Ein interaktives Buch von Florence Gaub
Dies ist kein normales Sachbuch, sondern ein Experiment: Die Leserinnen und Leser schlüpfen in die Rolle eines Politikberaters und müssen einen außenpolitischen Konflikt lösen helfen, der die ganze Welt betreffen könnte. Dafür gibt es verschiedene Szenarien.
Die fingierte Situation ist folgende: Im Jahr 2031 havariert ein norwegisches Forschungsschiff nahe Spitzbergen. Es ist nicht klar, wie das passiert ist, aber eine Möglichkeit könnte sein, dass Russland dahinter steckt.
Die Autorin stellt im Buch drei Opitonen vor, was jetzt zu tun wäre und mit wem Sie als Diplomatin sprechen können, um zu deeskalieren. Sie können sich als Leser für eine Variante entscheiden: Sie reisen zuerst nach Russland, nach China oder an den Ort des Geschehens, nach Norwegen.
Ihre Entscheidung spielen Sie mit Hilfe der Autorin durch und können dann nur diesem Strang im Buch folgen oder auch ein anderes Szenarion wählen.
Optionen und Konsequenzen
Im Verlauf des Buches erfahren Sie, welche Optionen, aber auch Verstrickungen und Missverständnisse sich aus Ihren Entscheidungen ergeben, welche Konsequenzen Ihr Handeln hat und wo es blinde Flecken in Ihrer Einschätzung der weltpolitischen Zusammenhänge gibt.
Das Problem: Der Konflikt könnte sich ausweiten, wenn man nicht vorsichtig agiert. Denn es gibt einen Kalten Krieg mit Russland, China wird geopolitisch immer wichtiger, Europa und die USA haben sich weiter auseinander dividiert.
Die Weltmächte teilen derweil die Arktis und den Weltraum unter sich auf – mit massiven Folgen zum Beispiel für die internationale Seeschifffahrt, den Welthandel, die Versorgung mit wichtigen Gütern. Die Artiks, das wir heute unterschätzt, ist laut Gaub Teil eines größeren geopolitischen Komplexes.
Für Gaub ist die Arktis ein echtes Zukunftsthema, stellvertretend für andere Themen. Denn mit ihrem Buch will sie zeigen, dass wir Zukunft gestalten – und zwar durch unsere Einstellungen, Entscheidungen und Handlungen jetzt.
Wie wenig wir doch wissen….
Zugegeben, manchmal fühlt man sich als Leserin überfordert, vermutlich geht es Politikern genauso. Denn wenn man sich für ein Szenario entschieden hat und dieses weiterdenkt, sieht man plötzlich die ganze Komplexität, zumal die Autorin viele Informationen in das über 500 Seiten starke Buch gepackt hat.
Das Gute: Dieses Buch offenbart in heilsamer Weisen das eigene Schwarz-Weiß-Denken, also wie sehr man in bestimmten Ansichten und Haltungen feststeckt, wie wenig man letztlich weiß und wie viele Schwachstellen es in der eigenen Einschätzung gibt, einfach weil man zu viele wichtige Perspektiven ausblendet.
Ein Beispiel: Die Europäer konzentrieren sich sehr stark auf den Konflikt zwischen Russland und der EU. Dabei übersehen sie vielfach, welche Rolle China mittlerweile international spielt, auch durch massive Aufrüstung in den letzten Jahrzehnten, wie die Beziehungen zwischen Russland und China bestimmte Konfliktfelder bestimmen usw. Das eurozentrische Denken in „Ost-West“ oder „Europa vs. Russland“ greift schon lange viel zu kurz.
Zukunft beginnt jetzt
Folglich wäre es wichtig, den Horizont zu erweitern – und, bleiben wir bei den Szenarien im Buch – nicht nach Russland oder Norwegen zu reisen, sondern nach China. Doch auch daraus ergeben sich wieder neue Verwicklungen….
Das Buch ist herausfordernd, aber hilfreich, um uns ein Verständnis für Entscheidungsprozesse in komplexer Welt zu geben. Und auch zu lernen: Zukunft ist das, was wir daraus machen, wie Gaub nicht müde wird zu betonen.
Es wäre prima, so ein Buch einmal für eigene Lebenssituationen zu haben, wo man verschiedene Szenarien durchspielen kann. Aber dieses Buch können wir wohl nur selbst schreiben. Eine Blaupause dafür hat Florence Gaub uns an die Hand gegeben.
Birgit Stratmann