Bild: Cartoonsresource/ Shutterstock
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100 Prozent Verantwortung

Genauer hinschauen!

Ich habe die volle Verantwortung für das, was ich erlebe, sagt Sven Precht. Der Autor fragt sich, was dies eigentlich für sein Leben und die Gesellschaft bedeutet.

Ich habe lange geglaubt, dass ich nicht die ganze Verantwortung tragen muss. Nicht für mein Leben, nicht für all das, was mir täglich begegnet. Ich habe immer geglaubt, dass ich nur teilweise Verantwortung zu übernehmen brauche. Dass auch die anderen oder allgemein das Leben „mit schuld“ an diesem und jenem sind.

Ich habe mich so aus vielen Angelegenheiten bequem herausreden können. Immer gab es jemanden, der schuld daran war, dass mir etwas zustieß oder ich etwas nicht haben konnte. Die Umstände waren eine willkommene Ausrede dafür, nicht genau hinzuschauen.

Aber wie ist es jetzt?Ich habe neulich einen Handwerker engagiert, der zahlreiche Arbeiten in meiner Wohnung erledigen sollte. Er hatte sich als ein erfahrener Spezialist ausgegeben, und ich habe ihm vertraut – weitgehend blind vertraut. Das Ergebnis: Ich habe viel Geld bezahlt und erst später entdeckt, was er alles gepfuscht hat.

Die Fliesen im Bad sind uneben und die Fugen nicht dicht. Der Laminatfußboden stellt sich mittlerweile an mehreren Stellen auf. Die Tapeten wellen sich, und die Wände sind schlecht gestrichen. Mit einem Wort: Ich muss fast alles noch einmal beauftragen. Anfangs habe ich versucht, diesen Handwerker zu belangen, aber selbst mit einem Rechtsanwalt kam ich nicht weiter.

Dann habe ich eine Weile geschmollt und über den Mann geschimpft, ihn einen Stümper und Betrüger genannt, was er zweifelsohne auch ist. Aber das ist nicht der Punkt.

Ich habe ein paar Monate gebraucht, bis ich die Wahrheit akzeptieren konnte: Ich habe es selbst verbockt! Ich habe zwar immer wieder geschaut, was und wie er arbeitet, aber bei seinem Chaos nicht viel erkennen können. Doch ich habe keine ordentliche Endabnahme gemacht und zwischendurch immer wieder Beträge auf sein Konto überwiesen – für laufende Kosten. Ich war zu lax, in diesen Dingen zu unerfahren, und das war einfach mein Lehrgeld.

Warum bin ich an diesen Handwerker geraten? Weil ich jemanden gesucht habe, der sich auskennt und dem ich vertrauen kann. Und das hat dieser Mann gleich erkannt und mir einen Bären aufgebunden. Ich war unglaublich naiv, sonst wäre es so weit nicht gekommen. Das ist mein Teil an der Geschichte.

Ich muss für alles die ganze Verantwortung übernehmen. Für alles ohne Abstrich. Und das gilt nicht nur für diese unselige Klamotte mit der Wohnung. Für mein gesamtes Leben, für meinen Lebenslauf, für meine Freundschaften und Nicht-Freundschaften trägt niemand anderes die Verantwortung. Nur ich selbst kann und muss dafür geradestehen. Und alles, was ich tue, geht auf mein Konto. Das klingt banal, und dennoch brauche ich mitunter sehr lange, um dieses Prinzip auch für meine eigene Person zu akzeptieren.

Ich bin mir sicher, dass die meisten Leser das sofort unterschreiben würden – das mit der Selbstverantwortung. Und gleichzeitig bin ich mir sicher, dass auch Sie Probleme damit haben, diese Binsenwahrheit in Ihrem eigenen Leben zu akzeptieren. Aber so ist das.

Mir kommt bei diesem Gedanken immer wieder auch das indische Konzept des Karma in den Sinn: jenes Prinzip von Ursache und Wirkung, das umfassend durch unser und das Leben von allem wirkt. Demzufolge fallen nicht nur alle meine Handlungen und Gedanken auf mich selbst zurück, irgendwann, irgendwie, sondern mein Leben ist bereits Ausdruck dessen, was ich irgendwann mal getan, gedacht, wie ich mich verhalten habe usw. Diesen Gedanken zu Ende gedacht, kann einem schon schwindelig werden! Aber ich sehe keinen einzigen Grund, warum es nicht so sein sollte.

Dass ich Sven bin und kein anderer, soll ebenfalls auf meine Handlungen zurückgehen – nicht nur in diesem Leben. Und hier kommt eines der schwierigsten und komplexesten Themen auf den Tisch, an denen sich Menschen aus dem Abendland die Zähne ausbeißen: die Wiedergeburt. Ich habe aus umfangreicher Lektüre, aus Gesprächen und jahrelangem Nachsinnen soviel herausgefunden, dass wir rein intellektuell in einen gedanklichen Irrwald geraten, wenn wir uns fragen, was denn eigentlich wiedergeboren werden soll. Und dennoch kann ich diesen Gedanken nicht von der Hand weisen. Aber das muss jeder für sich entscheiden. Ich sage mir an dieser Stelle: Es wird geschehen, was sowieso geschehen wird, ob ich daran glaube oder nicht. Das ist sozusagen mein persönliches Credo, mit dem ich die Sache trotz positiver Einstellung doch ein wenig offen lasse. Wir werden sehen …

Aber der Verantwortung müssen wir uns stellen. Es ist armselig, immer den anderen die „Schuld“ geben zu wollen. Das ist peinlich im privaten und nahezu gefährlich im politischen Leben. Nicht die Ausländer und Zuwanderer sind schuld, dass in unseren Städten der Wohnraum knapp wird. Oder dass wir in einigen Regionen eine so hohe Arbeitslosigkeit haben. Nein, das ist schon unser aller Thema: Wie bauen wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft auf, damit alle an den Früchten teilhaben und sich einbringen können? Wie können wir mehr Einfluss nehmen? Was müssen wir eventuell an der Politik unseres Landes ändern? Diese Fragen müssen wir beantworten und dementsprechend auch Taten folgen lassen. Dann übernehmen wir Verantwortung.

Sven Precht

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Ein Gedanke zu „100 Prozent Verantwortung

  1. Danke für die beiden Artikel über die Verantwortung. Es ist immer unangenehm, wenn man selbst einen Spiegel vorgehalten bekommt. Aber der Mensch ist leider darauf konditioniert, die Dinge lieber so zu sehen, wie es bequem für das eigenen Ego ist und es ist leichter, andere Personen herabzusetzen um selbst besser dazustehen, als Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Wir schaffen es immer wieder, die (schmerzhaften) Lektionen des Lebens umzudeuten, nur um nicht lernen zu müssen und um sich nicht eigestehen zu müssen, dass die „Schuld“ bei sich selbst zu suchen ist. Dazu gehört auch „Nicht-Handeln“, also Passivität. Wenn wir uns nicht jeden Tag wiede dafür entscheiden, mit dem Herzen zu sehen und zu handeln, werden andere für uns entscheiden und wir müssen am Ende doch die Verantwortung für unseren Müssiggang übernehmen.
    Danke. Ich bin wach geworden!
    LG Barbara

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