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Wenn der Chef meditiert

Interview mit Zen-Meisterin Anna Gamma

Der innere Weg verändert nicht nur die Persönlichkeit, sondern auch die Unternehmenskultur, so die Zen-Meisterin Anna Gamma. In ihren Leadership-Trainings ermutigt sie zu einer tieferen Innenschau. Sie regt an, einseitig patriarchalisches Denken zu überwinden und weibliche Qualitäten zu integrieren. Michaela Doepke sprach mit ihr.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Wie sehen Sie als Zen-Meisterin derzeit die Herausforderungen in einer globalisierten Welt? Können wir die Welt durch Meditationspraxis transformieren?

Anna Gamma: Ich gehe den Weg des Zen seit 40 Jahren. In der Realisierung des Weges geht es darum zu verstehen, dass wir nicht getrennt von der Welt, sondern dass wir selbst Welt sind. Wenn wir den Weg gehen, dann verändern wir uns selbst und damit auch die Welt. So einfach ist das. Untersuchungen in Amerika zeigen eindrücklich, dass in den Stadtteilen, in denen es Meditationszentren gibt, die Gewalt zurück geht.

Sie leiten das Anna Gamma Institut Zen&Leadership in Luzern. Welche Persönlichkeitsentwicklung beobachten Sie an Führungskräften, die längere Zeit meditieren?

Anna Gamma: In das Zen-Zentrum Offener Kreis in Luzern kommen viele Menschen, die nicht nur in Unternehmen tätig sind, sondern auch aus allen anderen Bereichen der Gesellschaft. Das Zentrum ist auch Sitz meines eigenen Instituts für Führungskräfte.

Ich erinnere mich an einen Mann, der im letzten Jahr einen Leadership-Lehrgang absolvierte. Er sagte mir, er hätte im letzten Jahr viele Komplimente für seine angenehmere, schönere Ausstrahlung erhalten. Die Frage ist: Was heißt denn schöner werden? Durch die Praxis der Meditation werden die Menschen authentischer, weil sie immer mehr Zugang bekommen zur eigenen Tiefe, zum eigenen Wesenskern. Im Einklang mit sich selbst zu leben führt automatisch dazu, dass wir von innen her zu strahlen beginnen.

 

Meditation verändert die Unternehmenskultur

Wie wirkt sich die Praxis in den Unternehmen aus?

Anna Gamma: Es ist ein Unterschied, ob der Chef regelmäßig meditiert oder ein Mitarbeiter, der in der Hierarchie weiter unten steht. Wenn der Chef, die Chefin Meditation praktiziert, gewinnt Mitmenschlichkeit an Bedeutung, denn soziale Kompetenzen und Selbstkompetenz nehmen ganz natürlich zu. Das strahlt auch auf die Mitarbeiter aus. So verändert sich nach und nach die Kultur des Unternehmens.

Nicht von ungefähr sagt man: Die Menschen, die ein Selbstbewusstsein entwickelt haben, werden von einer tieferen Quelle genährt. So ein Mensch erlaubt auch einem anderen, groß zu sein. Dann geht es weniger um Wettbewerb oder Konkurrenzverhalten, sondern die Menschen gehen offener und ehrlicher mit anderen um.

Ein wiederkehrendes Thema bleibt Wertschätzung. Sie geht in der Hektik des Arbeitsalltags oft verloren. Sie lässt sich auf jeder Stufe praktizieren. Die gute Nachricht ist: Wenn man inneren Reichtum verschenkt wie z. B. Wertschätzung, kommt er immer wieder zurück.

Weg von patriarchalen Strukturen

Veraltete traditionelle Hierarchien bröckeln in der Unternehmenskultur und in den Religionen. Sie haben sich von rigoros männlichen und patriarchalen Traditionen bewusst distanziert und verstärken als Zen-Meisterin heute auch die weibliche Seite im Zen. Was ist Ihr Anliegen?

Anna Gamma: Im Patriarchat haben Frauen eine bestimmte Rolle, nämlich primär zu dienen, ihre Intelligenz und Kreativität den Männern zu schenken, oft gar nicht selbständig zu denken – ich überspitze hier etwas.

Es ist ein Drama, dass viele starke, prägende Frauen auch im Zen „verloren“ gingen. So war es eben: Männer standen primär in der Öffentlichkeit und holten sich nicht selten die Lorbeeren für Arbeiten, die Frauen geleistet haben.

Es wird Zeit, den Frauen, der weiblichen Weisheit den ihr gebührenden Platz zu geben. Die zentrale Praxis des Zazen, das einfache Sitzen in Versunkenheit, wird sich dabei nicht ändern, wohl aber die Strukturen und die heillose Trennung zwischen Materie und Geist. Für die gleichberechtigte Partnerschaft von Frau und Mann einzutreten ist eines meiner erklärten Ziele.

Wertschätzung und weibliche Kraft

Seit längerer Zeit setzen Sie sich für die Wertschätzung der weiblichen Kraft ein und haben auch ein Buch darüber geschrieben1. Wann hat das begonnen und wie würden Sie die weibliche Energie oder die weibliche Weisheit beschreiben?

Foto: Alexandra Zvekan

Anna Gamma: Diese Entwicklung hat bei mir schon in der Kindheit angefangen. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und wollte immer schon studieren. Ich wollte auch nicht heiraten. Das, was ich als Kind beobachtet habe, wie Frauen und vor allem Mütter gelebt haben, hat mich nicht inspiriert. So zu leben, konnte ich mir nicht vorstellen.

