Ethische Alltagsfragen
In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Thema Schuldgefühle auf: “Ich habe ständig Schuldgefühle, wenn ich die Erwartungen anderer nicht erfülle und mache aus allem eine moralische Frage. Wie komme ich da raus?”
Frage: Ich leide unter wiederkehrenden Schuldgefühlen, z.B. wenn ich die Erwartungen anderer nicht erfüllen kann. Ein Beispiel: Eine Freundin beschwert sich oft, dass ich zu wenig Zeit mit ihr verbringe. Dann plagt mich das schlechte Gewissen. Ich glaube, dass ich aus allem eine moralische Frage mache, weiß aber nicht, wie ich da rauskomme.
Prof. Jay Garfield: Auch wenn Schuldgefühle manchmal angebracht sind – etwa wenn wir etwas wirklich Falsches tun – können sie zu den lähmendsten und unproduktivsten Emotionen gehören, die wir kennen.
Wenn Schuldgefühle angemessen sind, helfen sie uns, eine Neigung zum Fehlverhalten zu korrigieren, zum Beispiel andere nicht zu belügen, weil Lügen das Vertrauen untergräbt.
Wenn Schuldgefühle unangemessen sind, sehen wir sogar richtiges Handeln als falsch an. Dann könnten wir am Ende unfähig sein, ein kohärentes Leben zu führen, da wir alles, was wir tun, als falsch ansehen. Letztendlich kann das sogar unsere Selbstachtung und die Fähigkeit, mit anderen gut zu interagieren, zunichtemachen.
Eine Ursache für ungerechtfertigte Schuldgefühle ist also, dass wir zwei Dinge verwechseln: Wünsche und ethische Regeln.
Wünsche und Bedürfnisse unterscheiden lernen
Darüber hinaus ist es hilfreich, Wünsche und Bedürfnisse zu unterscheiden: Wünsche – seien es die eigenen oder die anderer – sind oft Ausdruck einer egoistischen Haltung: Ich will ein Objekt haben oder wünsche mir, dass ein anderer sich meinen Erwartungen entsprechend verhält, weil mir das Freude bereiten würde. Es gibt keine Verpflichtung, solche Wünsche zu erfüllen, weder bei sich selbst noch bei anderen.
Bedürfnisse hingegen beziehen sich auf etwas, was wir für unser Leben benötigen: Unsere Grundbedürfnisse zu erfüllen, ist kein Egoismus. Wir brauchen Nahrung, medizinische Versorgung usw. Ohne diese könnten wir nicht überleben. Das gilt genauso für andere.
Doch selbst in Bezug auf die Grundbedürfnisse anderer könnten wir uns fragen, ob wir immer die richtige oder einzige Ansprechpartnerin sind, um diese zu erfüllen. Wenn ein Freund beispielsweise ärztliche Hilfe benötigt, muss ein Arzt helfen, nicht ich. Ich könnte ihn aber unterstützen, zur Arztpraxis zu gelangen, falls er nicht alleine hingehen kann.
Zeit mit einer Freundin zu verbringen – um Ihr Beispiel zu nehmen – mag ihr Freude bereiten, und sicher ist es unter Freundinnen gut, das gelegentlich zu tun. Aber solange die andere Person nicht krank oder hilflos ist, sondern einem ganz normalen Leben nachgeht, stehen wir nicht in der Pflicht.
Die Entscheidung, im Moment keine Zeit für die Freundin zu haben, rechtfertigt kein schlechtes Gewissen.
Möglicherweise rühren die wiederkehrenden Schuldgefühle daher, dass Sie die Wünsche anderer als Bedürfnisse betrachten, oder dass Sie, wenn es sich tatsächlich um grundlegende Bedürfnisse handelt, sich selbst als die einzige Person sehen, die diese erfüllen kann.
Wenn solche Gefühle aufkommen, fragen Sie sich: Handelt es sich um ein Bedürfnis oder um einen Wunsch? Und wenn es sich um ein grundlegendes Bedürfnis handelt, fragen Sie sich, ob Sie die richtige Person sind, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Wenn ja, dann sollten Sie handeln; wenn nicht, helfen Sie dem Freund, die richtige Person oder einen guten Weg zu finden.
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Prof. Dr. Jay L. Garfield
ist Autor der Kolumne “Ethische Alltagsfragen” bei Ethike heute. Professor für Philosophie am Smith College, in Northhampten in den USA. Zudem ist er Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie “Losing Ourselves: Learning to Live without a self” (2022).
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