Und wie Eltern sich sensibilisieren
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, das Bewusstsein für die Rechte von Kindern hat zugenommen. Trotzdem erleben Kinder Gewalt, auch in Deutschland. Die Mutter und Achtsamkeitslehrerin Sarina Hassine geht der Frage nach, wo Gewalt anfängt und wie man Kinder friedvoll begleiten kann.
Wir sind am Strand, die Kinder spielen, meine Freundin und ich entspannen. Plötzlich hören wir lautes Schreien: Eine Mutter schimpft lautstark mit ihrem etwa dreijährigen Kind. Der Vater döst auf seinem Handtuch. Dann schlägt sie das Kind mit der flachen Hand hart auf den Kopf. Ich bin geschockt und schreie „Stopp“!
Meine Freundin springt auf und ruft, dass man Kinder nicht schlagen darf. Die Frau zuckt zusammen, nimmt ihre Tasche und flüchtet mit gesenktem Blick vom Strand. Ein paar Monate später erzähle ich die Szene meinen Freundinnen.
Wir sprechen über Gewalt in der Kindheit. Eine von uns berichtet, wie sehr ihre Mutter als Kind unter gewaltvollen Übergriffen gelitten hat. Ich frage die anderen, ob sie von ihren Eltern je geschlagen wurden. Jede von uns nickt und kann genau beschreiben, wann und wie es passiert war.
Historische Wurzeln
Gewalt ist tief verwurzelt in der Geschichte der Menschheit. Kinder sind aufgrund ihrer Position im Machtgefüge seit jeher die Ersten, die sie erleben und erdulden müssen. Noch vor hundert Jahren gehörte die Prügelstrafe in Schulen und Familien in Deutschland zum Alltag, und selbst bis in die 1970er-Jahre war körperliche Gewalt in der Erziehung rechtlich wie gesellschaftlich weitgehend akzeptiert.
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“, heißt es seit dem 8. November 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch.
Laut UNICEF Deutschland war die Verankerung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung ein gesellschaftlicher Wendepunkt. Seitdem ist die Akzeptanz körperlicher Strafen deutlich gesunken und das Bewusstsein für die Rechte von Kindern hat spürbar zugenommen. In einer Studie des Kinderhilfswerks von 2025 hält „nur noch“ jeder dritte Befragte einen „Klaps auf den Po“ bei der Erziehung von Kindern für angemessen, jeder sechste findet eine „leichte Ohrfeige“ angebracht.
Respektvoll und bedürfnisorientiert
Als ich mich 2012 auf meine Rolle als Mutter vorbereitete, war der Wandel weg von autoritärer hin zu einer friedvollen Elternschaft bereits deutlich spürbar.
Viele Eltern meiner Generation versuchen, sich bewusst von den oft empathielosen und teilweise destruktiven Erziehungsmethoden ihrer eigenen Kindheit zu distanzieren – was bei tief verinnerlichten Mustern nicht immer leicht ist. Unterstützung findet sich in Elternratgebern wie denen des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, in Blogs und in den sozialen Medien.
Dort entsteht seit Jahren eine neue Erzählung von Elternschaft: Vorreiterinnen und Expertinnen wie die Pädagogin Susanne Mierau, die Soziologin Ruth Abraham oder die Journalistin Nicola Schmidt stehen für eine gewaltfreie, bindungsorientierte Elternschaft, in er man Kindern mit Respekt und Empathie begegnet und eine Beziehung auf Augenhöhe führt.
Sie ermutigen Eltern, „unerzogen“ oder „artgerecht“ zu leben, emotionale Bedürfnisse ernst zu nehmen und Kindern als gleichwertige Persönlichkeiten mit Würde und Autonomie zu begegnen. Diese Ansätze sind wissenschaftlich fundiert, etwa durch Erkenntnisse der Bindungstheorie, der Entwicklungspsychologie und der Neurobiologie. Und sie bieten Eltern etwas, das der Nachkriegsgeneration noch weitgehend gefehlt hat – Orientierung, Entlastung und die Erlaubnis, eigene Wege zu gehen.
