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Organspender sind Lebensretter

Standpunkt von Klaus Schäfer

In der Reihe „Kontroverse“ plädiert der katholischer Priester und Klinikseelsorger Klaus Schäfer für die Organspende. Denn eine Transplantation kann Leben retten. Die Skepsis vieler Menschen rühre daher, dass sie ein falsches Bild vom Hirntod hätten. Dieser sei das sicherste Kriterium für den Tod eines Menschen, so der Autor.

 

Als Klinikseelsorger in einem Transplantationszentrum erlebe ich die Sorge vieler Patienten, die auf ein Spenderorgan warten. Jeden Tag die bange Frage: Was kommt schneller: das benötigte Organ oder der Tod? Einige dieser Patienten begleite ich bis zum Tod.

Eine Frau, noch keine 50 Jahre alt, wurde auf der Intensivstation künstlich beatmet. Sie brauchte eine Spenderlunge. Über sechs Monate stand sie bei Eurotransplant auf der Warteliste. Doch das rettende Organ kam nicht. Sie starb und hinterließ einen Mann und drei Kinder. Ihr Leben hätte mit einer rechtzeitig gespendeten Lunge gerettet werden können.

Viele solcher tragischen Fälle sind mir bekannt. Organtransplantation ist derzeit das Beste, was die Medizin schwerkranken Menschen anbieten kann. Daher ist auch für die nächsten Jahrzehnte Organspende so wichtig. Jeder Organspender ist ein Lebensretter. Wenn er mehrere Organe spendet, kann er im Durchschnitt 3,3 Menschen vor dem Tod bewahren.

Für die persönliche Entscheidung, ob man zur Organspende bereit ist, ist ein rechtes Verständnis des Hirntodes zwingend notwendig. Doch leider mangelt es an Kenntnis über dieses Thema, daher möchte ich im Folgenden Informationen geben.

Wie tot ist hirntot?

Hirntoten schlägt das Herz. Ihr Körper ist warm, erhat noch Stoffwechsel, verdaut und scheidet aus. Nur das Gehirn funktioniert nicht. Der übrige Körper der Hirntoten scheint noch zu leben. Wie kann da die Medizin und das Recht sagen, dass sie tot seien? – Kritiker des Hirntodkonzeptes sprechen im Zusammenhang mit Organspende sogar von Mord. Ist das wirklich so?

Es sind nicht die häufig genannten Motorradfahrer, die den Hirntod sterben. Rund 55 Prozent der Betroffenen hatte eine massive Hirnblutung, andere erlitten einen massiver Hirninfarkt, langen Herzstillstand oder schweres Schädelhirntrauma (je etwas 15 Prozent).

Diese Ursachen erfolgen ohne Vorwarnung. Binnen Sekunden oder Minuten ist der Mensch handlungsunfähig. Aufgrund der Schwere der Erkrankung gibt es keine Rettung, doch das weiß man zu dem Zeitpunkt noch nicht. Die Ärzte versuchen mit allen Mitteln, das Leben zu retten und die Gesundheit wieder herzustellen.

Allen Hirntoten gemeinsam ist, dass das Atemzentrum im Hirnstamm abgestorben ist. Da sie nicht mehr selbständig atmen und dauerhaft künstliche Beatmung benötigen, werden Hirntote auf Intensivstationen behandelt.

In dem zum Hirntod führenden Prozess steigt der Hirndruck so weit an, dass er den Wert des Blutdrucks erreicht oder gar übersteigt. Dadurch kann das Gehirn nicht mehr durchblutet werden. Die Folge ist, dass die Gehirnzellen absterben.

Unser Gehirn ist ein enormer Energiefresser. Bei körperlicher Ruhe benötigt das Gehirn 20 Prozent der Glucose (Nährstoffe) und 25 Prozent des Sauerstoffs; dabei macht es nur zwei Prozent der Körpermasse aus. Diese Energie braucht das Gehirn rund um die Uhr.

Kommt der Blutkreislauf plötzlich zum Stillstand, sind wir noch ca. zehn Sekunden bei Bewusstsein. Nach ca. 30 Sekunden ist kein EEG ableitbar. Nach drei Miunten sterben die ersten Gehirnzellen ab. Nach ca. zehn Minuten ist das Gehirn irrepariabel geschädigt. Jede weitere Minute der Nichtdurchblutung erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Hirntod.

Mit dem Hirntod sind Wahrnehmung und Bewusstsein für immer erloschen. Alle in den Gehirnzellen gespeicherten Erinnerungen (z.B. an den Urlaub), alles Wissen und Können (wie sprechen, gehen) sind damit zerstört. Die Identität der Person hat aufgehört zu existieren.

Bleibende Finsternis

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Hirntod definiert als unumkehrbarer Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Die Gehirnzellen müssen nicht abgestorben sein. Es kann sogar sein, dass vereinzelte Gehirnzellen noch Stoffwechsel haben, aber diese können die Funktionalität des Gehirns nicht aufrechterhalten. Die übrigen Gehirnzellen sind durch den Sauerstoffmangel so schwer geschädigt, dass es für sie keine Rettung gibt. Die Verbindungen zu anderen Gehirnzellen lösen sich. Das Gehirn wird brüchig. Nach Tagen des Hirntodes löst sich das Gehirn auf. Die umgangssprachliche Bezeichnung „Hirntod“ entspricht damit der medizinisch korrekten Bezeichnung „irreversibler Hirnfunktionsausfall“.

