Wie gehe ich damit um, wenn Kranke aggressiv sind?

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Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Umgang mit Kranken in unserem persönlichen Umfeld auf: „Mein Bruder ist chronisch krank, eine gute Freundin leidet unter Depression. Sie sind manchmal gereizt und aggressiv. Wie viel darf ich ihnen “durchgehen” lassen?“

 

Frage: Mein Bruder ist chronisch krank, eine gute Freundin leidet unter Depression. Sie sind manchmal gereizt und aggressiv. Wie viel darf ich ihnen “durchgehen” lassen? Ist es okay, Grenzen zu setzen und ehrlich zu sagen, wenn mich ihre destruktive Kommunikation nervt? Oder sollte ich mehr Geduld üben, weil ich ja weiß, was sie durchmachen? Kann man überhaupt eine Beziehung mit einem Kranken auf Augenhöhe führen?

Jay Garfield: Krankheiten können Menschen verändern. Schwere Erkrankungen – gerade auch wenn sie chronisch oder lebensbedrohlich sind und Schmerzen oder Müdigkeit verursachen – können Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben und Stress, Depressionen und Frustration hervorrufen.

Psychische Erkrankungen gehen vielfach mit Aggressionen einher, manchmal mit Wahnvorstellungen oder nicht nachvollziehbaren Einstellungen. Zuweilen erschweren Persönlichkeitsveränderungen des Betroffenen den Kontakt zu anderen Menschen.

Wie sollen wir auf diese Veränderungen und Verhaltensweisen im nahen Umfeld reagieren? Und ist es überhaupt möglich, eine Beziehung zu einem kranken Menschen auf Augenhöhe zu führen?

Im Falle einer schweren psychischen Erkrankung lautet die Antwort eindeutig „nein”. Eine Beziehung unter Gleichen setzt aus meiner Sicht zumindest annähernd gleiche Fähigkeiten zur sozialen Interaktion und zum gegenseitigen Verständnis voraus.

Das kann man mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern vergleichen: Es ist unmöglich, dass Eltern und ein Kleinkind eine Beziehung auf Augenhöhe haben, denn die Eltern müssen die Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Gleiches gilt für Erwachsene und ihr Verhältnis zu Menschen mit Demenz und pflegebedürftigen älteren Verwandten.

Unterschiede in Bezug auf Fähigkeiten, Status oder Macht im Zuge der Erkrankung können zu Ungleichheit in der Beziehung führen. Diese Unterschiede in den Fähigkeiten können, je nach Krankheit, vorübergehend oder dauerhaft sein.

Wir sollten auch bedenken: Jeden von uns kann so ein Schicksal ereilen. Der Pflegende von heute kann schon morgen selbst von einer Krankheit betroffen sein.

In diesem Sinne und weil alle Menschen die gleiche Würde haben, ist die Ungleichheit sehr spezifisch, zeitlich begrenzt und den Umständen der Erkrankung geschuldet. Jeder kann irgendwann in seinem Leben beeinträchtigt sein. Wir können nur hoffen, dass die Menschen in unserem Umfeld uns dann mit Verständnis begegnen und gleichzeitig Verantwortung übernehmen.

Kranke Personen haben weniger Kontrolle

Wenn Sie in der Lage sind, einer kranken Person bei der Pflege zu helfen, kann es für Sie von Vorteil sein, die Haltung eines Betreuers oder eines mitfühlenden Freundes einzunehmen.

Sie sollten auch bedenken, dass Ihre Fähigkeit, Hilfe zu leisten, begrenzt ist. Irgendwann sind Sie erschöpft und müssen sich um Ihr eigenes Wohlbefinden kümmern.

Bei psychischen Erkrankungen eines nahstehenden Menschen, auch bei Demenz, liegt es in der Verantwortung der gesünderen Partei, mit der Situation umsichtig und mit Rücksicht auf den anderen umzugehen.

Das bringt uns zurück zu den Fragen, die Sie zuerst gestellt haben: Wie viel sollten Sie ihnen durchgehen lassen? Ich denke, diese Fragen sollten besser anders gestellt werden. Denn die Vorstellung, dass eine schwer kranke Person mit ihrem Verhalten „davonkommt”, schreibt ihr mehr Handlungsfähigkeit zu als sie hat.

Psychische Erkrankungen etwa sind ja gerade dadurch charakterisiert, dass die Betroffenen nur vermindert handlungsfähig sind. Handlungen und Worte entspringen oft psychologischen Prozessen, die für den Kranken selbst undurchsichtig sind, sie sind eher zwanghaft als freiwillig.

Wir sagen manchmal, dass hier die Krankheit ist, die spricht, nicht die Person. Und dies ist oft die beste Möglichkeit, destruktives Verhalten und Sprache zu erklären und zu verstehen.

Nehmen Sie eine fürsorgliche Haltung ein

Unter solchen Umständen „kommen“ sie nicht mit schlechtem Verhalten davon; sie leiden selbst darunter und sind sich selbst sogar fremd. Die angemessene Haltung für die gesunde Partei – so schwierig das auch sein mag – ist eine Haltung der Fürsorge und Anteilnahme, nicht der Verärgerung oder Wut. Seien Sie responsiv, nicht reaktiv; denken Sie wie ein Elternteil oder eine Pflegekraft, nicht wie ein gleichberechtigter Freund oder Bruder.

Fragen Sie sich nicht, wie Sie sich verhalten sollen, wenn Sie verletzt werden oder etwas Unerwünschtes erleben, sondern wie Sie jemandem helfen können, der so wenig Kontrolle darüber über seine Äußerungen und sein Verhalten hat.

Versuchen Sie, die egozentrische Haltung aufzugeben, die dazu führt, dass man auf Ärger reagiert. Nehmen Sie eine fürsorgliche Haltung ein. Das ist natürlich nicht leicht. Es ist schwer, die eigenen unmittelbaren emotionalen Reaktionen beiseite zu lassen.

Chronische Erkrankungen sind sowohl für die Betroffenen als auch für die Menschen, die mit ihnen leben, sehr belastend. Aber wir sind aufgefordert, das Beste aus einer schlechten Situation zu machen. In diesen Fällen liegt es in der Verantwortung der gesunden Person, sich anzupassen, damit sie der kranken Person helfen kann, sich zu erholen.

Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org

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Jay Garfield, Foto: Spitz
Jay Garfield, Foto: Spitz

Prof. Dr. Jay L. Garfield

ist Autor der Kolumne “Ethische Alltagsfragen” bei Ethike heute. Professor für Philosophie am Smith College, in Northhampten in den USA. Zudem ist er Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie “Losing Ourselves: Learning to Live without a self” (2022).

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