In den letzten Jahren habe ich primär in patriarchal geprägten Institutionen gearbeitet. Ich musste feststellen, dass ich mich − wie viele andere Frauen auch − unbewusst mit männlichen Erfolgsrezepten identifiziert hatte. Mein Körper hat mir durch Krankheit gezeigt, dass hier etwas nicht stimmte.

Zum anderen habe ich entdeckt, dass ich ziemlich arrogant war gegenüber Frauen, die im patriarchalen System primär Erfüllung am Dienen fanden. Da habe ich angefangen, über das Thema nachzudenken und zu schreiben. Es lässt mich seither nicht los. Mein Fokus sind die Frauen und die Frage, wie wir das patriarchale System unbewusst unterstützen. Da haben wir Frauen noch viel Arbeit zu leisten.

Wären Frauen Ihrer Ansicht nach die besseren Führungskräfte? Würden sie eine bessere bzw. menschlichere Welt gestalten?

Anna Gamma: Ich glaube nicht, dass Frauen bessere Führungskräfte sind, sondern gemischte Teams sind erwiesenermaßen die besten. In Zukunft wird es wichtig sein, dass wir Führungsqualitäten von Frauen und Männern vereinen. Im Zusammenspiel der Kräfte sind wir ausgesprochen erfolgreich.

Die weibliche Stärke liegt in der sozialen Kompetenz. Ich meine aber nicht, dass dies geschlechtsspezifisch ist, sondern Frauen können männliche Züge haben und Männer weibliche. Das weibliche Prinzip ist mehr inklusiv, das männliche eher exklusiv. Wir brauchen beides.
Weibliche Weisheit nährt sich primär von Mitgefühl und Barmherzigkeit.

„Meditation lässt sich nicht missbrauchen“

Auf dem Kongress Wissenschaft und Meditation2, bei dem überwiegend Männer das Wort haben, moderieren Sie ein Gespräch über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse der Wirkung von Meditation. Welche Gefahren sind Ihrer Ansicht nach damit verbunden, wenn Meditation als Methode zur Selbstoptimierung oder Leistungssteigerung in Unternehmen missbraucht wird?

Anna Gamma: Ich habe da wenig Befürchtungen und glaube nicht, dass sich Meditation letztendlich missbrauchen lässt. Menschen, die den Weg ernsthaft gehen, kommen an eine Quelle, an ein tiefes Gewahrsein ihrer selbst. Sie werden eigenständiger, selbstbewusster und achtsamer. Sie sind weniger gefährdet, über die körperlichen und seelischen Grenzen hinaus zu arbeiten.

Meditation verändert uns, und wenn man den Weg beginnt, weiß man überhaupt noch nicht, wo es hingeht. Der Weltinnenraum ist so viel tiefer als der Weltaußenraum. Was einem da begegnet, das wissen wir nicht. Ich verstehe Menschen, die den Zugang zur Meditation scheuen, weil man sich da zuerst selbst begegnet und dazu gehören auch die eigenen Schattenseiten. Die Praxis braucht Mut.

Und wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den Achtsamkeitshype? Sollte der einzelne Mensch durch Achtsamkeitstraining seinen Stress reduzieren oder müssten wir eher das Gesellschaftssystem verändern, das in vielen Unternehmen durch Profitsteigerung, Beschleunigung und Effizienz gekennzeichnet ist? Wo sehen Sie die Verantwortung?

Anna Gamma: Effizienz und Gewinnstreben sind zunächst einmal nichts Schlechtes. Unternehmen brauchen Gewinn, um Löhne zahlen zu können, um wachsen zu können. Ich bin selbst Unternehmerin. Gewinne sind notwendig, damit das Unternehmen überleben kann. Es ist nur eine Frage des Maßes.

Wer täglich ernsthaft Achtsamkeit übt, verändert seine Persönlichkeit und damit auch das Unternehmen, weil wir immer Teil eines größeren Ganzen sind.

Schon seit dem Studium beschäftigt mich die Frage: Wie gehen persönliche und gesellschaftliche Transformation zusammen? Es ist unbestreitbar, dass gesellschaftliche, politische, religiöse und wirtschaftliche Systeme einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben.

Da ich einige Projekte im In- und Ausland kenne, in denen neue Systeme des Zusammenlebens und – arbeitens experimentiert werden, ist meine Hoffnung groß, dass sich neben den vom Patriarchat geprägten Systemen lebens- und entwicklungsfördernde Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft nach und nach etablieren werden.

Anmerkungen

1 Anna Gamma, Schön, Wild und Weise. Frauen auf dem Weg zu sich selbst und in die Welt, Theseus Verlag.

2 Der Kongress Wissenschaft und Meditation findet vom 30.11.-1.12.18 in Berlin statt. Mehr: www.meditation-wissenschaft.org

Dr. Anna Gamma ist Zen Meisterin, Psychologin, Buchautorin und seit Jahren in internationalen Friedensprojekten tätig. Von 2003 bis 2014 leitete sie das Lassalle-Institut in Bad Schönbrunn, Schweiz, mit den Schwerpunkten Leadership-Training, Ethik Forschung und Entwicklung von Lehrgängen. Seit 2010 liegt der Schwerpunkt ihrer beruflichen Selbständigkeit auf Zen&Leadership in Trainings, Coaching und Beratung. Sie leitet das Zen Zentrum Offener Kreis, die internationale Sangha Offener Kreis und das ANNA GAMMA Institut Zen&Leadership in Luzern. Mehr: www.annagamma.ch

 

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