Über eine Verschiebung unseres Selbstbildes
In Zeiten von Social Media verschwindet die Grenze zwischen öffentlich und privat. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter beobachtet, dass sich Menschen auch über ihr Opfersein definieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Was bedeutet dies für Menschen, die schweres Leid erlebt haben? Ein Buch, das die Augen öffnet für ein wenig beachtetes Phänomen.
Mit „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ ist der Philosophin Maria-Sibylla Lotter ein mutiges Buch zu einem heiklen Thema gelungen: Wie kann es sein, dass sich Menschen in unserer Gesellschaft über ihr Opfersein definieren, auch um Aufmerksamkeit zu bekommen? Und was bedeutet das für Menschen, die schweres Leid erleben – wird dies dadurch relativiert?
Vorab sei gesagt: Die Autorin stellt weder die Realität von Diskriminierung infrage noch verharmlost sie Leid und Gewalt. Sie untersucht jedoch kulturelle Mechanismen, die dazu führen können, dass Verwundbarkeit Identität stiftet und welche Folgen das haben kann.
Laut Lotter hat sich unser Umgang mit Konflikten stark verändert. Sie nennt hier drei Faktoren: Erstens erfährt die Öffentlichkeit über Medien, vor allem soziale, immer schneller und mehr über private Auseinandersetzungen, sodass das Private zu einem öffentlichen Ereignis wird.
Zweitens würden Konflikte häufiger auf ein Täter-Opfer-Schema reduziert. Komplexe Zusammenhänge würden vielfach ausgeblendet, dadurch entstünden moralisch eindeutige Bewertungen, die die Wirklichkeit unzureichend abbilden.
Drittens würden mit Blick auf die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts im Alltag zunehmend therapeutische Sichtweisen übernommen, die die Betroffenheit der Opfer ins Zentrum rückt und sie als psychisch verletzte Wesen behandeln. Dadurch erführe der leidende Mensch heute mehr Aufmerksamkeit.
Opfer erhalten mehr Aufmerksamkeit als früher
Früher wurde Leid, etwa die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, eher tabuisiert. Heute bekommen Opfer, die ihre Erfahrungen öffentlich bekunden, oft unmittelbare Aufmerksamkeit und Gehör; wer glaubhaft auf erlittenes Unrecht verweist, könne sogar moralische Autorität für sich reklamieren.
So ist die Gesellschaft insgesamt stärker für Gewalt, Diskriminierung und Traumatisierung sensibilisiert. Das erkennt Maria-Sibylla Lotter als wichtigen Fortschritt an.
Doch diese Entwicklung habe auch Schattenseiten, so die Philosophin: In der Aufmerksamkeitsgesellschaft würden moralische Ansprüche häufig über die Darstellung von Betroffenheit erzielt. Sie untersucht das am Beispiel des Musikers Gil Ofarim. Dieser hatte behauptet, der Mitarbeiter eines Leipziger Hotels habe ihn antisemitisch beleidigt.
Seine persönliche Betroffenheit löste in den sozialen Medien eine Welle der Empörung aus. Der Hotelmanager erhielt sogar Morddrohungen. Allerdings musste Ofarim später zugeben, dass seine Vorwürfe erfunden waren, er hatte keine Diskriminierung erfahren, sondern dies lediglich behauptet.
Sind wir Handelnde oder Leidende?
Maria-Sibylla Lotter plädiert dafür, Menschen nicht ausschließlich über ihre Verletzungen zu definieren, sondern ebenso ihre Handlungsfähigkeit und Verantwortung in den Blick zu nehmen. So könnten sie ihre eigene Freiheit und ihren Handlungsspielraum wahrnehmen.
„Genauso sehen wir uns selbst mal als freie und verantwortliche Personen, mal als verletzliche und gefährdete Wesen – obwohl wir in Wahrheit beides zugleich sind. Doch es hängt von uns ab, welche Haltung wir einnehmen, ob wir uns primär als Handelnde oder als Leidende verstehen – und wie wir die Balance zwischen beiden Perspektiven halten. Davon wiederum hängt ab, was wir für möglich halten und wie weit wir unseren eigenen Möglichkeitsspielraum tatsächlich ausloten.“
Damit erinnert sie an einen zentralen Gedanken der Aufklärung: die Würde des Menschen besteht nicht allein in seiner Schutzbedürftigkeit, sondern auch in seiner Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln.
Zugleich weist die Philosophin auf die Gefahr hin, dass echte Opfererfahrungen relativiert werden könnten, wenn Menschen sich zu schnell als Opfer stilisierten. So würden Fortschritte bei der Bewältigung beispielsweise von Armut, Gewaltkriminalität oder Rassismus marginalisiert.
Komplexe Themen klar und kritisch formuliert
Lotter schreibt klar und ohne Fachjargon, vermeidet dabei gleichzeitig jede Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Sie unterscheidet die verschiedenen Bedeutungen von Verwundbarkeit, Opferstatus und Anerkennung und zeigt, dass zwischen tatsächlicher Opfererfahrung und kultureller Identifikation mit dem Opferstatus ein wichtiger Unterschied besteht. Nicht jedes Pochen auf Verletzlichkeit sei zum Beispiel Ausdruck realen Leids.
Nicht jeder wird allen Schlussfolgerungen der Autorin zustimmen. Zum Beispiel dürfte Lotters These, dass Opferstatus mitunter eine Ressource für soziale Anerkennung sein könnte, in bestimmten Gruppen Widerspruch hervorrufen.
Doch genau darin liegt auch eine Qualität des Buches: Es liefert keine endgültigen Antworten, sondern ermutigt, vertraute Denkweisen zu überprüfen und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.
Anja Oeck
Maria-Sibylla Lotter, Opfer. Über die Verwundbarkeit als Selbstbild. Hanser Verlag 2026