Weisheitstraining online – Neuer Durchgang startet im September

Weisheit heißt, neue Wege zu gehen

Interview über Weisheit im Judentum

Die Wege zur Weisheit im Judentum führen über Studium und Gebet. Autor János Darvas spricht im Interview über die große Bedeutung des Lernens in der jüdischen Kultur sowie die Lebensaufgabe, alte Gewohnheiten zu überschreiten und sich immer wieder neu auf das Leben einzulassen.

 

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Wie würden Sie das Verständnis von Weisheit in der jüdischen Religion oder auch in der jüdischen religiösen Praxis ansprechen?

János Darvas: In der hebräischen Bibel gibt es die Weisheitsschriften von Salomo, das sind Maximen für die Lebensführung. Sie beziehen sich auf den Alltag, auf die menschlichen Beziehungen. Es sind Maxime wie die Mäßigung, die auch in anderen Kulturen vorkommen. In der jüdischen Praxis ist es immer gekoppelt mit der Ehrfurcht vor Gott.

Oft wird Weisheit im Judentum auch durch Geschichten und Sprüche vermittelt. Da heißt es dann, Rabbi so und so hat gesagt …. Doch selten wird jemand „der Weise“ genannt. Es wird eher von Schülern der Weisheit gesprochen.

Weisheit ist nie endgültig. Wir sind immer auf dem Weg und bleiben Fragende. Das hat auch damit zu tun, dass die jüdische Praxis des Studiums und der Bibelinterpretation daraus besteht, dass viele Stimmen sprechen und nicht die eine Autorität.

Es gibt im Prinzip keine Dogmatisierung. Man redet über die Auslegung der Schriften. Und es kann laut werden in einem traditionellen Lehrraum, dem Bet Hamidrasch, dem Haus des Lernens.

Weisheit verändert den Menschen.

Sie haben davon gesprochen, dass Weisheit mit Ehrfurcht vor Gott verbunden ist. Wie zeigt sich darin Weisheit?

Darvas: Ja, in der jüdischen Tradition ist der Kern von Religion die Hingabe an Gott. In den Religionen gibt es verschiedene Weisen, sich mit Gott zu verbinden. Und das führt zu Weisheit.

Weisheit kommt aus dem Herzen und dem Gemüt, im Gegensatz zur bloßen Klugheit, die eine intellektuelle Fähigkeit ist, die nicht den ganzen Menschen erfasst.

Das Besondere an der Weisheit ist auch, dass sie den Menschen verändert, ihn weise macht. Dabei ist der Übergang von Klugheit zu Weisheit auch fließend.

Bei Plato oder Thomas von Aquino ist Klugheit die oberste Tugend von den vier Kardinaltugenden; manche interpretieren das als Weisheit. Eines geht ins andere über. Denn die Weisheit verlangt auch klares Urteilsvermögen.

Es geht darum, immer wieder Neues in den Texten zu suchen.

Welche Praxisformen im Judentum helfen dem Menschen, weise zu werden?

Darvas: Das religiöse Judentum besteht im Wesentlichen aus zwei Polen: Studium und Gebet. In einigen mystischen Schulen gibt es auch Meditation und Tugendpflege.

Die beiden Pole sind im Judentum miteinander verbunden. Die Gebete sind lang, nicht so repetitiv und es wird immer Gott gepriesen – in neuen Varianten. Es ist eine Liturgie, bei der man das Buch in der Hand hält.

Das Beten ist auch ein Lernen, weil du immer wieder neu eintreten musst. Es ist kein Mantra, das nur aus Lauten besteht, sondern in den Texten liegt ein Sinn.

Auf der anderen Seite ist das Tora-Studium eigentlich ein devotionaler Akt. Es ist keine Analyse des Textes, sondern es geht darum, dass du im Text etwas Neues entdeckst.

Das ist nicht nur eine Sache der Gelehrten. Deswegen waren die Juden zu 90 Prozent alphabetisiert. Das Studium ist nicht nur Wissen, sondern transformativ, indem du versuchst, einen Bibelvers so zu fassen, dass es sich für dich in der Gegenwart zu einem Hinweis wird.

Gibt es dadurch auch einen gewissen Schutz vor dem Fundamentalismus?

Darvas: Ja, es gibt eine Vielzahl der Stimmen und jeder kann am Gespräch teilnehmen und sollte etwas Neues in den alten Texten suchen. Dadurch ist die Tradition gefeit gegen eine feste Lehrmeinung, obwohl es solche fundamentalistischen Tendenzen auch gibt.

