Ein philosophischer Versuch
Die Frage nach dem Guten erscheint in diesen Zeiten seltsam fremd, fast schon überholt. Aber sie ist enorm wichtig, wenn wir Gesellschaft gestalten wollen. Doch was ist eigentlich gut? Die Philosophin Ina Schmidt geht auf Spurensuche: Was ist das Gute und was steht ihm heute im Weg?
Seit ich denken kann bzw. glaube, es zu tun, war mir ein Gedanke wichtig: Dass der Mensch frei nach dem niederländischen Historiker Rutger Bregmann „im Grunde gut ist“. Dass es Gründe dafür gibt, wenn er oder sie es nicht ist und es gelingen kann, diesen Gründen auf die Spur zu kommen.
Natürlich ist auch mir nicht entgangen, dass mindestens zwei Herzen in unserer Brust schlagen: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir uns mit Resten archaischer Hirnstrukturen und Urängsten vor Säbelzahntigern und sonstigen Hindernissen herumschlagen, die unserem aufgeklärten Glauben an das Gute durchaus im Weg stehen können.
Gegenwärtig aber scheinen wir uns eher an der Frage abzuarbeiten, ob das Gute überhaupt einen Wert hat. Und was bedeutet „gut“ überhaupt? Eine philosophische Frage, die schon in der aristotelischen Ethik eine Rolle spielte, heute aber deutlich weniger Beachtung findet.
Das eigene Erleben und Meinen ersetzt Wissen, Kompetenzen werden mit guten Prompts überflüssig, und je komplexer die Frage, desto einfacher sollte die Antwort sein. Zumindest manchmal. Die Forschung nennt das „epistemische Prekarität“, also die wachsende Unsicherheit darüber, was überhaupt als Wissen gelten kann.
Bleiben wir also einen Moment bei unserer Frage und überprüfen, was wir dazu wissen : Was ist das Gute, an das wir glauben wollen oder auch sollten?
Die Vieldeutigkeit des Guten
Ist das Gute eine Art Wesen, das den Dingen innewohnt, so wie Platon es in seiner Ideenlehre vertritt? Beschreibt es ein Prinzip, nach dem wir zu handeln haben oder ist allein das „gut“, was mir nützt?
Das, was für mich gut ist, folgt einem persönlichen Interesse, einem äußeren Zweck in einem pragmatischen und ökonomischen Sinne und ist weit entfernt von der ethischen Fragen eines Aristoteles.
In seiner Ethik geht es um ein Verständnis des Guten, das sich an „tugendhaftem“ Handeln ausrichtet. Das, was wir für gut befinden, muss sich demnach dadurch auszeichnen, dass es nicht allein mir nützen darf.
Oder aber wir verstehen das Gute als etwas, was unser Leben bereichert, eine Bereicherung, ohne, dass daraus ein messbarer Nutzen entsteht – ein Gedanke, der unserer Fortschrittslogik schwer zugänglich ist. Und doch: Manche Dinge erfüllen uns mit Schönheit, lassen uns Verbindungen spüren oder Beziehungen knüpfen, die schon bei Immanuel Kant ein „interesseloses Wohlgefallen“ auslöst und gerade dadurch das Gute spürbar macht.
Aber – wie finden wir dann heraus, wer oder was in einer solchen Vieldeutigkeit über das „Gute“ entscheiden darf bzw. kann? Wessen Interessen, Bedürfnisse oder ästhetischen Erfahrungen dürfen für gut und wessen für weniger wichtig oder sogar für verwerflich gehalten werden? Es scheint nicht leicht zu sein, an das „Gute“ zu glauben, wenn wir nicht einmal so genau wissen, womit wir es zu tun haben.
Was steht dem „Guten“ im Weg?
Sollten wir also überhaupt an das „Gute“ glauben? Schon allein das Wissen um die eigene Endlichkeit weckt Zweifel daran. Das Leben selbst ist nicht mehr als ein „Sein zum Tode“, wie es der umstrittene Philosoph Martin Heidegger ins Zentrum seines Denkens gestellt hat, hat also nichts anderes zum Ziel, als seinem eigenen Ende entgegen zu gehen: Kann darin irgendetwas Gutes zum Ausdruck kommen?
Nun – dem Zweifel können wir widersprechen, denn schließlich kann man aus dieser Zeitspanne das Bestmögliche machen, um am Ende der Welt etwas zu hinterlassen, das sie bereichern könnte.
Gerade weil wir nur eine befristete Zeitspanne zur Verfügung haben, spricht ebenso wenig dafür, an dieser Tatsache zu verzweifeln oder sich auf Kosten anderer zu bereichern und den Planeten zugrunde zu richten.
Das zweite Hindernis ist der zumindest in westlichen Kulturen ausgeprägte Hang zum „Physikalismus“, einem mechanistischen Fortschrittsdenken, das sich gekränkt in sich selbst zurückzieht, wenn man es mit den eigenen Unvollkommenheiten konfrontiert.
Das gute Leben ist kein herstellbares oder zu garantierendes Ziel, egal, wie sehr ich daran glaube oder mich dafür abrackere. Aus diesem Hindernis hat sich so manche menschliche Kränkung ergeben.
Gegenwärtig stellt sich die Frage nach dem „guten Leben“ noch drängender, wenn es um „KI“, also dieAusrichtung sogenannter Maschinenintelligenzen geht, die uns das Leben gleichermaßen erleichtern wie erschweren könnten.
Die dritte große Hürde liegt in der Angst vor dem sogenannten „Anderen“, all dem, was uns fremd und unvertraut erscheint. Die Begegnung mit dem anderen beginnt bereits in dem Moment, in dem wir uns von etwas oder jemandem „aufgerufen“ fühlen zu reagieren, vielleicht zu antworten.
Die Unsicherheit, die wir darin erleben, können wir ganz im Sinne des zweiten Hindernis als einen Kontrollverlust erleben – oder aber als etwas „Gutes“, das uns an unseren eigenen Grenzen Möglichkeiten aufzeigt, die wir allein nicht gefunden hätten.
Das „Gute“ versuchen
Die Sache ist also ambivalent. Der Glaube an das Gute ist weniger als ein klares Prinzip oder eine inhaltliche Deutung zu beschreiben, sondern als ein „Trotzdem“. Ein innerer Versuch, das, was bedeutsam erscheint, zu bewahren, statt kopfschüttelnd den Glauben an das Gute zu verlieren, wenn Hindernisse oder Widerstände auftreten.
Das „Trotzdem“ braucht den gemeinsamen Boden der Überzeugung, dass dass wir in Zeiten von Pluralismus und Vielfalt ein Miteinander brauchen, das sich konstruktiv um Verbindungen bemüht anstatt diese einzureißen.
Das Gute ist eine besondere Qualität des Lebens, die schon immer bedroht war, fragil und flüchtig. Und doch ist es so fundamental, dass Hannah Arendt dem Guten die Kraft der „Verwurzelung“ zuspricht, eine „Radikalität“ (von lat. radix, die Wurzel), die dem Bösen niemals zuteilwerden könnte, egal wie zerstörerisch und grausam es daherkomme.
Diese Kraft des Guten zeigt sich daran, dass wir Hürden und Hindernisse immer wieder aufs Neue zu überwinden versuchen, dialogisch und im besten Sinne trotzig daran festhalten, dass es lohnenswert ist, einen Anfang zu wagen. Ein Wagnis, dass jeder und jede von uns eingehen kann – heute, hier und jetzt. Einen Versuch ist es wert – könnte ja gut werden.