Wie das Gehirn uns Streiche spielt

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Denkfehler und was wir dagegen tun können

Unsere Wahrnehmung der Welt ist oft gefärbt von Wünschen, Werten und Meinungen. Diese verhindern, dass wir Fakten zur Kenntnis nehmen. Doch wie können wir Trugschlüsse vermeiden und die Realität erkennen? Charles Darwin hatte einen klugen Gedanken dazu.

Wir kennen das alle: Je öfter wir etwas hören oder lesen, um so realistischer erscheint es uns. Das bestätigt auch die hochgerankte Metaanalyse von Steeven Ye et al. im Jahr 2026: die über 31.000 Teilnehmenden hielten Aussagen für echter, wenn diese wiederholt wurden.

Dieser sogenannte „Illusionäre-Wahrheits-Effekt“ zeigte sich zwar nicht als signifikanter Wert – blieb jedoch über alle Altersgruppen und Ländergrenzen hinweg erkennbar. Die Metaanalyse spricht damit eine Gefahr an: Nämlich die, dass Menschen selbst unglaubwürdige Aussagen oder Nachrichten schnell als wahr annehmen, wenn sie Behauptungen öfter hören.

Rechtspopulisten und andere, die Menschen manipulieren wollen, machen sich das zunutze. Und die sozialen Medien, in denen Aussagen einfach behauptet werden, fördern diesen Mechanismus.

Wissenschaftlich beruhen solche „Denkfehler“ auf kognitiven Grundlagen: Menschen unterliegen oft einem Bestätigungsfehler – Confirmation Bias – den man auch „den bleibenden ersten Eindruck“ nennen kann.

Diesem ersten Eindruck von Dingen, der so einen starken Einfluss auf uns hat, unterliegen wir einer Studie von Vincent Berthet et al. zufolge auf drei Ebenen: bei der Informationssuche, der richtigen Gewichtung von Information und dem Erinnern von Eindrücken, wo es leicht zur Erinnerungsverzerrung kommt. Auch das wird erforscht.

Das eigene Denken kritisch beleuchten

So fragte eine weitere Studie, wann Bestätigungsfehler, also Falschannahmen, ohne nähere Beschäftigung mit Themen, sich als weniger gefährlicher erwiesen. Hier hilft eine gut ausgeprägte Metakognition, Denkfehlern auf die Schliche zu kommen. Metakognition meint die Fähigkeit, sich auf höherer Ebene mit eigenen und fremden Denkprozesse auseinanderzusetzen.

Metakognition praktizieren viele Meditierende oder Wissenschaftler:innen, aber auch Menschen, die eine perspektivreichere Sicht einnehmen und ihr Denken selbst analysieren können. Sie sind beispielsweise in der Lage, Gedanken wie „Eine Großfamilie mit sieben Kindern, das könnte auf Ausnutzung von Sozialgeldern hinweisen“ eher zu relativieren.

Sie halten mit dem Gedanken gegen: „In diese typische Gedankenfalle tappe ich bewusst nicht“ oder auch „Das Klischee, viele Kinder ermöglichten ein Luxusleben, führt dazu, dass wirklich Privilegierte aus dem Blickfeld geraten“.

Interessanterweise schreiben die beiden Forscher Max Rollwage und Stephen M. Fleming vom University College London im Fazit von 2021: „Es zeigt sich, dass selektive Informationsverarbeitung die Entscheidungsfindung verglichen mit unvoreingenommener Informationssammlung sogar verbessern kann. Aber nur, insofern sie mit guter Metakognition einhergeht.“

Die Psychologen betonen noch: Wer Metakognition durch Interventionen fördert, könne selektive Informationsverarbeitung bei politischer Polarisierung wahrscheinlich wirksam mildern. Es wäre also ein gutes Mittel gegen politische Manipulation und damit wichtig, um die Demokratie zu stärken.

Wir glauben, was unsere Meinung bestätigt

Es gibt noch einen weiteren geläufigen Denkfehler: Unsere Werte und Haltungen können dazu führen, dass wir Informationen eher so lesen, dass sie diesen entsprechen. Das haben bereits im Jahr 1979 Wissenschaftler als Teil des Confirmation Bias herausgefunden.

Im Laufe der Coronapandemie zeigten Dr. Sandra Walzenbach und Prof. Dr. Hinze von der Universität Konstanz zudem, dass Menschen auch Medieninhalte anders einschätzen, je nachdem, ob sie ihren Werten und Meinungen entsprechen oder zuwiderlaufen.

Im DUZ-Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft sagt Walzenbach zur Studie von 2022: „Der erste Eindruck (Confirmation Bias) ist sehr hartnäckig. Das hat drei Gründe: Erstens setzen wir uns lieber Informationen aus, die unserer eigenen Meinung nahestehen. (…) Der zweite Aspekt ist, dass uns Argumente glaubwürdiger erscheinen, wenn sie unsere Meinung bestätigen. Drittens hinterfragen wir Inhalte, die unserer Meinung widersprechen, stärker.“

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wie Charles Darwin das Falschannahme-Dilemma gelöst hat

Wenn Menschen jedoch auf drei Ebenen schnell falsch liegen – der Beschaffung, der Bewertung und der Erinnerung von Informationen – dann stellt sich die Frage, wie sie denken sollen, um seltener zu irren. Wie sie ihren Gedanken besser de-polarisieren und an die Realität anpassen können?

Die Antwort dazu hat bereits ein sehr belesener und kluger Wissenschaftler gegeben. Charles Darwin schrieb einst in sein Tagebuch:

„Ich hatte über viele Jahre hinweg eine goldene Regel befolgt: Wann immer mir eine veröffentlichte Tatsache, eine neue Beobachtung oder ein Gedanke begegnete, der meinen allgemeinen Ergebnissen widersprach, notierte ich ihn unverzüglich und ohne Ausnahme; denn ich hatte die Erfahrung gemacht, dass solche Tatsachen und Gedanken viel leichter in Vergessenheit gerieten als günstige (Anm. der Redaktion = Charles Darwin meint mit “günstige Gedanken” für die eigene Weltsicht angenehmere Gedanken). Dank dieser Gewohnheit gab es nur sehr wenige Einwände gegen meine Ansichten, die ich nicht zumindest zur Kenntnis genommen und versucht hatte zu beantworten.“

Anders und kurz gesagt: Nehmen Personen Gedanken, die ihren eigenen Annahmen zuwiderlaufen, besonders zur Kenntnis, schreiben sie solche sogar auf, dann studieren sie eine perspektivreichere Sicht auf die Welt ein.

Ein kluger Gedanke, den heutigen Studien bereits um mehr als ein Jahrhundert zuvorkam. Charles Darwin starb 1882. Er hat die Welt nicht nur um seine Theorien zur Evolution bereichert, sondern auch um Gedanken der Toleranz und Weitsicht.

Quellen zum Nachlesen und Weiterlesen:

Foto: privat
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Maria Köpf

arbeitet in der Redaktion von Ethik heute. Zuvor studierte sie Germanistik und Judaistik. Heute ist sie Wissenschaftsjournalistin, Webredakteurin und freie Journalistin u.a. für Spektrum Gehirn & Geist und Spiegel Online. www.mariakoepf.com

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