Gibt es eine Intuition, die nicht an Altes anknüpft?

Gibt es eine Textzeile, die für Sie besonders viel Weisheit enthält?

Darvas: Ein Kernsatz für mich ist ein Weisheitsspruch von Salomon: „Auf allen deinen Wegen erkenne Ihn, und er wird gerade machen deine Pfade.“ Es werden zwei unterschiedliche Worte im Hebräischen benutzt, die ich mit „Weg“ bzw. „Pfad“ übersetzt habe.

Die erste Formulierung „auf allen deinen Wegen“ bezieht sich auf die „ausgetretenen Wege“. Die zweite Formulierung „gerade machen deine Pfade“ sind die noch nicht begangenen Wege.

Das bedeutet, dass wir von der Vergangenheit geprägt sind. Die ausgetretenen Pfade sind unsere Gewohnheiten, die Traditionen, in denen man dem folgt, was andere sagen oder machen.

Das ist bis zu einem gewissen Grad auch sinnvoll. Gewohnheiten prägen uns, aber dann kommt das Bewusstsein für den gegenwärtigen Moment hinein. Du schaust auf dieses Gewordene und es heißt: Erkenne ihn.

Dann ist die Frage: Entsteht daraus etwas Neues? Hast du eine Intuition, die du nicht auf etwas Gewohntes, Gewusstes, Bekanntes zurückführen kannst?

Die jüdische Kultur ist zudem eigentlich dialogisch, weil man für die Textarbeit immer einen Helfer, einen Freund haben soll, mit dem man sich austauschen kann.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wir sind Teil vom göttlichen Licht.

Ist die Auseinandersetzung mit den Texten auf diese Weise ein Weg zur Weisheit?

Darvas: Ja, die Intention liegt darin, sich ethisch und in der Lebensführung auf ein anderes Niveau zu bringen – sowohl Gott gegenüber als auch in Bezug auf die Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen und der Arbeit. Das Judentum ist diesseitsorientiert, in dem Sinne, dass man Gott auch im Tun ehrt.

Eine der schönsten Aussagen, die man im Jiddischen über einen Menschen ausdrücken kann, ist die Formulierung, „dos is a mentsch“ Also, dass er ein wirklicher Mensch auf hohem ethischem Niveau ist.  Ein guter Mensch wird auch mit dem Ausdruck „jaschar“ charakterisiert, nämlich als einer, der aufrecht steht.

Die Kabbala ist als Weisheitstradition des Judentums bekannt. Welche Aspekte oder Einsichten darin sind für Sie besonders bedeutsam und für die heutige Zeit relevant?

Darvas: Der Sefirotbaum oder Lebensbaum ist eine vielschichtige „Landkarte“, die mir auch mit Hilfe von moderner Psychologie und Phänomenologie eine Art Kompass für die Selbsterkenntnis und die Lebensführung bietet.

Darüber hinaus ist mir die bildhaft-mythische Erzählung von den gefallenen Lichtfunken wertvoll. In einer Urkatastrophe sind die mit göttlichem Licht gefüllten kosmischen Gefäße zerborsten.

Unsere irdische Schöpfung besteht aus den Scherben, an denen die Lichtreste kleben: in Stein, Pflanze, Tier und Mensch. Es gilt, die Lichtfunken zu befreien in werktätiger Zuwendung.

Jedem von uns sind bestimmte „Funken“ als Aufgabe zugeordnet. Wir müssen erkennen, welche es sind. Der eine hat einen einzigen Kranken zu pflegen, ein anderer trägt Verantwortung für eine große Gemeinschaft, ein Dritter arbeitet für die Rettung der Natur, ein Vierter versucht, Technologie und Spiritualität zu verbinden.

Spirituelle Transformation und engagiertes Tun gehen Hand in Hand. Ziel und Weg zugleich ist die „Reparatur der Welt“ – hebräisch: „tikkun olam“. Eine sehr aktuelle Sache, wie mir scheint.