Da Hirntote äußerlich Komapatienten gleichen, ist es für medizinische Laien schwer, den Hirntod zu verstehen. Dies macht es den Kritikern des Hirntodkonzeptes leicht, die beiden Zustände in ihrer Argumentation zu vermischen oder gar gleichzusetzen.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass bei Komapatienten noch funktionierende Hirnareale vorhanden sind. Bei Hirntoten hingegen funktioniert im Gehirn nichts mehr, nie wieder. In ein Bild gebracht: Bei Komapatienten leuchtet in einer finsteren Halle irgendwo noch eine Lampe, bei Hirntoten ist nur Finsternis, bleibende Finsternis.

Gegen das Hirntodkonzept wird vorgebracht, dass sich Hirntote noch bewegen. Doch hier handelt es sich um Reflexe aus dem Rückenmark, vergleichbar mit den Bewegungen von enthaupteten Hühnern. Daher wird Hirntod zuweilen auch als „innere Enthauptung“ bezeichnet.

Das Herz schlägt autonom, d.h. aus sich heraus. Es benötigt hierzu von außen keinen Anstoß, reagiert jedoch auf äußere Reize mit langsamem und schwachem Puls oder mit schnellem und kräftigem Puls. Daher ist es möglich, das Herz zu entnehmen und in eine Nährlösung (Glucose und Sauerstoff) zu hängen. Dort schlägt es weiter, bis die Nährlösung aufgebraucht ist. Diese Isolierung des Herzens wird für die Erforschung von neuen Herzmedikamenten an Hamstern unter Vollnarkose vorgenommen.

Durch die künstliche Beatmung und den autonomen Herzschlag wird der Körper durchblutet. Dadurch gibt es noch ganz normalen Stoffwechsel. Alles Geistige im Hirntoten ging jedoch für immer verloren. Auch ist durch den Hirntod die Selbstregulierung der Körpers (Homöostase) schwer gestört. So nehmen z.B. Hirntote die Umgebungstemperatur als Körpertemperatur an. Um daraus resultierende Schäden der Organe zu vermeiden, werden Hirntoten Wärmedecken aufgelegt, die eine Umgebungstemperatur von 37 Grad Celsius sicherstellen. Weitaus schwieriger ist die Ausbalancierung der Hormone für den Stoffwechsel.

Hirntote sind Tote

Viele Diskussionen um die Organspende entzünden sich an der Frage, wann der Mensch tot ist. Oft wird – leider auch beim Deutschen Ethikrat – der Hirntod nur im Zusammenhang von Organspende gesehen. Einige Kritiker des Hirntodkonzeptes behaupten sogar, dass der Hirntod im Jahre 1968 erfunden worden sei, um an die für die Organtransplantation benötigten Organe zu kommen.

Dabei stammt der älteste Nachweis für die Beendigung einer sinnlos gewordenen Therapie an einem Hirntoten von Pierre Wertheimer (Lyon) aus dem Jahre 1960. Im Jahr 1959 veröffentlichte Wertheimer einen Bericht über vier Hirntote unter der Überschrift „Sur la mort du système nerveux“ (Über den Tod des Nervensystems). Noch im gleichen Jahr publizierten Pierre Mollaret und Maurice Goulon (Paris) einen Artikel, der beschreibt, dass 23 Hirntote binnen acht Tagen einen Herzstillstand erlitten. Sie übernahmen nicht den Begriff von Wertheimer, sondern schufen den Begriff „Coma depassé“ (jenseits des Komas).

Die erste Organentnahme aus einem Hirntoten erfolgte im Jahr 1963 – die Feststellung des Hirntodes ist älter als die Praxis der Organspende.

In Deutschland erfolgt über die Hälfte der Hirntodfeststellungen, ohne dass anschließend Organe entnommen werden.

Von der Feststellung des Hirntodes bis zur Organentnahme dauert es meist 12 bis 24 Stunden. So lange schlägt noch das Herz des Organspenders. Ohne Organentnahme würde das Herz schon seit Stunden stillstehen, weil die künstliche Beatmung beendet wurde.

Betrachtet man die Fakten, sind Hirntote aus Sicht der Medizin, des Rechts und der katholischen Theologie Tote. Dies kommt in den Schriften aus dem Jahre 2015 deutlich zum Ausdruck:

Das Bundesministerium für Gesundheit schreibt in der Richtlinie zur Feststellung des Hirntodes: „Festgestellt wird nicht der Zeitpunkt des eintretenden, sondern der Zustand des bereits eingetretenen Todes. Als Todeszeit wird die Uhrzeit registriert, zu der die Diagnose und die Dokumentation des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls abgeschlossen sind.“

Die Deutsche Bischofskonferenz schreibt in ihrer Arbeitshilfe „Hirntod und Organspende“: „Nach  jetzigem  Stand  der  Wissenschaft stellt das Hirntod-Kriterium im Sinne des Ganzhirntodes .. das beste und sicherste Kriterium für die Feststellung des Todes eines Menschen dar, so dass potentielle Organspender zu Recht davon ausgehen können, dass  sie  zum  Zeitpunkt der Organentnahme wirklich tot und nicht nur sterbend sind.“

 

Klaus SchäferKlaus Schäfer ist katholischer Priester, er arbeitet als Klinikseelsorger in einem Transplantationszentrum. Um über Organspende, besonders den Hirntod aufzuklären, eröffnete er 2014 die Internetseite www.organspende-wiki.de, im Herbst 2017 veröffentlicht er das Freebook „Hirntod verstehen“.

 

 

 

 

 

 

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