Wie sich Anti-Demokraten tarnen

Die Neue Rechte deutet Werte um

Die Rechtspopulisten vereinnahmen Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Widerstand. Die Historikerin Ruth Hoffmann zeigt, wie rechte Organisationen Geschichte umdeuten und demkratische Ideen mit ihrer Ideologie neu besetzen. Ein lehrreiches Buch gegen Verharmlosung rechtsextremer Politik.

Schwarz-Rot-Gold – viele Deutsche haben lange mit ihrer Nationalflagge gehadert. Nicht zuletzt deshalb, weil manche nicht wissen, dass vor 200 Jahren studentische Revolutionäre unter diesen Farben für ein geeintes und freiheitliches Deutschland demonstrierten. Trotz gewaltsamer Gegenwehr stießen sie eine Bewegung an, die 1848 im ersten Parlament der deutschen Geschichte mündete.

Die Historikerin und Journalistin Ruth Hoffmann erinnert in ihrem Buch “Raubzug von rechts” an die Wurzeln von Begriffen wie Nation, Freiheit, Familie, Demokratie und Widerstand. Sie betrachtet diese Geschichte jedoch aus einer neuen Perspektive. Beklemmend und akribisch zeigt sie, wie die politische Rechte diese Begriffe kapert, umdeutet und für ihre Ziele missbraucht.

Das Buch ist damit eine Kampfansage gegen Gleichgültigkeit und ein Plädoyer für die Werte einer demokratischen Gesellschaft. Deshalb stellt Hoffmann ihrem Buch ein Zitat von Erich Kästner (1899-1974) voran. Mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus schrieb er:

„Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten … Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“

Hoffmann beschreibt, wie sich die Neue Rechte der Geschichte bemächtigt. Sie missbrauche den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ebenso wie die friedliche Revolution in der DDR.

„Dieser Raubzug betrifft uns alle, egal, ob wir links oder konservativ sind“, schreibt sie. „Es ist darum eine gemeinschaftliche Aufgabe, entschiedenen Widerspruch gegen die Vereinnahmungen zu erheben.“

Rechte vereinnahmen Sophie Scholl

Dafür liefert die Autorin Argumente und Denkanstöße. Zugleich bietet das Buch einen Auffrischungskurs in deutscher Geschichte und einen alarmierenden Blick auf die Strategien der Neuen Rechten in einem Land, in dem „Nie wieder“ jahrzehntelang als Konsens galt.

Worum geht es? Hoffmann zeigt, wie sich Rechte als mutige Widerständler gegen angebliche Eliten inszenieren. Sie vereinnahmen Vorbilder wie Dietrich Bonhoeffer, Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Sophie Scholl. Sie versuchen, die Demokratiebewegungen von 1848 und 1989 für sich zu beanspruchen, während sie die heutigen Parlamente zugleich bekämpfen und schwächen.

Auch Familienpolitik deuten sie zur Bevölkerungspolitik für ein ethnisch homogenes Volk um. Das bleibt nicht ohne Folgen. Es verschiebt, wie Hoffmann schreibt, das „ideelle Koordinatensystem“ – und das bei allen.

Mitunter ist diese Bestandsaufnahme schwer zu ertragen. Beim Lesen stellt sich Schwindel ein angesichts so vieler Verdrehungen und Aneignungen. Hoffmann wertet dieses Unbehagen als gutes Zeichen. Es zeige, dass der eigene politische Kompass noch funktioniere.

Wie Feinde der Demokratie die Demokratie für sich nutzen

Wer verstehen will, was gerade geschieht, muss erkennen, wie Tatsachen verbogen und Begriffe wie Nation, Freiheit, Familie, Demokratie und Widerstand von rechtsextremen Kreisen pervertiert werden. Die Begriffe und Ideen, die eigentlich von allen getragen werden, dienen dann als Träger rassistischer, sexistischer und ausgrenzender Propaganda.

Wer der AfD etwas entgegen setzen will, so Hoffmann, müsse sich Kräften und Parteien entgegenstellen, die die freiheitliche Demokratie bekämpfen. „Es hat keinen Zweck, damit bis zum großen Knall zu warten.“

Nicht nur die deutsche Geschichte, auch die Entwicklung in den Vereinigten Staaten zeige, dass Feinde der Demokratie auf legalem Weg an die Macht gelangen können. „Wir müssen den Schneeball erkennen, bevor er zur Lawine wird, und dürfen uns nicht vormachen, dass hier nur ein paar Leute einen Schneemann bauen wollen“, schreibt sie in Anlehnung an Kästner.

Zum Schluss bleibt eine Warnung. Wer Ruth Hoffmanns Buch gelesen hat, kann nicht mehr behaupten, von all dem nichts gewusst zu haben. Doch das Buch will mehr als warnen. Es macht aus Lesenden Lernende. Es weckt den Wunsch, das zu verteidigen, worauf wir stolz sein können: eine demokratische und offene Gesellschaft, in der nicht Hass und Hetze den Ton angeben.

„This is what democracy looks like!“ So lautete der Ruf der Demonstrierenden bei den No Kings Protesten gegen Donald Trump in den Vereinigten Staaten. Für Hoffmann bringt dieser Satz auf den Punkt, worum es geht: „Vielfältig, bunt, widersprüchlich, streitbar, lebendig, frei. Nur in diesem System ist all das möglich. Was für ein Glück!“

Kirsten Baumbusch

Ruth Hoffmann: Raubzug von rechts. Wilhelm Goldmann Verlag, 2026

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