“Wer sich verbunden fühlt, lebt gesünder”

Anna Selle/ Unsplash

Interview mit dem Gesundheitsforscher Tobias Esch

Das Gefühl der Verbundenheit stärkt die Gesundheit – das ist das Ergebnis der neuesten Forschung von Prof. Tobias Esch. Er hat ein „Koordinatensystem der Verbundenheit“ entwickelt und nennt zwei wesentliche Übungen: regelmäßige Praxis der Achtsamkeit und tiefes Zuhören.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Sie forschen zu den Themen Gesundheit, Achtsamkeit und Verbundenheit. Sie sagen, wir leben in Zeiten der Unverbundenheit. Wie zeigt sich diese und was sind die Folgen davon?

Esch: Unverbundenheit zeigt sich zum Beispiel in Gefühlen von Einsamkeit, Ausgeschlossensein, Isolation. Das kann zu handfesten Erkrankungen führen: Menschen, die einsam sind, haben ein doppelt so hohes Risiko für Depressionen und eine zu einem Drittel erhöhte Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Studien zeigen: Menschen, die sich verbunden sich fühlen, empfinden mehr Glück und haben eher eine optimistische Lebenseinstellung, einen besseren Kontakt auch zu sich selbst und ihren Gefühlen. Und das wirkt sich über das Belohnungssystem im Gehirn schließlich auf den ganzen Körper aus.

Was ist eigentlich Verbundenheit und gibt es verschiedene Dimensionen?

Esch: Wir haben ein Koordinatensystem der Verbundenheit entwickelt, ausgehend vom individuellen Menschen, in der Mitte: Vor mir befindet sich die Generation, die nach mir kommt: die jüngeren Menschen, Kinder, Enkelkinder, Schülerinnen. Wie stark fühle ich mich mit ihnen verbunden?

Hinter mir stehen die Menschen, die vor mir da waren und mich hervorgebracht haben: Eltern, Großeltern, Lehrerinnen, Vorbilder. Dann gibt es neben mir meine Wegbegleiter, Partnerin, Freunde, Kolleginnen, Nachbarn, meine sozialen Kontakte.

Eine zusätzliche Dimension wäre über mir und deutet auf das, was über mich hinausweist wie Spiritualität, Transzendenz. Unter mir habe ich die vierte Dimension: die Erde, auf der ich stehe, Land und Leute, Heimat und Kultur.

Wir fragen dann: Wie stark bin ich auf den verschiedenen Ebenen verbunden? Und das können wir auf einer Skala messen. Ich kann mir bildlich eine Art Kreis oder eine Kugel um mich herum vorstellen. Und dann messe ich, ob die Kugel zu allen Seiten gleich stark ist, wie groß sie ist und ob sie „Dellen“ hat. Optimalerweise wäre der Kreis um mich herum gleichmäßig, dann bin ich in meiner Mitte.

Wer Achtsamkeit übt, ist mehr in sich selbst zu Hause.

Das klingt ein wenig schematisch.

Esch: Wichtig ist zu sehen, dass das alles nicht statisch ist, sondern dynamisch. Manchmal hat man das Gefühl, die Mitte wäre verlagert, etwa wenn die Zuversicht, also beispielsweise die Verbundenheit mit der jüngeren Generation schwach ist. Oder wenn meine Mitte nach hinten verlagert ist, also mehr zur Vergangenheit tendiert. Dann kann man sich überlegen: Wie stärke ich die Ebenen, die schwächer ausgeprägt sind?

Und wie wäre das möglich? Gibt es da Übungen, Praxisformen?

Esch: Ein Punkt zur Stärkung der Verbundenheit ist die Meditation. Das ist ein großer Sammelbegriff, ich will hier lieber konkret von Achtsamkeit sprechen, weil dazu viel geforscht wurde.

Wer Achtsamkeit übt, ist, besser in der Lage, seine Emotionen zu regulieren, also dem Impuls, auf etwas reagieren zu müssen, eine Pause zu geben. Zweitens haben die Praktizierenden ein stärkeres Gewahrsein für sich selbst und den Körper. Sie sind mehr in sich selbst zu Hause. Drittens sind sie in der Lage, die Aufmerksamkeit zu regulieren. Das heißt, sie schaffen es besser, ins Jetzt zurückzukommen.

Menschen, die regelmäßig meditieren, im Schnitt über 30 Minuten pro Tag, zeigen in unserer Forschung insgesamt eine wunderbar runde Kugel im Koordinatensystem, sie sind mit allen Dimensionen gleichermaßen verbunden.

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Zuhören stiftet Verbundenheit.

Eine weitere Praxis ist die des Zuhörens, also im Gespräch wirklich präsent sein und sich nicht schon beim Hören zu überlegen, was man sagen will. Das vorurteilsfreie Schenken von Präsenz im Gespräch erzeugt eine tiefe Verbundenheit – und zwar nicht nur bei dem, der spricht, sondern auch und gerade bei dem, der zuhört; hier sogar noch ein bisschen mehr.

Was bedeutet das alles für uns als Gesellschaft?

Esch: Jetzt verlasse ich meine Studien, aber natürlich kann ich eine Einschätzung mit Ihnen teilen: Das Zuhören steht für die Bereitschaft, etwas vom anderen zu lernen. Es steht für Gemeinsamkeit und Offenheit.

Hinzukommt, dass ich mich dadurch ein wenig relativieren kann. Manchmal haben wir Sorgen, auch berechtigte Sorgen. Und je mehr ich daran denke, umso größer werden sie in mir. Möglicherweise lande ich sogar in der Opferrolle.

Um da herauszukommen, brauchen wir Zeugenschaft, möglichst vorurteils- oder urteilsfrei: dass wir etwas sagen, ausdrücken können und ein anderer dies aktiv hört und dadurch bezeugt. Das kann ein Schlüssel sein, um etwas neu und frisch angehen zu können. Während ich etwas ausspreche, scheint mitunter schon eine Lösung auf. In diesem Raum spürt auch der Zuhörende, dass etwas Wichtiges geschieht.

Oft ist es ja so: Wir haben ein Problem und wollen, dass jemand anders es löst: eine Ärztin, ein Therapeut, ein Profi. Ich brauche eine Chipkarte, eine Überweisung und bin in der Position des Kranken.

Im Gespräch auf Augenhöhe merken wir dann: Eigentlich kennen wir selbst den Weg. Die Lösung ist in uns. Wenn Raum da ist und jemand zuhört, wissen wir plötzlich, was zu tun oder zu lassen ist, was gebraucht wird.

Foto: Volker Wiciok

Prof. Dr. Tobias Esch ist Mediziner, Neurowissenschaftler und Gesundheitsforscher. Er forscht u. a. an der Harvard Medical School. Seit 2016 ist er Institutsleiter an der Universität Witten/Herdecke. Seiner Arbeit liegt die Selbstregulation als Potenzial für Resilienz, Selbstheilung und Gesundheitsförderung zugrunde. Esch erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist Bestsellerautor, u.a. des Buches “Wofür stehen Sie morgen auf”. www.prof-esch.de

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