Interview mit der Psychologin und Theolgin Prof. Ingrid Riedel
Die Wissenschaft hat den Begriff “Psyche” kreiert, wo früher “Seele” gesagt wurde. Prof. Dr. Ingrid Riedel möchte den Begriff Seele wiederbeleben, um die Verengung zu überwinden. Die Seele stehe für unseren Bezug zum Kosmos, zum großen Ganzen und eröffnet einen Zugang zur Lebendigkeit.
Das Gespräch führte Mike Kauschke
Frage: Es ist Ihr Anliegen, den Begriff der Seele wiederzubeleben, denn heute ist meist von Psyche die Rede. Wie würden Sie den Unterschied formulieren?
Riedel: Die psychologische Wissenschaft, also die wissenschaftliche Erforschung der Psyche, vermeidet den Begriff Seele, weil er zu reich angefüllt ist mit Philosophie, Religion, Spiritualität. Stattdessen wird der wissenschaftliche Begriff Psyche verwendet, eine Verengung um der Präzision willen.
Psyche soll möglichst neutral sein, damit man präzise Ergebnisse erhält. Aber man bekommt dann eben auch schmale Ergebnisse, die nur einen Teilbereich betreffen, etwa die Korrelation zwischen Gehirn und Geist.
Was geht verloren, wenn wir das Wort Seele und den Erfahrungsraum, der damit verbunden ist, nicht mehr im Blick haben?Riedel: Der Begriff Psyche hat keinen Transzendenzbezugund damit fehlt unserem Leben etwas Wesentliches. Es ist das Überpersönliche, der Bezug der Seele zum großen Ganzen und all die Fragen, die damit verbunden sind: Was sind wir für ein Wesen in dieser Weite der Wirklichkeit? Wir dürfen uns die Seele nicht nehmen lassen.
Wer sind wir Menschen eigentlich im großen Ganzen?
Was sind Erfahrungsräume der Seele, die wir heute neu erschließen können, um diesen größeren Bezug nicht zu verlieren?
Riedel: Ein Erfahrungsraum ist die Kunst. Zum Beispiel ein Gedicht über die Seele von Joseph von Eichendorff, in dem es heißt: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“
Wenn man diese Zeilen liest, vielleicht an einem Maiabend, kann man die Schwingungen in der eigenen Seele spüren. Oder wenn Rainer Maria Rilke dichtet: „Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?“
Hier wird das Beziehungsgeschehen zwischen Menschen angesprochen, aber auch die Fragen in den kosmischen Raum hinein: Wer sind wir Menschen eigentlich in diesem großen Ganzen?
Wie haben Sie das in der therapeutischen Arbeit erlebt? Welche heilsame Kraft hat dieses Seelische, wenn Menschen damit in Berührung kommen?
Riedel: In meiner therapeutischen Arbeit frage ich nach Träumen, Fantasien und Sehnsüchten, die mit inneren Bildern verbunden sind. Auch durch das Malen kommt der Mensch in Bereiche seines Wesens, die jetzt wichtig sind und überrascht sich dabei meist selber.
Manchmal erlebt sich der oder die Betroffene in Träumen als blockiert. Es kommt vielleicht das Bild von einer zugesperrten Tür. Wenn man sich mit diesem Bild weiter beschäftigt, dann öffnen sich Möglichkeiten.
Der Mensch braucht einen Zugang zum Lebendigen
Mit Beziehungsmöglichkeit meinen Sie auch den Bezug zum umfassenderen Raum der eigenen Seele?
Riedel: Zunächst ist es wichtig, den nächsten Menschen wieder nah an sich heranzulassen. Damit ist man auf eine neue Weise wieder zu Hause in der Welt. Wenn man dann miteinander einen Abendspaziergang macht, dann kann es passieren, dass man sagt: „Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?“ So kommt der Mensch wieder ins Lebendige.
Hat diese Verbindung mit dem Lebendigen für Sie auch mit dem Schöpferischen zu tun?
Riedel: Ja, schon bei einer kleinen Zeichnung, die Sie gestalten, werden Sie wieder schöpferisch und kommen aus der Blockierung heraus. Den Kontakt zum Schöpferischen wiederfinden heißt im Grunde, den Kontakt zum großen Ganzen wiederfinden.
Schritt für Schritt kommt man immer tiefer hinein, denn wir stehen ja in einem gewaltigen Zusammenhang. Die Natur ist ein wunderbarer Zugang, aber auch die Kunst und die Geistesgeschichte.
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Ich sehe den Reichtum in mir und anderen.
Ist die Seele für Sie im eben angesprochenen Sinne so etwas wie die innere Lebensspur im Menschen, durch die wir unsere tieferen Wesenskräfte entfalten?
Riedel: Es geht darum zu entdecken, was das Leben mit mir meint: Was ist da angelegt? Welche potenziellen Schätze habe ich noch in mir? Diese Möglichkeiten gilt es, so weit wie möglich frei zu setzen, damit der Mensch wieder in ein lebendiges, vertrauensvolles, mutiges und auch lustiges, lustvolles Leben kommt.
Sie haben dieses Jahr Ihren 90. Geburtstag gefeiert. Sie haben in Ihrem Leben viele Umbrüche, Krisen, Verwerfungen erlebt. Heute sind wir in einer neuen, potenzierten Krisensituation. Was ist für Sie im Angesicht von Krisen und Gefährdung die Kraft, die uns die Seele oder das Seelische geben kann?
Riedel: Ich bin ein Kriegskind. Ich habe die Zerstörung unseres eigenen Hauses erlebt in einer von Bomben heimgesuchten Stadt.
Was mir schon als Kind Kraft gegeben hat, war die Zuversicht meiner Eltern. Als wir vor dem zerstörten Haus standen, nachdem wir von einer Reise zurückkamen, sagte meine Mutter: „Die Sorge wären wir los.“ Wir mussten lachen, aber sie hat es wirklich gemeint, denn wir konnten aus der Gefahrenzone weggehen und haben auf dem Land Zuflucht gefunden.
Es ist eine Haltung, in der ich die Dinge erst einmal so nehme wie sie sind und dann schaue, was damit möglich wird. Alle Menschen, die mir mit ihrem Vertrauen in eine mögliche Zukunft entgegengekommen sind, haben auch mir diese Möglichkeit geöffnet.
Ich habe heute eine ganze Menge solcher zukunftsfähigen Kräfte gewonnen. Es ist eine gewisse Gelassenheit und ein Grundvertrauen. Ich sehen den Reichtum des Lebens, der in mir und in den anderen angelegt ist.
Das vollständige Interview können Sie auf unserem youtube-Kanal sehen:
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