Über die Kraft des Nichstuns
Tee trinken, Vögel beobachten, Löcher in die Luft schauen – das Nichtstun ist von unschätzbarem Wert. Neurowissenschaftler Jebelli erklärt die Bedeutung des Ruhezustandsnetzwerks im Gehirn für die Gesundheit. Und gibt Anregungen, wie wir die Hyperaktivität überwinden und dem Gehirn mehr Pausen gönnen.
Kennen Sie das: ein voller Tag nach dem anderen und der immer wiederkehrende Impuls, sich noch mehr anzustrengen, um noch mehr zu schaffen. Dabei wäre das Gegenteil richtig: abschalten, sich erholen, aus dem Fenster schauen.
Das jedenfalls sagt Joseph Jebelli, ein Neurowissenschaftler, der über die neueste Forschung zum Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns schreibt: „Nichtstun ist das Produktivste, was du tun kannst.“
Das Ruhezustandsnetzwerk, auch bekannt als Default Mode, sei erst in letzter Zeit mehr in den Fokus der Forschung gerückt. Vorher habe sich die Wissenschaft eher mit den exekutiven Funktionen im Gehirn beschäftigt.
Der Autor beschreibt das Ruhezustandsnetzwerk als eine Gruppe Neuronen, die sich durch mehrere Hirnregionen ziehen und die aktiv werden, wenn man inaktiv wird. Es klingt paradox: Wer ständig aktiv ist, dimmt sein Gehirn herunter wie eine Lampe. Wer dagegen die Aufgaben und Aktivitäten zwischendurch ruhen lässt, bringt das Gehirn wieder in Schwung; es gibt mehr neuronale Aktivität.
Das Nichtstun gebe dem Gehirn die Chance, Eindrücke zu verarbeiten, zu sortieren, Probleme zu lösen, kreativ zu werden. Das kennen wir alle: Manchmal, wenn wir eine Aufgabe lösen oder eine Enscheidung treffen wollen, sind wir blockiert.
Erst wenn wir einen Spaziergang machen, den Vögeln zuschauen oder Sport treiben, kommt die Lösung ganz von allein. Das Gehirn hat die Arbeit erledigt, weil wir es gelassen haben. Wer dagegen das Gehirn permanent überlastet, erlebe Erschöpfung, Stress, bishin zu Angst und Burnout, warnt der Autor.
Was ist Nichtstun und wie geht es?
Ein wesentlicher Teil des Buches widmet sich der Frage, wie wir es schaffen, das Ruhezustandsnetzwerk zu aktivieren, sprich nichts zu tun. Geht das überhaupt? Und was bedeutet es eigentlich, nichts zu tun?
Nichtstun heißt, das Gehirn in Ruhe zu lassen und auf nichts bewusst zu richten. Jebelli empfiehlt, mit 20 Minuten pro Tag zu beginnen und dann bis auf eine Stunde oder mehr zu steigern: im Sessel sitzen, den Baum vor dem Fenster betrachten, einen Roman lesen, ein Bild anschauen, im Wald sein, im Café sitzen, also nichts tun, was zielgerichtet wäre.
Auch Achtsmkeitspraxis zählt dazu. Das Entscheidende ist hier – Jebelli erwähnt das nicht explizit -, dass man die Bewusstheit aufrechterhält und dem Geist quasi beim Tagträumen zuschaut. So fand man dem Autor zufolge heraus, dass Menschen, die über 3000 Stunden mit Achtsamkeitstraining verbracht und ihre Gedanken beobachtet haben, eine starke Aktivität im Ruhezustandsnetzwerk aufwiesen.
Jebelli schreibt eigene Kapitel über Naturerfahrung, bewusstes Alleinsein ohne Ablenkung, Unterhaltung, Handy und Netflix, ausreichend Schlaf, auch den Mittagsschlaf, Zeiten für das Spiel, etwa Online-Spiele, sowie aktive Erholung durch Sport und Bewegung.
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Unsere Glaubenssätze überdenken
Eigentlich wissen wir, was uns gut tut. Das Problem ist: Wir tun es nicht, und viele Arbeits- und Lebenssituationen erlauben es erst gar nicht.
Das liegt nicht am Einzelnen, sondern an Struktur und Mindset der Leistungsgesellschaft. Die Menschen werden dazu gedrängt, immer mehr zu tun, zu erreichen und schneller zu reagieren. Muße, Faulsein, Nichtstun – all dem wird kein Wert zugeschrieben.
Doch Glaubenssätze wie „Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas schaffe“, können sich ändern. Vielleicht müssen wir das Gehirn austricksen, indem wir uns (und den Arbeitgebern) erzählen: Tue nichts, und du wirst noch produktiver sein.
Denn wie Jebelli zeigt, ist Erholung nicht nur eine Pause von der Arbeit, sondern eine aktive, dynamische Phase der kognitiven Funktion zur Stärkung der mentalen Gesundheit.
Zeit für brillante Ideen
Will man sich mehr dem Nichtstun zuwenden, gibt es natürlich einige Hindernisse zu umschiffen, zum Beispiel das Unwohlsein, das einen überfällt, wenn nichts auf der ToDo-Liste steht. Oder die Langeweile, die sich breit macht, wenn nichts los ist. Aber das sind nur Anfangsschwierigkeiten, die mit zunehmender Gewöhnung weichen.
Auch mag es sein, dass wir irgendwann die Arbeitszeit reduzieren wollen, wie es der Autor selbst gemacht hat, um mehr Zeit für das Nichtstun zu haben. Das muss man sich finanziell leisten können – in einer Gesellschaft, die die Muße ächtet. Als Vorbild nennt Jebelli Holland, wo die Hälfte aller Arbeitnehmer in Teilzeit arbeitet. Aus Holland kommt auch die Idee des „niksen“, Nichtstun.
Insgesamt ist es ein hilfreiches Buch. Allein die starke Betonung des Nichtstuns ist zu einseitig. Den Geist nicht auf etwas zu richten, kann auch bedeuten, dass man die Fähigkeit schwächt, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und sich eine Zeit lang am Stück zu konzentrieren – das ist ein echtes Problem im digitalen Zeitalter.
Und zu einem guten Leben gehört auch, etwas Sinnstiftendes zu tun und mit Arbeit seinen Teil zum Gelingen des Ganzen beizutragen. Auch das Tun macht Menschen glücklich und hält gesund. Wichtig ist die Balance, und da haben wir in puncto Nichtstun noch einiges nachzuholen.
Birgit Stratmann
Joseph Jebelli. the brain at rest: Wie wir durch Nichtstun unser Leben verbessern können. Tipps eines Neurowissenschaftlers gegen Überarbeitung und Burnout. Piper Verlag 2025
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