Gemeinsam stärker oder jeder für sich?
Die Welt wird unsicherer, etwa durch die Klimakrise. Aber helfen Menschen sich gegenseitig in Notsituationen? Studien zeigen, dass die Solidarität sich häufig eher auf die eigene Gruppe richtet. Doch es gäbe Möglichkeiten, mit kluger Politik die Solidarität der Menschen untereinander zu stärken, auch außerhalb der eigenen Gruppe.
Die Corona-Pandemie wird gerne als Paradebeispiel für Hilfsbereitschaft genannt: eine Zeit, in der sich Nachbarn und Nachbarinnen zusammentaten, einander Lebensmittel besorgten oder an Fenstern standen, um ihre Verbundenheit zu zeigen. Hat uns die physische Isolation also, bei all den schlechten Auswirkungen, immerhin gezeigt: wenn es darauf ankommt, sind wir füreinander da?
Auf diese Frage sucht auch die Wissenschaft Antworten. Ob so ein Gefühl des Zusammenhalts immer in Krisen aufkommt und wie lange es anhält, lässt sich schwer nachweisen. Die Forschung steht dabei vor einem Problem: Um zu sagen, ob sich etwas verändert, braucht es einen Vorher-nachher-Vergleich.
Aber Naturkatastrophen kündigen sich in der Regel nicht auf eine Weise an, dass Forschende noch schnell die Bewohnenden befragen oder analysieren können, bevor ihre Leben auf den Kopf gestellt werden. Und so fehlt oft die Datenbasis für eine echte Gegenüberstellung.
Solidarität ist unterschiedlich stark ausgeprägt
Einer Forschungsgruppe der Universität Marburg kam dabei der Zufall zu Hilfe. Nachdem sie im Jahr 2010 die Hilfsbereitschaft von rund 800 Bewohnenden philippinischer Dörfer getestet hatte, suchte drei Jahre später der Taifun Haiyan die Gegend heim.
Die Forschenden wiederholten nun ihre Analysen und fanden etwas Interessantes: Nicht in allen Dörfern war die Solidarität gleich stark ausgeprägt. Wo besonders viel oder fast keine Zerstörung herrschte, halfen sich die Leute eher als in Orten mit mittleren Schäden.
Einer der Autoren erklärt sich das mit den unklaren Verhältnissen in den halb-betroffenen Regionen. Ist nicht eindeutig, wer Hilfe benötige, komme es eher zu einer ungerechten Verteilung von Ressourcen und Anpackenden – und somit schneller zu Unmut. Hier zeigt sich also schon eine Einschränkung bei der Solidarität.
Ob man für andere sorgen kann, hängt auch von der persönlichen Situation ab
Und noch weitere Faktoren beeinflussen, wie sehr sich die Leute gegenseitig unterstützen. Etwa der Charakter: Manche Menschen sind grundsätzlich hilfsbereiter als andere. Oder, ob Schuldgefühle im Spiel sind. Würde es schlecht aussehen, nicht zu helfen? Die Meisten möchten ein positives Bild von sich bewahren – und dazu gehört mitunter, die Bedürfnisse anderer Personen über die eigenen zu stellen.
Gleichzeitig bewerten die Helfenden auch die Opfer einer Katastrophe. Vielleicht tragen sie eine Mitverantwortung, waren unvorsichtig und haben sich nicht gut abgesichert? Das kann das Mitgefühl deutlich verringern.
Auf einen besonders wichtigen Aspekt weist Dr. Jakob Schewe hin. Er ist Leiter des FutureLab zu Sicherheit und Migration am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und weiß: Hilfsbereitschaft ist endlich.
Kurzfristig könnten die Menschen einander zwar beistehen. Je länger die Krise andauere, desto eher erschöpfe sich aber die Kraft, sich um andere zu kümmern. Umso mehr, wenn gleichzeitig die eigene Zukunft unsicher sei. Dann konzentriere man sich vor allem auf die Familie und generell Menschen, die einem nahestehen. Solche Trends zeigten sich auch im Verlauf der Pandemie.
