Kinofilm: Palästina 36
Der Kinofilm „Palästina 36“ erzählt die leidvolle Geschichte der Palästinenser von 1936 bis 1939 – und zwar aus der palästinensischen Perspektive. Das ist nicht die ganze Wahrheit, aber wichtig für das Verständnis des heutigen Konflikts.
„Und vielleicht kann London die Dinge aus unserer Perspektive sehen“, bittet eine Palästinenserin im Jahr 1936. Sie spricht mit etwa 20 Frauen beim Britischen Hochkommissar vor, um ihm die Nöte des palästinensischen Volkes und die Brutalität des britischen Militärs schildern.
Zuvor hatten die Damen, alle mit Hüten und vornehm gekleidet, vor dem Britischen Hauptquartier in Sprechchören skandiert: „Palästina steht nicht zum Verkauf“. So beginnt das Historiendrama „Palästina 36“, das die Jahre um 1936 explizit aus palästinensischer Sicht darstellt.
Regisseurin Annemarie Jacir, selbst Palästinenserin, erzählt die Geschichte des Arabischen Aufstands zwischen 1936 und 1939, denn über diese schicksalsentscheidende Zeit ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt.
Zu der Zeit siedelten sich immer mehr Juden in Palästina an, weil sie vor wachsendem Antisemitismus und der Verfolgung im Zuge des Holocaust flohen, manche wohl auch aus zionistischen Motiven. Über diese Motive verliert der Film jedoch kein Wort, aus welchen Gründen auch immer.
Im Fokus des Films steht der Widerstand der arabischen Bevölkerung gegen die britische Mandatsverwaltung; Großbritannien hatte das Gebiet im Ersten Weltkrieg erobert.
Dass die Lage damals komplexer war und sich Zorn und Gewalt auch gegen arabische Großgrundbesitzer richtete, die zum Teil in Beirut oder Damaskus lebten, bleibt im Film ebenfalls unerwähnt. Dadurch dass die Landlords Land an die zionistische Bewegung verkauften, wurden viele Bauern ihres Bodens beraubt.
1935, zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung, waren laut Jewish Virtual Library über 66.000 Juden in das Britische Mandatsgebiet Palästina eingewandert. Die Palästinenser, seinerzeit etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung, erlebten den Verlust landwirtschaftlicher Flächen und Verarmung.
All das führte zu Aufständen und Gewalt auf beiden Seiten. Für die Palästinenser besonders bitter: Jüdische Siedler steckten palästinensische Felder und Haine in Brand.
Die britische Mandatsmacht schlug sich auf die Seite der jüdischen Einwanderer, es kam zu Razzien, inklusive Inhaftierung sowie Einschränkung der Bewegungsfreiheit mittels Passierscheinen und Kontrollpunkten, und zu Diskriminierung.
Spannungen innerhalb der palästinensischen Elite
Regisseurin Annemarie Jacir, 1974 in Bethlehem ist eine prominente palästinensisch-christliche Familien hineingeboren, hat die Ereignisse in zwei Haupterzählstränge eingebettet: Der eine spielt im pastoralen, palästinensisch-galiläischen Dorf al-Basma (in Realität: al-Bassa), der andere in einer Villa, sprich: der palästinensischen High Society in Jerusalem. Hier geht es um die Beziehung eines palästinensischen Verlegerehepaars, wobei die Frau unter männlichem Pseudonym schreibt, damit ihre Artikel in der arabischen Zeitung überhaupt gelesen werden.

Die Ehe zerbricht spätestens dann, als die weltgewandte, rauchende Khuloud mit Oxford-Diplom in einer Schublade ihres Mannes Dutzende von Schecks der Zionistischen Kommission für Palästina / Büro für Arabische Angelegenheiten findet. Ihr Mann Amir hatte sich dafür bestechen lassen, dass seine Zeitung zionistische Gastbeiträge veröffentlicht, während seine Frau mit scharfer Feder gegen den Zionismus anschrieb. Diese Geschichte zeigt die politischen Spannungen und unterschiedlichen Positionen innerhalb der palästinensischen Elite jener Zeit.
Der Film, der starke Nerven erfordert, gipfelt im Massaker der Briten von al-Basma/al-Bassa vom 7. September 1938, einem christlich-muslimischen Dorf an der Grenze zum Libanon.
Mit den Augen der Palästinenser auf den Konflikt schauen
Der knapp zweistündige Film, der auch restauriertes Archivmaterial verwendet und Originalzeitungsartikel einblendet, zeigt dreierlei:
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die klare Parteinahme der britischen Mandatsmacht für das zionistisch-jüdische Siedlungsprojekt gegen die angestammte palästinensische Bevölkerung
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wie Israel heute als Besatzungsmacht in den palästinensischen Gebieten diese Politik fortsetzt (aktuell: 925 Straßensperren im Westjordanland laut UN-OCHA sowie 3.358 palästinensische „Administrativhäftlinge“ in israelischen Gefängnisse laut Menschenrechtsorganisation Addameer)
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wie es gerade Politikern der westlichen Welt bis heute schwerfällt, auf den Nahost-Konflikt und den Gaza-Krieg auch mit palästinensischen Augen zu blicken und eine ausgewogene Politik zu machen, die den Tatsachen vor Ort gerecht wird.
Dieser Film ist eine wertvolle, anschauliche Ergänzung zu den wenigen Büchern, die den dreijährigen Arabischen Aufstand vor 90 Jahren beleuchten. Natürlich ist ein fiktiver Film ein künstlerisches Werk, das mit historischen Tatsachen spielt. Man kann das kritisieren, gerade auch weil wichtige Perspektiven unter den Tisch fallen. Dennoch ist es Jacir gelungen, eine Leerstelle zu schließen und zu zeigen, dass das Leid der Palästinenser nicht mit der Gründung Israels 1948 begann.
Bleibt zu hoffen, dass der Film nicht noch mehr polarisiert, sondern zu mehr Verständnis bei alle jenen beiträgt, die eine friedliche und gerechte Lösung anstreben.
Johannes Zang