Interview mit Pater Anselm Grün
Gerade in Krisenzeiten erfahren viele Menschen Angst, Unsicherheit oder Wut. Der bekannte Pater und Bestseller-Autor Anselm Grün erklärt im Interview, wie man sich diesen inneren Kräften zuwendet, konstruktiv mit den eigenen Schatten umgeht und innerlich wachsen kann.
In seinem Buch „Widerstehen und Wachsen: Die Macht des Dunklen in unserer Zeit – und wie wir ihr entgegentreten“ widmet sich der bekannte Benediktinerpater Anselm Grün den „dunklen“ oder destruktiven Kräften im Menschen. Dazu greift er auf die Lehren der Wüstenväter und die Tiefenpsychologie C. G. Jungs zurück und übersetzt das Thema „Dämonen“ in die heutige Zeit.
Das Gespräch führte Mike Kauschke.
Frage: Sie schreiben in Ihrem Buch „Widerstehen und Wachsen“ über die Macht des Dunklen, manchmal auch „Dämonen“ genannt. Was ist damit gemeint?
Grün: Dämonen sind keine selbständigen Wesen, sondern Leidenschaften, Zwänge, fixe Ideen, Lebensmuster, die mich gefangen halten. Doch ich muss mich nicht mit ihnen identifizieren. Der Neid beispielsweise kommt auf mich zu und ich kann damit umgehen.
Sie beziehen sich auf die Wüstenmönche, die lange Zeit in der Abgeschiedenheit lebten. Welche Wege haben sie gefunden, um mit diesen inneren Kräften umzugehen?
Grün: Der erste Schritt ist, sie zu erkennen. Die Mönche beschreiben neun verschiedene Leidenschaften und sie unterscheiden sie in drei Bereiche.
Zuerst die Triebe: Dazu zählt das Begehren mit den drei Trieben Essen, Sexualität und Besitzstreben. Diese gehören zum Menschen, aber es geht um das richtige Maß, damit ich nicht davon beherrscht werde oder süchtig werde.
Der zweite Bereich sind die emotionalen Leidenschaften wie Aggression, Traurigkeit und Trägheit. Aggression hat ja durchaus was Positives; sie regelt das Verhältnis von Nähe und Distanz. Wenn ich sie verdränge, dann werde ich von Groll, Bitterkeit oder Zorn beherrscht.
Bei der Traurigkeit unterscheiden die Mönche zwischen Traurigkeit und Selbstmitleid, das aus übertriebenen Wünschen an das Leben kommt, weil das Leben nicht so ist, wie ich gern möchte. Betrauern kann mir Energie geben, aber nachtrauern entzieht mir alle Energie.
Wir sind zu sehr im Außen und nicht bei uns selbst
Welche Leidenschaft ist aus Ihrer Sicht heute stark ausgeprägt?
Es gibt noch Emotionen, die unter dem Begriff Akedia zusammengefasst werden, was man als Überdruss, Trägheit, Lustlosigkeit übersetzen kann. Da hat jemand weder Lust zum Arbeiten, weil das langweilig oder anstrengend ist. Doch auch das Beten oder Nichtstun ist langweilig.
Also man weiß nicht, was man eigentlich tun soll. Man ist innerlich zerrissen. Ich denke, dass ist eine gute Beschreibung des heutigen Menschen, der ständig mit dem Handy hantiert, ständig irgendwo ist, aber nicht bei sich selbst.
Der dritte Bereich sind die geistigen Laster wie Ruhmsucht, die Suche nach Anerkennung. Das gehört auch zu uns, aber die Frage ist wieder: Werde ich davon beherrscht?
Dann der Neid, wo ich nicht bei mir bin, sondern mich ständig mit anderen vergleiche. Und die Hybris als Weigerung, meine eigene Realität anzunehmen. Es gibt Menschen, die ein hohes Selbstbild haben, aber in Wirklichkeit merkt man, dass sie schwach sind. Diese Hybris führt zur inneren Spaltung des Menschen.
Wir sollten uns fragen: Was führt mich zu größerer Lebendigkeit?
Wie kann man diese verschiedenen Impulse im eigenen Inneren bemerken und damit besser umgehen?
Grün: Die Mönche schildern, dass wir die Gedanken und Gefühle genau beobachten sollen, und wie sie miteinander zusammenhängen. Nur wenn ich erkenne, was in mir ist, kann ich damit umgehen.