Ingroup vs. Outgroup: Wir gegen die Anderen
Besonders in solchen Fällen entsteht schnell ein „Wir gegen alle Anderen“-Denken. Forschende bezeichnen diejenigen, die zu einer bestimmten Gruppe gehören, als „Ingroup“ und alle anderen als „Outgroup“.
Dabei kann es ganz unterschiedlich sein, wen eine Person zur eigenen Ingroup rechnet – und es kann je nach Situation wechseln. Im Kern steht oft die Familie. Es kann aber auch der Fanclub einer Fußballmannschaft sein oder so grobe Einteilungen wie „Mütter“.
Das klingt erst einmal logisch und sinnvoll: Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gibt Halt. Es kann aber schnell sehr problematisch werden, wenn man in allen Personen der Outgroup eine potenzielle Gefahr sieht.
Wer seine Ingroup als „weiße Menschen“ definiert und die Outgroup diskriminiert, ist ein Rassist. Pöbeln Hooligans bei einem Fußballspiel gegen die gegnerische Mannschaft, kann es brenzlig werden. Das Leben ist voll von mehr oder weniger drastischen Beispielen, bei denen Menschen ihre eigene Gruppe als besser und alle anderen als wertlos betrachten.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
In der Krisen schützen wir zuerst unsere eigene Gruppe
Krisensituationen können solche Gedanken verstärken. Dann geht es schnell darum, die Ingroup zu schützen, und zwar auf Kosten vom ganzen Rest. Dazu benötigt es nicht einmal unbedingt eine reale Gefahr:
Schon eine mögliche Bedrohung kann Ingroup-Outgroup-Konflikte auslösen. Um dann kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man anderen Menschen nicht hilft, wertet man innerlich die Outgroup ab und schreibt ihnen schlechtere oder weniger schätzenswerte Eigenschaften zu.
Problematisch kann das mit Blick auf die Klimakrise etwa werden, wenn ganze Gegenden unbewohnbar werden und mehr Menschen auswandern müssen. Schon jetzt gibt es viel Ablehnung gegen Migrantinnen und Migranten – und die Wissenschaft lässt wenig Grund zur Hoffnung, dass sich das mit steigenden Geflüchteten-Zahlen ändern wird.
Wohlbefinden und Solidarität zusammendenken
Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, die Hilfsbereitschaft zu stärken. So sind die Leute eher bereit, andere zu unterstützen, wenn es ihnen selbst gut geht. Dort können Städte, Kommunen oder auch höhere politische Entscheidungstragende ansetzen:
Eine möglichst gute Klima-Anpassung verringert etwa Unsicherheiten in der Bevölkerung und im Idealfall auch soziale Ungleichheiten – wodurch gleich noch weitere Konflikte vermieden werden könnten.
Konkret kann das bedeuten, das Gesundheitssystem möglichst stabil aufzubauen und gegen Krisen wie Corona zu wappnen. Auch Maßnahmen gegen extreme Hitze oder Kälte und eine robuste Nahrungsmittelversorgung unterstützen die Menschen und gleichzeitig ihre Kapazitäten für Solidarität.
Das passiert natürlich nicht von allein und es gibt noch viel zu tun. Doch vor allem in einzelnen Städten zeigen sich positive Veränderungen, wie beispielsweise kreative Hitzeschutzpläne und Anstrengungen zur Begrünung und Entsiegelung.
Wenn solche Projekte sich erst einmal bewähren, könnten andere Orte folgen und das Leben für die Menschen dort verbessern, wo es für sie am meisten zählt. Vielleicht haben sie dann auch langfristiger die Kraft, sich um Menschen zu kümmern, die sie nicht auf den ersten Blick zu ihrer Ingroup zählen würden.
Dr. Stefanie Uhrig
Online-Abende
rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos