Gastbeitrag zum Fall des Journalisten Claas Relotius

Der Mensch hat ein erzählerisches Verhältnis zu sich selbst. Ist das vielleicht der Grund, warum die Geschichten, die der Spiegel-Journalist Claas Relotius erfunden hat, so erfolgreich waren? Nicht einmal die Redaktion hat seine Fälschungen bemerkt. Der Philosoph Peter Vollbrecht schreibt in seinem Gastbeitrag über die Macht der Geschichten und Bilder.

„Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern“, bekannte der vielfach preisgekrönte Journalist Claas Relotius am 13. Dezember 2018 in der SPIEGEL-Redaktion. Er war am Ende mit seinen Nerven. Kollegen hatten ihn der systematischen Fälschung überführt. „Mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde.“

Claas Relotius war der Superstar unter den deutschsprachigen Journalisten. Viermal Deutscher Reporterpreis, Peter-Scholl-Latour-Preis, CNN-Journalist of the Year, und das mit 33 Jahren. Seine Recherchen gewannen Kult-Status: ›Königskinder‹, die Geschichte zweier syrischer Waisenkinder, die auf ihrer Flucht in die Türkei versklavt wurden und die davon träumen, Angela Merkel würde sie aus ihrer Fronarbeit befreien.Oder die ›Löwenjungen‹ Nadim und Khalid, die vom Islamischen Staat entführt, gefoltert und umerzogen werden, um lebende Sprengstoffbomben aus ihnen zu machen. Und, und, und. Alles journalistische Juwelen.

Relotius schreibt flüssige, ergreifende Geschichten, die den Leser mitnehmen. Schnelle Perspektivenwechsel beleuchten die Hintergründe mal politischer und mal biographisch-psychologischer. Dann Rückblenden und Vorgriffe, die die Reportagen dramaturgisch aufmischen und den Leser bei Atem halten. Und immer lässt Relotius durch die Augen von beteiligten Personen schauen.

Im Verlauf der Reportage enthüllt er nach und nach deren individuelles Schicksal, dadurch gewinnt das Thema an Volumen und vor allem an authentischer Bodenhaftung. Kleine, mitunter scheinbar abwegige Details öffnen für das Seelenleben der Figuren: Weiße Handknöchel der angespannten Faust zeigen Wut an oder Verzweiflung beim Informanten. Oder ein Kind läuft singend morgens durch die Trümmer der zerbombten Stadt und erzählt dabei selbstvergessen von seinen Sehnsüchten.

Doch das meiste davon hat Claas Relotius erfunden und erlogen. Hochwertiges Fake. Und das gelang dem zur journalistischen Ikone hochgelobten SPIEGEL-Journalisten bravourös. Mit seinem schriftstellerischen, ja man muss sagen: literarischen Talent täuschte er Leser wie auch Kollegen.

Allianz zwischen Autor und Leser

Die mediale Welt lag ihm zu Füßen, mit seiner Feder schrieb er atmosphärische Texte, auf die die Leser dann mit ihrem eigenen Kopfkino antworten. Und in ebendiesem Leser-Kopf entsteht das Gefühl, ja die Gewissheit , man sei authentisch dabei. Denn alles ist berührend erlebbar geworden: die fremde Welt über die Gefühle der Figuren der Story, die komplexen politischen Interessen verknoten sich im Leid von Beteiligten, die aus der Anonymität hervortreten.

Und spätestens jetzt beginnt eine Allianz zwischen Autor und Leser, die Relotius meisterhaft schmiedete. Sie verdankt sich einer Mischung aus Information und Unterhaltung, von Fakt und Fiktion, von Reportage und Roman. Die Leser hängen an einer emotionalen Angel und können sich nicht mehr kritisch zur Sachlage verhalten.

Der SPIEGEL hat dieses journalistische Kalkül im ›Storytelling‹ zur Perfektion getrieben. Das Blatt trägt damit auch ein Stück an systemischer Verantwortung für den Fall seines Starautors. Jüngst hat der Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo Verantwortung eingefordert. Der Tübinger Medienphilosoph Bernhard Pörksen geht noch einen Schritt weiter und mahnt einen Diskurs über eine Ethik des nicht-fiktionalen Erzählens an.

Tatsächlich ist der Fall Relotius ein Super-GAU für die Glaubwürdigkeit der informativen Medien. Eine Schadensbegrenzung tut Not, um dem Populismus keinen Anlaß für hämische Ausfälle gegen die Presse zu bieten. Und auch in eigener Sache, denn der hochgelobte Qualitätsjournalismus verdient sein Label nur, wenn er selbstkritisch mit seinen systemischen Bedingungen und Zwängen umgeht.