Für jede Leidenschaft werden andere Wege angegeben, wie wir damit umgehen können. Bei den drei Trieben geht es um das richtige Maß. Bei der Traurigkeit können wir Ja sagen zum Leben, so wie es ist. Bei der Hybris ist die Demut wichtig, also hinabzusteigen in die Tiefen meiner eigenen Wirklichkeit. Demut heißt, sich mit den eigenen Schattenseiten anzunehmen.
Unser ganzes Leben ist eine Auseinandersetzung mit diesen inneren Kräften, das hält den Menschen lebendig.
Wie kann man in sich unterscheiden, ob bestimmte innere Kräfte förderlich sind oder nicht?
Grün: Die Mönche geben vier Kriterien, ob die Leidenschaft mich hindert oder mich zum Leben führt. Wenn sie mich zu größerer Lebendigkeit, zu Freiheit, Friede und Liebe führt, dann gehe ich gut damit um. Wenn sie mir Angst macht oder mich eng macht, dann werde ich davon beherrscht.
Es wird gesagt: Wenn die Leidenschaften in dich eintreten, lass sie ruhig eintreten. Mach dich mit ihnen vertraut, gib ihnen, nimm von ihnen. Dieser angstfreie Umgang mit den Leidenschaften ist wichtig.
Es wird auch die antirrhetische Methode empfohlen, also die innere Gegenrede. Die Leidenschaften drücken sich auch in Gedanken aus. Angst etwa sagt: „Ich kann das nicht. Was denken die Menschen von mir?“ Wenn solche Gedanken kommen, soll man sich ein Wort aus der Schrift vorsagen. Zum Beispiel, wenn man Christ ist: “Der Herr ist mit mir. Ich fürchte mich nicht.”
Dabei geht es nicht darum, die Angst zu vertreiben. Vielmehr bringt mich dieses Wort aus der Schrift in Berührung mit dem Vertrauen, das auch in mir ist. Dann wird die Angst schwächer.
Das ist kein positives Denken, in dem ich das Negative verdränge. Vielmehr soll man die Seele gleichsam in zwei Teile teilen. Der eine Teil hat Angst, der andere spürt Vertrauen und mit diesen Teilen kann ich ins Gespräch kommen, um die vertrauensvolle Seite zu stärken.
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Wir müssen für das Leben kämpfen.
Die Mönche beschreiben den Umgang mit den Leidenschaften auch als Kampf. Was können wir daraus für den Umgang mit diesen Impulsen lernen?
Grün: Heute gibt es die Gefahr, dass eher depressive Menschen Spiritualität suchen, vor allem als Weg, um sich wohlzufühlen. Natürlich ist es wichtig, sich wohlzufühlen. Aber das Leben ist auch ein Kampf.
Bei den Mönchen spürt man auch eine Leidenschaft zu kämpfen. Das macht sie stärker, denn dann können sie auch für andere eine Hilfe sein. Viele Menschen heute kreisen sehr um sich selber und können andere wenig begleiten, weil sie keine innere Kraft haben.
Hegel sagte einmal sinngemäß: Ohne Leidenschaft ist noch nie etwas Großes entstanden. Bei manchen Menschen habe ich den Eindruck, dass sie vor lauter Achtsamkeit keine Kraft haben, auch die Gesellschaft zu gestalten.
Bei den Mönchen war es der Kampf, mit Gott eins zu werden. Heute würde ich sagen, der Kampf muss auch gesellschaftlich sein, sodass wir uns für das Leben einsetzen. Für das Leben oder die Freiheit eines Menschen kämpfen.
Wenn ich jemanden begleite, kämpfe ich dafür, dass dieser Mensch zum Leben kommt und nicht von seinen Lebensmustern beherrscht wird. Begleiten heißt nicht nur anhören, sondern auch die Absicht zu haben, dass dieser Mensch wirklich zum Leben kommt.

Pater Anselm Grün OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Bekannt wurde er als Autor spiritueller Bücher, die überwiegend im klostereigenen Vier-Türme-Verlag und im Herder-Verlag erschienen sind. Bis 2013 war Pater Anselm als Cellerar für die wirtschaftlichen Belange der Abtei zuständig. Mittlerweile widmet er sich ganz dem Schreiben, seiner Vortragstätigkeit und seinen Kurse im Gästehaus der Abtei.
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