Interview mit der Philosophin Ines Eckermann
„Weisheit bedeutet zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und sich selbst aus dem Zentrum des Universums zu nehmen“, sagt die Philosophin Ines Eckermann. Sie spricht im Interview über die Bedeutung von Weisheit für unser Leben, warum jeder Mensch einen Zugang dazu hat und wie wir dadurch ganz praktisch unser Leben bereichern.
Das Gespräch führte Birgit Stratmann
Frage: Du bist Philosophin, warum liegt dir die Philosophie der Antike so am Herzen?
Eckermann: An der antiken Philosophie gefällt mir, dass sie so zugänglich ist. Sie ist verständlich auch für Menschen, die kein Philosophie-Studium hinter sich haben. Die Stoiker wollten ihre Philosophie für Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten öffnen. Im Kern geht es um die Frage, wie man ein gutes Leben führen kann.
Philosophie heißt ja Liebe zur Weisheit. Was bedeutet Weisheit für dich?
Eckermann: Für mich bedeutet Weisheit die Fähigkeit, einzelne Aspekte von Wissen miteinander zu verknüpfen, also die Dinge vernetzt und in ihrer Tiefe zu verstehen.
Und wenn du die Dinge verstanden hast, dann handelst du anders. Du verstehst zum Beispiel, warum andere Menschen tun, was sie tun. Und du bist in der Lage, dich selbst mehr zu relativieren. Du beziehst nicht alles, was geschieht, auf dich. Du siehst: Die Menschen haben ihre eigenen Gründe, etwas zu tun, zu sagen, zu denken. So nimmst du dich quasi selbst aus dem Zentrum des Universums, der Satz stammt, glaube ich, von Peter Bieri.
Bei Weisheit denkt man eher an große Menschen, aber weniger an sich selbst. Könnte Weisheit, so wie du sie verstehst, trotzdem im Leben von uns gewöhnlichen Menschen eine Rolle spielen?
Eckermann: Weisheit ist kein vollendeter Zustand. Also dass nur jemand, der die perfekte Weisheit hat, als weise gelten kann. Weisheit ist eher eine Tätigkeit.
Wir können alle weise sein, uns aber auch genauso gut unweise verhalten. Das sind Pole, zwischen denen wir uns jeden Tag bewegen. Mal haben wir einen schlechten Tag, da ist das, was wir tun, vielleicht nicht ganz so clever. An anderen Tagen sind wir etwas schlauer. Weisheit ist die Grundfähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen. Und das ist jedem Menschen zugänglich.
Weisheit heißt, sich zu fragen: Was brauche ich wirklich für ein gutes Leben?
Dein Buch ist neu aufgelegt worden mit dem Titel „Ich brauche nicht mehr“. Thema ist das gute Leben in der heutigen Welt, wo wir stark auf Materielles ausgerichtet sind, wie Beruf, Konsum, digitale Medien. Sollten wir uns mehr die inneren Glücksquellen kümmern?
Eckermann: Ich möchte das Menschen nicht vorgeben. Aber ich kam darauf, als ich mich mit der antiken Philosophie befasste. Da stieß ich auf das Wort Pleonexia, was so viel heißt wie „immer mehr wollen“.
Der Mensch will nicht nur einfach mehr haben, als er eigentlich verdient oder erarbeitet hat. Aristoteles wies darauf hin, dass mit der Pleonexia auch eine gewisse Ungerechtigkeit einhergeht, denn man nimmt billigend in Kauf, dass andere weniger haben. Und eben diesen Drang nach mehr sah er als das Dominante in der hellenischen Kultur.
Der Soziologe Zygmunt Bauman, Autor des Buches „Flüchtige Moderne“, kam über 2000 Jahre später beim Blick auf unsere Gesellschaft zu einem ähnlichen Schluss. Heute wird das Mehr-haben-wollen noch verschärft durch Werbung, Marketing und Social Media.
Wir wollen mehr, gleichzeitig gibt es einen Mangel an diesen inneren Glücksquellen und an Weisheit. Wie können wir den inneren Mangel ausgleichen?
Eckermann: Weisheit ist der Schlüssel. Wir müssen verstehen, welche Mechanismen da am Werk sind und mehr Gelassenheit entwickeln, ich nenne das Konsumgelassenheit.
Nehmen wir die Parfüm-Werbung: Sie will uns suggerieren, dass wir ein anderer Mensch werden, wenn wir anders riechen. In der Werbung werden wir als defizitär dargestellt und das geht an niemanden spurlos vorbei. Weisheit kann helfen, das zu durchschauen und sich zu fragen: Was brauche ich wirklich für ein gutes Leben?
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Gelassenheit ist der Kern praktischer Weisheit.
Du schreibst in deinem Buch: „Glück ist Kopfsache.“ Was meinst du damit?
Eckermann: Damit meine ich, dass Glück in gewissem Sinne eine Einstellungssache ist, anders als Freude. Freude passiert einfach, etwa wenn man im Sonnenschein draußen ist. Glück ist eher ein Zustand des gelingenden Lebens. Was ich tue, zahlt ein bisschen darauf ein, dass ich mit meinen eigenen Werten im Einklang leben kann.
Welche Rolle spielt das Denken dabei?
Eckermann: Bei der Weisheit geht es darum, Dinge einzuordnen und zu verstehen. Wir schauen, was liegt dahinter – und zwar nicht nur in Bezug auf äußere, sondern auch innere Sachverhalte.
Ein Beispiel: Man lernt jemanden kennen und denkt sich, ich mag den nicht. Es ist nicht klar, warum. Und dann merkt man, die Person erinnert einen an die Grundschullehrerin. Hier wäre es wichtig, den anderen nicht abzuwerten, sondern sich zu fragen: Warum fühle ich das gerade so?
Wäre das ein Aspekt von Weisheit, in solchen Fällen gelassener zu sein?
Eckermann: Weisheit kann helfen, ein gelasseneres Leben zu führen, einfach weil man Dinge besser einordnen kann und nicht direkt emotional darauf reagieren muss. Etwas passiert, wir halten inne und können uns emotional und rational positionieren. Erst dann reagieren wir. Das ist aus meiner Sicht der Kern von praktischer Weisheit.
Das klingt auch ein bisschen nach Arbeit.
Eckermann: Ja, Denken ist Arbeit. In der Antike wurde gesagt, dass viele Dinge eine Hexis sind, also eine Einstellung oder Verhaltensweise, die wir uns angewöhnen. Und das erfordert Übung.
Das Gute ist, wir müssen dann nicht jedes Mal neu entscheiden, wie wir uns zu etwas positionieren, sondern das sind so Grundhaltungen.
Was hat sich in deinem Leben geändert, seit du dich tiefer mit Philosophie und Weisheit beschäftigst?
Eckermann: Ich mache schon mit 14 angefangen, mich mit Philosophie zu beschäftigen. Gerade seit ich mich viel mit den Stoikern befasse, habe ich wirklich gemerkt, dass ich sehr viel gelassener geworden bin und entspannter mit meinem Leben, mit anderen und mit mir selbst umgehe.
Dr. Ines Eckermann
ist feste freie Autorin bei Ethik heute. Sie machte einen Doktor in Philosophie. Sie arbeitet als Journalistin, Illustratorin und Buchautorin. Als ausgebildete Yogalehrerin und Seelsorgerin gibt sie Entspannungs- und Yogakurse. www. satzzeichnerin.de
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