Der Fall Relotius könnte die Öffentlichkeit für die vielleicht radikalste aller Fragen sensibilisieren, mit der eine Debatte über das journalistische Ethos anzuzetteln wäre: Was bringt uns dazu, von einem Bericht, von einer Analyse überzeugt zu werden? Sind es primär die Fakten, oder ist es die Verpackung? Recherche oder Reim, Gedanke oder Geschichte?

Die Bewertung dieser Fragen hat Relevanz über das journalistische Handwerk hinaus, sie betrifft das Schreiben ganz allgemein. Und da, geben wir es zu, spricht manches für die Überlegenheit der Story. Denn jeder Autor wirbt um Aufmerksamkeit. Jede Verfasserin eines Textes muss die Türen kennen, die in die Öffentlichkeit führen.

Bilder überwältigen uns, nicht Begriffe

Die Aufmerksamkeitsgesellschaft diktiert der Vernunft ihre Bedingungen. Und selbst dort, wo es primär um Gedanken geht, in der Philosophie also, spielt ein Text seine Aufmerksamkeitstrümpfe besser aus, wenn sein gedanklicher Gehalt mit lauterem Geräusch daher kommt. Wenn er schrill tönt, wenn er gar einen skandalösen Pfeil abschießt. Oder, der Gipfel literarischer Begabung: Wenn der Autor mit einer farbigen Metapher ein verführerisches Bild prägt, dem man suggestiv verfällt. Bilder überwältigen uns, nicht aber spröde Begrifflichkeit. Denn Bilder sprechen unsere Einbildungskraft an, unser Vermögen also, uns in die Welt zu prägen und, umgekehrt, Welt in uns zu bilden.

Vor über einhundert Jahren hat der US-amerikanische Philosoph William James den Gedanken geäußert, es überzeuge uns nur das, was ein inneres Echo in uns erzeugt. Und dazu komme es nur, wenn wir in der Lage sind, das Gehörte und Gelesene in unser bestehendes Weltbild zu integrieren. Es muss sich also eine Art Resonanz ereignen zwischen dem neu gehörten Argument und den alten Einstellungen, an denen unser ganzes Selbst hängt mit seinen Erfahrungen und Gefühlen.

Da schwingt etwas ein in einen bekannten, wenngleich niemals geschlossenen, weil immer wieder herausgeforderten Hintergrund unserer Existenz. Der bei jedem Individuum anders gewellt, illuminiert, beschattet ist mit den Mustern von Erziehung und Kultur. Wenn es ein Medium gibt, das ihn ausfüllen könnte, dann ist es die Erzählung. Denn der Mensch hat primär ein erzählerisches Verhältnis zu sich selbst. Er ist das animal narrans, denn Sinn und Ordnung von Welt und eigenem Leben erschließen sich ihm nur sprachlich. Und hier, an dieser existenziellen Wurzel unseres Daseins, liegt der tiefste Grund für unsere Verführbarkeit durch das Erzählen.

Und hier könnte eine Ethik des journalistischen ›Storytelling‹ ansetzen. Die Philosophie und die Wissenschaften verfügen überdies über eine reiche Tradition im Umgang mit ihren eigenen Narrativen. Denn auch sie erzählen Geschichten. Aber keine blieb unwidersprochen. Jedes kritische Bewusstsein weiß, dass alles Denken sich in Geschichten vollzieht. Selbst wo es mit dem Gedanken eines nackten Faktums flirtet, erzählt es eine Geschichte.

Daraus gibt es kein Entkommen. Doch wir stecken da in keiner Falle. Denn es bleibt uns die Aufgabe, für einen fortschrittlichen Kurs der Narrative im historischen Fluss zu sorgen. Das hat allerdings auch Claas Relotius getan. Mit seinen Reportagen hat er das aufklärerische Projekt eines besseren Lebens fortgeschrieben. Das zu seiner Verteidigung – die den Journalisten in ihm nicht entlastet.

Peter Vollbrecht

Peter Vollbrecht, nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft DAAD-Lektor an der University of Delhi. 1997 Gründung des ‚Philosophischen Forums Esslingen‘, seitdem philosophische Reisen in Europa und Südasien, Kooperation mit „Die Zeit“ seit 2006. 2017 erschien sein philosophischer Roman „Ich allein bin wirklich. Die Philosophie und das launige Leben“ bei Klöpfer&Meyer. Das philosophische Programm auf www.philosophisches-forum.de, philosophische Kolumnen auf www.philosophiekolumne.com