Gewalt erkennen
Inzwischen ist mein ältestes Kind in der Pubertät – und es läuft gut! Aber natürlich war und ist es gar nicht immer so leicht, stets alles liebevoll und gewaltfrei zu begleiten mit den Kindern. Man muss dafür zu viel Reflektion bereit sein, gute Strategien zur Selbstregulation kennen und viel Zeit und Geduld investieren.
Mein „gewaltfrei“ wurde mehrfach auf die Probe gestellt. Einen Schlüsselmoment erlebte ich, als wir unserem zweieinhalbjährigen Kind die Zähne putzen wollten und es sich weigernd wegdrehte. Genervt hielt ich den Kopf am Kinn fest und wollte trotzdem mit dem Zähneputzen anfangen. Stopp, keine Gewalt, kam es mir erschrocken in den Kopf.
Seit diesem Moment wuchs eine tiefe Klarheit in mir: Wenn ich möchte, dass meine Kinder ihre körperlichen Grenzen stets sicher verteidigen – auch in der späteren Zukunft als Jugendliche oder Erwachsene – dürfen wir als Eltern diese Grenzen niemals auch nur im Geringsten verletzen. Andernfalls würden sie lernen, dass unter bestimmten Umständen Übergriffigkeit und Gewalt in Ordnung sind.
Ähnliche Schlüsselmomente kenne ich auch auf der kommunikativen Ebene. Hier kann es noch leichter passieren, dass wir als Erwachsene in alte Muster rutschen und verbal Gewalt ausüben – selbst wenn wir uns in Achtsamkeit und gewaltfreier Kommunikation üben.
Jegliches Drohen, Beschämen oder Schimpfen sollte uns als psychische Gewalt gelten. Denn wenn das Kind weint wegen etwas, das man gesagt hat, war es dann nicht verletzend und damit gewaltvoll? Oder wenn man es für eine „Auszeit“ vom Esstisch ausschließt und in sein Zimmer schickt oder als „Konsequenz“ für schlechte Schulnote die Spielzeit streicht? Es gab zig Situationen, die wir in der Familie und mit Freunden diskutierten und immer wieder fragen: Wo fängt Gewalt an, wo hört Respekt auf?
Mit Sätzen wie „Komm jetzt mit, sonst gehe ich und lass dich hier allein“ zwingen Eltern ihre Kinder zum Gehorsam. Drohen funktioniert. Denn Gewalt – körperlich oder psychisch – wirkt sofort und direkt. Sie funktioniert aber nur kurzfristig, langfristig wird die Beziehung massiv geschädigt und das Kind in seinem Denken und Fühlen für sein Leben geprägt – wie sehr, das ist vermutlich den wenigsten Erziehenden bewusst, weil sie den eigenen Schmerz verdrängen.
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Die Spirale durchbrechen
Warum hat die Frau am Strand ihr Kind geschlagen? Sie war vermutlich müde, gereizt, genervt oder sie hat einfach ihre Aggressionen an dem Kind ausgelassen.
Die moderne Gewaltforschung beschreibt Gewalt als instrumentellen Kommunikationsmechanismus, einen Shortcut, bei dem durch Einschüchterung oder Schmerz eine unmittelbare Reaktion (z.B. Gehorsam oder Schweigen) erzwungen wird – denn die kommt schneller als bei einem friedvollen Dialog oder einer demokratischen Verhandlung auf Augenhöhe.
Jeder Mensch, der sich Frieden in seinem Umfeld, ja der Welt wünscht, sollte sich bewusst sein, dass Gewalt immer im Kopf anfängt, und zwar vor allem im Kopf und im Herzen der Kinder.
Heute sprechen Menschen von dem Wunsch, Cycle Breaker zu sein, also negative, sich wiederholende Familienmuster, Traumata und Verhaltensweisen durchbrechen, um eine gesündere Zukunft für sich und kommende Generationen zu schaffen. Ich wünsche mir viele mutige Cycle Breaker und bin zuversichtlich, dass die friedvolle Elternschaft immer weitere Kreise ziehen wird.
Die Spiralen der Gewalt zu durchbrechen, ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. Empathie, Verbundenheit und eine friedvolle Begleitung von Kindern ins Erwachsenenleben sind ein Schlüssel dazu.
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