Gedanken zum Abschied
Wenn ein Mensch stirbt, geschieht das Unfassbare: Der Angehörige, die Freundin kommt nie wieder. Das Sterben wirft auch ein grelles Licht auf unser eigenes Dasein. Am Ende sind es Momente der Nähe und die tätige Liebe, die im Leben wichtig sind.
Diese Tage ist eine Kollegin gestorben. Eine gute alte Bekannte. Ich habe über eine gemeinsame Freundin davon erfahren. Nach langer schwerer Krankheit.
Sie war Journalistin und hat vorwiegend über spirituelle Themen geschrieben. Aber was heißt schon „spirituell“? Über Buddhismus, Meditation und Achtsamkeit, über Ethik und Frieden, über Menschen und vielversprechende Projekte. Das ist die Vorderseite oder Oberfläche. Was ein Mensch arbeitet, womit er oder sie sichtbar geworden ist.
Doch unter der Oberfläche atmet und lebt ein Mensch, der empfindet, fühlt, denkt und Anliegen hat und vieles andere mehr. Nach langer schwerer Krankheit ist sie gegangen, von uns gegangen, gestorben. Es gibt etliche Vokabeln in unserer und in vielen anderen Sprachen, die umschreiben, was wir nicht ausdrücken und fassen können.
Einen Verlust kann man nicht schönreden
Wenn ein Mensch, ein vertrauter oder geliebter Mensch aus dem Leben geht, dann ist das zunächst ein harter Einschnitt. Insbesondere für die Hinterbliebenen.
Der oder die Betroffene hat es vermutlich hinter sich – oder vor sich, je nachdem, was man glaubt, – aber die Hinterbliebenen sitzen da, mehr oder weniger alleine mit ihrem Schmerz, mit einer großen und unfassbaren Lücke, mit nicht einzuhegenden Ängsten, Verunsicherungen, Rissen – sie weinen oder schweigen und stehen nicht selten vor einer kalten Wand.
Der Glaube an ein Jenseits kann helfen, wenn einer denn glauben kann. Aber der geliebte Mensch ist trotzdem verstorben. Einen Verlust kann man nicht einfach schönreden. Weg ist weg.
Auch der Schmerz über den Verlust eines Menschen lässt sich nicht weg reden. Der Schmerz bleibt. Und der Hinweis, man solle an Dingen und Menschen nicht haften, ist auch nicht unbedingt hilfreich. Er klingt schal und altklug und irgendwie auch dumm.
Eine echte Trauerarbeit muss sich den Realitäten und Problemen schon stellen. Und das Problem besteht darin, dass dieser eine konkrete Mensch so nicht mehr wieder kommen wird.
Wir werden diesen einen singulären Menschen so nie wieder sehen und hören, wir werden mit diesem Menschen nie wieder an einem Tisch sitzen können. Das ist das eigentlich Unfassbare daran.
Wir leben auf Widerruf
Eine Kollegin ist gestorben, und ich war nicht dabei. Ich habe mir berichten lassen, in groben Zügen, und selbst diese Schilderung ging mir spürbar unter die Haut. Sterben ist keine gute Sache.
Die Menschen haben nicht grundlos Angst vor dem Sterben und vor dem, was mit und nach dem Sterben kommt. Das Sterben ist nicht nur ein tiefer und brutaler Einschnitt in das Leben.
Das Sterben wirft ein grelles Licht auf die eigene Existenz. Das Sterben stellt so ziemlich alles infrage, was uns wichtig und teuer war und ist. Als würden wir nur auf Widerruf leben, was wir ja tatsächlich tun.
Wenn ich einmal gestorben sein werde, spielt es keine Rolle mehr, ob ich dieses oder jenes besessen oder erreicht habe. Und da wir alle irgendwann sterben müssen, werden unsere vermeintlichen Ziele in diesem Leben schnell auf eine direkte, unsanfte Weise relativiert und geradezu annulliert.
Diesem Check hält vieles nicht stand, allenfalls Momente der Nähe, des Mitgefühls, der tätigen Liebe. Alles andere zerfällt zu Staub, zu schierer Bedeutungslosigkeit. Ganze Weltreiche werden schlagartig zu einer blassen Chimäre.