 

Screenshot des Autors János Darvas

János Darvas wurde 1948 als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren. Er studierte Philosophie in Wien und Paris. Er arbeitete im Rahmen der Waldorfschulbewegung als Lehrer, Dozent und Berater. Als Autor publizierte er religionsphilosophische und zeitgeschichtliche Essays. Im Info3 Verlag erschienen „Gotteserfahrungen“ zum interreligiösen Dialog und „Auf allen deinen Wegen erkenne Ihn“ über jüdische Spiritualität. Ein Roman liegt als E-Book vor, ein Lyrikband als Privatdruck. Darvas ist in Schleswig-Holstein am Aufbau jüdischen Lebens und an der Pflege interreligiöser Kontakte aktiv beteiligt.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Online-Abende

rund um spannende ethische Themen 
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Foto: Susanne Windischbauer

Weisheit ist ein Ergriffensein

Interview mit Bruder Thomas Hessler Weisheit kann sich nur in Stille entfalten, sagt der Benediktinermönch Thomas Hessler. Er spricht im Interview über die Bedeutung von Wissen und Lernen, innere Freiräume und die Übung ständiger Präsenz und Achtsamkeit, auch in der Begegnung mit anderen.
Yunus Tug/ Unsplash

Weisheit bedeutet heute, Passivität neu zu erlernen

Ein Interview mit dem Sinologen Kai Marchal Weisheit spielt in vielen Kulturen und Religionen eine Rolle. Der Fernost-Kenner Kai Marchal verbindet damit eine Lebensform von Passivität und Nicht-Tun. Dazu gehören auch Geduld, eine Verlangsamung des Lebens und ein Denken, das nicht trennt, sondern verbindet. Um die Welt zu verändern, reiche Weisheit jedoch nicht aus, so Marchal.
Foto: privat

Weisheit heißt, Fakten und Wirklichkeit anzuerkennen

Interview mit Zen-Meisterin Nicole Baden Roshi Wenn wir den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, leiden wir, ist die Zen-Meisterin Nicole Baden überzeugt. Sie spricht im Interview über eine offene Haltung als Basis für Weisheit, falsche Gedanken und warum es nicht klug ist, sich mit der Realität anzulegen.
Qijin-Xu/ Unsplash

Weisheit: Nur Erkenntnis ist ein nachhaltiges Gut

Interview mit Michael Hampe Krisenzeiten sind gute Zeiten für die Entwicklung von Weisheit, ist Michael Hampe überzeugt. Der Philosophie-Professor spricht im Interview darüber, wie wichtig die Erkenntnis für unser Leben ist, wie wir über die menschliche Situation nachdenken können und warum wir die Inspiration aus anderen Weisheitstraditionen brauchen.

Neueste Artikel

Foto: Christof Spitz

Versöhnung mit der Endlichkeit

Wandel wirklich bewusst akzeptieren Wir sind gut darin, die Veränderlichkeit des Lebens zu übergehen. Doch das Offensichtliche zu leugnen kann Leiden nicht vermeiden. Der Philosoph Ludger Pfeil lädt dazu ein, sich der Endlichkeit mutig zu öffnen und sie umarmend ins Bewusstsein zu nehmen. So könne man flüchtige Momente des Lebens erkennen, schätzen und ergreifen.
Getty Images/ Unsplash

Der Körper als sicherer Ort

Achtsame Bewegung bei Ängsten und depressivem Erleben Achtsame Bewegung durchbricht Grübelspiralen, Ängste und Sorgen. Das zeigt die Embodiment-Forschung, die die Rolle des Körpers für den Geist betont. Ulrike Juchmann, erklärt, wie die Wahrnehmung des Körpers ins unmittelbare Erleben führt. Schon durch kleine Bewegungen können wir den Geist entlasten.
Cover Sind Flüsse Lebewesen

„Flüsse fließen durch mich hindurch“

Ein großartiges Leseerlebnis Robert Macfarlane ist einer der bekanntesten Naturschriftsteller. Auch sein neuestes Buch bringt uns mit anmutiger Prosa zum Staunen. Es berichtet von Reisen zu drei großen Flüssen zu Fuß und im Kanu – mit all den Abenteuern, der Faszination und Zerstörung. Und der Botschaft: Wir müssen das Lebendige schützen, von dem wir Menschen nur ein Teil sind.
DC Studio/ Shutterstock

Warum wir KI nicht alles glauben sollten

Und wie wir KI-Inhalte überprüfen Künstliche Intelligenz (KI) ist überall, doch häufig sind die Ergebnisse fehlerhaft. Auch nutzen Kriminelle die Technik, um Menschen zu täuschen. Die Journalistin Ines Eckermann erklärt, wie man Online-Inhalte hinterfragt und überprüft.