfurcht vor Gott verbunden ist. Wie zeigt sich darin Weisheit?
Darvas: Ja, in der jüdischen Tradition ist der Kern von Religion die Hingabe an Gott. In den Religionen gibt es verschiedene Weisen, sich mit Gott zu verbinden. Und das führt zu Weisheit.
Weisheit kommt aus dem Herzen und dem Gemüt, im Gegensatz zur bloßen Klugheit, die eine intellektuelle Fähigkeit ist, die nicht den ganzen Menschen erfasst.
Das Besondere an der Weisheit ist auch, dass sie den Menschen verändert, ihn weise macht. Dabei ist der Übergang von Klugheit zu Weisheit auch fließend.
Bei Plato oder Thomas von Aquino ist Klugheit die oberste Tugend von den vier Kardinaltugenden; manche interpretieren das als Weisheit. Eines geht ins andere über. Denn die Weisheit verlangt auch klares Urteilsvermögen.
Es geht darum, immer wieder Neues in den Texten zu suchen.
Welche Praxisformen im Judentum helfen dem Menschen, weise zu werden?
Darvas: Das religiöse Judentum besteht im Wesentlichen aus zwei Polen: Studium und Gebet. In einigen mystischen Schulen gibt es auch Meditation und Tugendpflege.
Die beiden Pole sind im Judentum miteinander verbunden. Die Gebete sind lang, nicht so repetitiv und es wird immer Gott gepriesen – in neuen Varianten. Es ist eine Liturgie, bei der man das Buch in der Hand hält.
Das Beten ist auch ein Lernen, weil du immer wieder neu eintreten musst. Es ist kein Mantra, das nur aus Lauten besteht, sondern in den Texten liegt ein Sinn.
Auf der anderen Seite ist das Tora-Studium eigentlich ein devotionaler Akt. Es ist keine Analyse des Textes, sondern es geht darum, dass du im Text etwas Neues entdeckst.
Das ist nicht nur eine Sache der Gelehrten. Deswegen waren die Juden zu 90 Prozent alphabetisiert. Das Studium ist nicht nur Wissen, sondern transformativ, indem du versuchst, einen Bibelvers so zu fassen, dass es sich für dich in der Gegenwart zu einem Hinweis wird.
Gibt es dadurch auch einen gewissen Schutz vor dem Fundamentalismus?
Darvas: Ja, es gibt eine Vielzahl der Stimmen und jeder kann am Gespräch teilnehmen und sollte etwas Neues in den alten Texten suchen. Dadurch ist die Tradition gefeit gegen eine feste Lehrmeinung, obwohl es solche fundamentalistischen Tendenzen auch gibt.
Gibt es eine Intuition, die nicht an Altes anknüpft?
Gibt es eine Textzeile, die für Sie besonders viel Weisheit enthält?
Darvas: Ein Kernsatz für mich ist ein Weisheitsspruch von Salomon: „Auf allen deinen Wegen erkenne Ihn, und er wird gerade machen deine Pfade.“ Es werden zwei unterschiedliche Worte im Hebräischen benutzt, die ich mit „Weg“ bzw. „Pfad“ übersetzt habe.
Die erste Formulierung „auf allen deinen Wegen“ bezieht sich auf die „ausgetretenen Wege“. Die zweite Formulierung „gerade machen deine Pfade“ sind die noch nicht begangenen Wege.
Das bedeutet, dass wir von der Vergangenheit geprägt sind. Die ausgetretenen Pfade sind unsere Gewohnheiten, die Traditionen, in denen man dem folgt, was andere sagen oder machen.
Das ist bis zu einem gewissen Grad auch sinnvoll. Gewohnheiten prägen uns, aber dann kommt das Bewusstsein für den gegenwärtigen Moment hinein. Du schaust auf dieses Gewordene und es heißt: Erkenne ihn.
Dann ist die Frage: Entsteht daraus etwas Neues? Hast du eine Intuition, die du nicht auf etwas Gewohntes, Gewusstes, Bekanntes zurückführen kannst?
Die jüdische Kultur ist zudem eigentlich dialogisch, weil man für die Textarbeit immer einen Helfer, einen Freund haben soll, mit dem man sich austauschen kann.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Wir sind Teil vom göttlichen Licht.
Ist die Auseinandersetzung mit den Texten auf diese Weise ein Weg zur Weisheit?
Darvas: Ja, die Intention liegt darin, sich ethisch und in der Lebensführung auf ein anderes Niveau zu bringen – sowohl Gott gegenüber als auch in Bezug auf die Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen und der Arbeit. Das Judentum ist diesseitsorientiert, in dem Sinne, dass man Gott auch im Tun ehrt.
Eine der schönsten Aussagen, die man im Jiddischen über einen Menschen ausdrücken kann, ist die Formulierung, „dos is a mentsch“ Also, dass er ein wirklicher Mensch auf hohem ethischem Niveau ist. Ein guter Mensch wird auch mit dem Ausdruck „jaschar“ charakterisiert, nämlich als einer, der aufrecht steht.
Die Kabbala ist als Weisheitstradition des Judentums bekannt. Welche Aspekte oder Einsichten darin sind für Sie besonders bedeutsam und für die heutige Zeit relevant?
Darvas: Der Sefirotbaum oder Lebensbaum ist eine vielschichtige „Landkarte“, die mir auch mit Hilfe von moderner Psychologie und Phänomenologie eine Art Kompass für die Selbsterkenntnis und die Lebensführung bietet.
Darüber hinaus ist mir die bildhaft-mythische Erzählung von den gefallenen Lichtfunken wertvoll. In einer Urkatastrophe sind die mit göttlichem Licht gefüllten kosmischen Gefäße zerborsten.
Unsere irdische Schöpfung besteht aus den Scherben, an denen die Lichtreste kleben: in Stein, Pflanze, Tier und Mensch. Es gilt, die Lichtfunken zu befreien in werktätiger Zuwendung.
Jedem von uns sind bestimmte „Funken“ als Aufgabe zugeordnet. Wir müssen erkennen, welche es sind. Der eine hat einen einzigen Kranken zu pflegen, ein anderer trägt Verantwortung für eine große Gemeinschaft, ein Dritter arbeitet für die Rettung der Natur, ein Vierter versucht, Technologie und Spiritualität zu verbinden.
Spirituelle Transformation und engagiertes Tun gehen Hand in Hand. Ziel und Weg zugleich ist die „Reparatur der Welt“ – hebräisch: „tikkun olam“. Eine sehr aktuelle Sache, wie mir scheint.

János Darvas wurde 1948 als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren. Er studierte Philosophie in Wien und Paris. Er arbeitete im Rahmen der Waldorfschulbewegung als Lehrer, Dozent und Berater. Als Autor publizierte er religionsphilosophische und zeitgeschichtliche Essays. Im Info3 Verlag erschienen „Gotteserfahrungen“ zum interreligiösen Dialog und „Auf allen deinen Wegen erkenne Ihn“ über jüdische Spiritualität. Ein Roman liegt als E-Book vor, ein Lyrikband als Privatdruck. Darvas ist in Schleswig-Holstein am Aufbau jüdischen Lebens und an der Pflege interreligiöser Kontakte aktiv beteiligt.
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