Respektvolles Schweigen
Angesichts des Todes klingen Worte schal und hohl. Ich persönlich finde das Schweigen angemessen. Angesichts des Todes versagt die Sprache. Die floskelhaften Beileidsbekundungen können den Schmerz der Hinterbliebenen noch vergrößern. Es ist nicht respektlos, einfach den Mund zu halten. Vielleicht ein Händedruck. Ein stummer Blick in die Augen. Eine herzliche Umarmung.
Worte aber trennen. Das wissen wir insgeheim. Mit einem Wort hebe ich etwas hervor, mache auf etwas aufmerksam, skizziere die Umrisse von etwas – und eben auch seine Grenzen zu anderen Gegenständen, Personen, Sachverhalten. Im Alltag, zumal im professionellen Alltag kann es nützlich sein, auf Unterschiede aufmerksam zu machen.
Angesichts des menschlichsten aller menschlichen Themen wirkt so eine verstandesmäßige Sichtbarmachung eher kalt und gefühllos, um nicht zu sagen geschmacklos. Das Sterben – es bleibt ein Ende mit ungewissem Ausgang. Für alle Beteiligten.
Im respektvollen Schweigen, das aber kein Dösen sein darf, sondern ein vergegenwärtigendes Schweigen, ein betonendes Schweigen, kommen die Risse und Flächen der Wirklichkeit zum Vorschein. Und das Schweigen – das ist vielleicht auch nicht ganz unwichtig – stört die anderen Menschen nicht in ihrer Trauer.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Hat unsere Reise einen Anfang und ein Ende?
Was mich noch bewegt: Das Sterben ist ja keine Seltenheit. Jeden Tag sterben Tausende von Menschen und Tieren – nicht nur eines natürlichen Todes, sondern gewaltsam auf den Schlachtfeldern, auf den Autostraßen, in den Schlachthöfen.
Die Menschen sterben auch den nicht natürlichen Tod durch ihresgleichen. In den Nachrichten hören und lesen wir von den unerhörten Opferzahlen und können großenteils gar nicht mehr darauf reagieren. Es ist des Sterbens einfach zu viel.
Und mit jedem Sterben ist auch Leid verbunden – ein Leid, das von Menschen verursacht wurde. Die Opferzahlen geben keine Auskunft über die Tragweite jedes einzelnen Todes.
Angesichts des Sterbens von konkreten einzelnen Menschen ist eine Sichtweise allerdings hilfreich: Das Leben ist – unabhängig davon, wie die Umstände sein mögen – immer eine Durchgangsstation.
Und diese Reise hat mit unserer Geburt vielleicht oder ganz sicher nicht begonnen, und sie wird mit unserem Ableben vermutlich auch nicht enden.
Wir wissen letztlich nicht, woher wir kommen und wohin wir gehen. Zumindest die meisten Menschen wissen das nicht. Doch wir können für sicher nehmen, dass unsere Reise schon lange währt und weiter gehen wird.
Die Vorstellung einer Reise, einer Weiterreise, auf der wir einen verstorbenen Menschen, aber auch ein verstorbenes Tier begleiten können, hat etwas Tröstliches.
Und diese Vorstellung spendet nicht nur Trost – sie ist auch konkret hilfreich. Denn in der Begleitung müssen wir nicht passiv im Leiden verharren, sondern können etwas tun.
Wir können für einen anderen Menschen beten oder praktizieren, also Gebete, Psalmen oder Sutren rezitieren, Segenswünsche aussprechen oder in unserer Vorstellung Kontakt mit der Seele des oder der Verstorbenen aufnehmen. Das hilft nicht nur denen, die von uns gegangen sind, sondern auch und nicht zuletzt uns selbst.
Sven Precht
Sven Precht hat Philosophie und Literatur studiert und unterschiedliche Berufe und Tätigkeiten ausgeübt: Redakteur (Zeitschriften, Online-Portale) , Autor, Projektleiter, IT-Sicherheitsbeauftragter, Podcaster (!auf ZENdung!). Er praktiziert seit 2004 formale Zen-Meditation nach der koreanischen Tradition. In Ravensburg leitet er eine Zen-Gruppe.
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