Interview mit Kirchenhistorkerin Dr. Schenk
Die Wüstenväter im frühen Christentum zogen sich aus der Welt zurück, um inneren Frieden zu finden. Dr. Dorothee Schenk spricht im Interview über ihre Praktiken wie Beten, Fasten, Handarbeit und Schlafentzug, Göttesnähe und eine Weisheit, die aus dem Leben selbst ensteht.
Das Gespräch führte Mike Kauschke
Frage: Welche Bewegung bezeichnet man in der Kirchengeschichte allgemein mit den Wüstenvätern?
Schenk: Ich würde nicht unbedingt von einer Bewegung sprechen. Eine Bewegung ist von Beginn an gemeinschaftlich orientiert und zielgerichtet. Das Wüsten-Mönchtum hat als individuelles Phänomen begonnen, mit einzelnen Personen, die sich Mitte des 4. Jahrhunderts in Ägypten bewusst aus der Welt zurückgezogen haben, um frei von gesellschaftlichen Zwängen und damit für eine Gottesbeziehung zu werden.
Sie fanden sehr rasch Nachahmer, die dieses Ideal so anziehend fanden, dass man bald von einer Art Urbanisierung und Bevölkerung der Wüste sprechen konnte. Fast zeitgleich wurden die ersten Klöster gegründet, im Grunde mit dem gleichen Ideal, aber stärker institutionalisiert und geregelt.
In den folgenden Jahrhunderten hat dieser Trend sich zunehmend auch in anderen Regionen ausgebreitet: Die Wüste entwickelte sich zu einem Bild für eine Lebensform. Es gab auch Menschen, die fanden ihre „Wüste“ auf einem entlegenen Berg in Italien oder in einer Höhle in Gallien. Hauptsache weg aus den Städten, weg von den Menschen.
Aus einigen Einzelpersonen entwickelten sich bald zugkräftige Lehrerfiguren, zu denen Menschen pilgerten, um Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten. Bei der Bezeichnung „Wüstenvater“ oder „Wüstenmutter“ handelt es sich um eine Zuschreibung dieser Schüler:innen; niemand hat sich mit dem Ziel aus der Welt zurückgezogen, zum Lehrer bzw. zum Wüstenvater zu werden.
Es gab auch „Wüstenmütter“?
Schenk: Nach allem, was wir wissen, waren es ein Großteil Männer, aber es gab auch einige herausragende Frauen. Diese haben durch die gewählte Lebensform und die asketische Praxis traditionelle Geschlechterrollen überwunden und wurden – wie die Apophthegmata Patrum zeigen – zu gleichrangigen Autoritäten und Ratgeberinnen.
Die Wüstenväter wollten durch eine bestimmte Lebensform Gott näher kommen.
Was kennzeichnete die Wüstenväter in ihrem Glauben und ihrer spirituellen Praxis?
Schenk: Sowohl die allein lebende Menschen als auch diejenigen in Gemeinschaft zeichnen sich durch eine große Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit aus. Es ist eine Lebensform, die sie gewählt haben und für die sie alles andere bereit sind aufzugeben: Ruhm, Familie, Geld, Wohnort, eine gesicherte Existenz usw.
Was diese Lebensformen weiterhin verbindet, ist der Bezug auf biblische Ideale und die Heilige Schrift als Grundlage allen Tuns und daran anknüpfend eine ausgeprägte spirituelle Praxis. Es geht nicht darum, abstraktes Wissen anzuhäufen, sondern durch gewisse Praktiken wie Askese, Gebet und Handarbeit Gott näher zu kommen.
Dieses Ziel vor Augen versuchten sie, ihren Eigenwillen abzutöten und sich ganz leer und frei zu machen, um den göttlichen Willen zu erkennen und ausschließlich nach ihm leben zu können.
Spielt auch Weisheit bei den Wüstenvätern eine Rolle oder war das Gott vorbehalten?
Schenk: Ich würde sagen, man zieht nicht in die Wüste, um weise zu werden. Das ist etwas, was von Außenstehenden in den Asketen erkannt wird. Weisheit nach traditionellen, innerweltlichen Maßstäben ist kein Ziel der Wüsteneltern gewesen.
Ihre Weisheit kommt primär aus dem Tun, aus der Lebenspraxis, aus der Askese, wobei für all das die Heilige Schrift als Grundlage dient. Allenfalls ein Erkennen der göttlichen Weisheit und ein Einstimmen in sie würde ich als aktiv angestrebtes Ziel benennen.
Beispiele für die Art der Weisheit, die andere in den Wüsteneltern gesehen haben, lassen sich in den Apophthegmata Patrum finden. Das ist eine umfangreiche Spruchsammlung, die einzelne Ratschläge der frühen Wüstenväter- und -mütter abbildet.
Wie können wir uns die Arbeit damit konkret vorstellen?
Schenk: Jemand kommt und sagt: „Vater, gib mir ein Wort“, „Mutter, ich habe folgendes Problem“. Und dann gibt es eine kurze Unterweisung. Das kann ein Bibelvers sein, der mehr oder weniger gut auf die Situation passt. Oder ein Gleichnis, eine Erzählung oder ein Rat, der aber selten konkret ist. Man muss selbst herausfinden, was eigentlich gemeint ist.
Weisheit hat viel mit Lernen und Lehren zu tun. Das Mönchtum ist ein Suchen und Finden von Antworten. Menschen haben die Wüstenväter aufgesucht, um von ihrer Weisheit zu lernen. Sie haben Sprüche und Eindrücke gesammelt und beobachtet, wie die Wüstenväter gelebt haben. Dabei ist die imitatio, die Nachahmung, ein Schlüsselbegriff: Wie kann ich mich in eine solche Lebensform einüben? Es ist das Vertiefen der eigenen Lebensform, in der man immer weiter aus der Welt hinausgeht und immer näher an Gott herankommt.
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Die Wüstenväter bringen Grundmotive des Menschseins zur Sprache.
Gab es bestimmte Praktiken, welche die Wüstenväter zur Kultivierung von Weisheit verfolgten?
Schenk: Es gab viele verschiedene, teils extreme Traditionen aber auch einen relativ gleichbleibenden Kern an Praktiken wie die Askese in Form von Fasten und sexueller Enthaltsamkeit.
Eine weitere verbreitete Praxis sind Nachtwachen, sich also selbst den Schlaf zu entziehen, um dadurch in einen entrückten Geisteszustand zu gelangen. Und dann natürlich das Gebet als zentrales Element. Da ist zum einen das vor allem im klösterlichen Kontext populäre Tagzeitengebet. Und dann das immerwährende verinnerlichte Gebet, in dem beständig in jeder Situation einen Bibelvers meditiert wird.
Wenn Sie den ganzen Tag nur einen Vers denken, dann können Sie gedanklich nicht mehr so weit abschweifen. Diesen Zustand kann man aber auch viel simpler erreichen, zum Beispiel durch Handarbeit. Körbe flechten ist eine bekannte monastische Praxis, weil man die Hände beschäftigt und den Geist freimacht.
Eine weitere Praxis ist der Umgang mit der Heiligen Schrift, nicht im Sinne der klassischen Lektüre, denn damals konnten die meisten nicht lesen. Es war eher ein Hören, Einüben, Nachsprechen, Memorieren. Der Umgang mit einem bestimmten feststehenden Textkorpus, das verinnerlicht und vertieft wird.
Es kommen Grundmotive des Menschseins zur Sprache
Worin sehen Sie die Bedeutung oder Relevanz des Glaubens und der religiösen Praxis der Wüstenväter für unsere Zeit?
Schenk: Als Kirchenhistorikerin habe ich nicht unbedingt das Bedürfnis, diese Lebensform selbst zu praktizieren oder sie alltagstauglich zu machen. Aber ich habe meine ganze Promotionszeit mit Johannes Cassians Darstellung der ägyptischen Wüstenväter verbracht und mich oft darin wiedererkannt.
Ein Thema, das immer wiederkehrt, ist die menschliche Unzulänglichkeit, das Scheitern, die Unvollkommenheit, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Vorankommen, die Schwierigkeiten, ein gesetztes Ziel zu erreichen.
Natürlich geht es Cassian dabei um das Ziel der Gottesnähe und der spirituellen Vollkommenheit. Trotzdem fühlte ich mich erkannt, wenn beschrieben wird, wie beispielsweise der Hunger einen doch vom Schreibtisch wegtreibt. Es kommen Grundmotive des Menschseins zur Sprache: Ich habe ein Ziel, schaffe es aber aus inneren Gründen nicht, es zu erreichen.
Gibt es lebenspraktische Hinweise zur Kultivierung von Weisheit, die Sie unseren Lesern aus der Spiritualität der Wüstenväter mitgeben möchten?
Schenk: Ein zentraler Punkt ist die absolute Entschlossenheit für eine Lebensform. Die Klarheit über das eigene Ziel, dem alles andere untergeordnet wird. Dadurch, dass einige Menschen eine solch klare Entschiedenheit zeigen, werden sie zu Wegweisern, zu inspirierenden Persönlichkeiten. Die Wüsteneltern lebten in der Wüste, sie wollten von der Welt nichts wissen. Aber gerade dadurch gewannen sie für die Welt an Bedeutung .
Für die heutige Religiosität würde ich sagen, dass jeder Mensch auf die eigenen Fähigkeiten und Grenzen achten kann. Nicht jeder und jede ist für das höchste Ziel gemacht. Aber das ist auch gut so! Wir können uns inspirieren lassen und uns bestimmte Aspekte abschauen, zum Beispiel das Einüben einer gewissen Routine.
Was ich persönlich aus dieser Beschäftigung mit den Wüstenvätern mitgenommen habe, ist eine Offenheit für die Verinnerlichung. Und eine Grundhaltung, die viel mit der Suche nach Klarheit über das eigene Ziel zu tun hat.

Dr. Dorthee Schenk studierte evangelische Theologie in Göttingen und Toruń. Seit 2017 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der theologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen am Lehrstuhl für Kirchengeschichte. 2022 Promotion, publiziert unter folgendem Titel: “Monastische Bildung. Johannes Cassians Collat
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