„60 Plus hilft 80 Plus“

Philippe Leone/ Unsplash
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Seniorenarbeit dank Bürgerengagement

Der demografische Wandel schreitet voran, doch die Gesellschaft ist kaum vorbereitet. Der Verein „Füreinander“ hilft mit, damit Senioren möglichst lange und selbstbestimmt zu Hause leben können. Er hat schon viele Auszeichnungen erhalten und gilt als Vorzeigeprojekt. Wer sich in solchen Projekten engagiert, kann im Alter selbst Hilfe erfahren.

Reportage von Michaela Doepke

„Fit 100“, so lautet das Bewegungsangebot für Seniorinnen und Senioren. Es ist Montag. Die Freude ist groß. Endlich können sie nach der Corona-Zeit im Saal des neuen Bürgertreffs der Gemeinde Utting am Ammersee wieder in gewohnter Runde zusammenkommen. Manche sitzen strahlend im großen Stuhlkreis trotz Abstand und Maske. Einige haben neben sich einen helfenden Begleiter oder eine Begleiterin.

Der Altersdurchschnitt ist ca. 80 Jahre. Wer wegen einer körperlichen Einschränkung oder Demenz nicht mehr mobil ist, der wird vom Fahrdienst des Helferkreises von zu Hause abgeholt und begleitet. Die Selbständigkeit und Mobilität werden durch Fahrten mit dem Vereinsauto unterstützt.

Die Arbeit des Vereins Füreinander ist zukunftsweisend. Denn der demografische Wandel schreitet unaufhaltsam voran, ohne dass die Gesellschaft wirklich vorbereitet ist. Die Zahl der älteren Menschen nimmt stark zu. 2030, so die Prognose, seien bereits rund ein Drittel der Menschen in Utting über 65 Jahre alt. Und hier kann nur ein gutes Gemeinschaftsgefühl helfen.

Entlastung für Angehörige von alten Menschen

Sogar während der Corona-Pandemie blieben die Mitarbeiter des Vereins aktiv und erfinderisch. So brachte ein Clowns-Duo die Senioren bei einem Treff im Freien zum Lachen. Gleichzeitig entwickelte man einen „Bürgertreff auf Rädern“, und die ehrenamtlichen Helfer kamen zu den alten Menschen nach Hause.

Um sie zu beschäftigen und anzuregen, brachte man ihnen als Ersatz für den beliebten Montagstreff bunt gestaltete Aktivierungs-Päckchen mit vielen kreativen Ideen und Anleitungen für Handarbeiten direkt an die Haustür.

Diese Aktionen stellten auch für die stark geforderten Angehörigen in Corona-Zeiten eine deutliche Entlastung dar, sagt Andrea Birner. Sie betreut die Alltagsbegleiter, bietet professionelle Einzelberatung im Umgang mit Demenz an und berät bei Fragen zur Pflegeeinstufung oder finanziellen Hilfen von Staat und Krankenkassen einfühlsam.

Sogenannte Alltagsbegleiter telefonierten in dieser kontaktarmen Zeit mit den älteren Menschen, heiterten sie auf, fragten nach dem Befinden, den Bedürfnissen oder lösten am Telefon Kreuzworträtsel mit ihnen. Auch Botengänge oder Lieferservice von Lebensmitteln in Kooperation mit einem Lebensmitteldiscounter oder Essen auf Rädern wurden einmal pro Woche ermöglicht.

iPad für die Alltagsunterstützung

Gerade stellt Karl Ernst dem Team das Tablett als Ideengeber für die Einzelbetreuung vor. Via iPad findet man Anregungen zum Plätzchen backen, basteln, Gedächtnistraining oder Fingerkoordination und bis zu 5000 Spieleangebote. Auch das Telefonieren über Internet ist möglich, um Kontakte mit Familien bzw. Angehörigen zu pflegen. Alltagsbegleiterin Martina Lange: „Für uns wäre das eine Erleichterung. Ich habe zu Hause manchmal keine Zeit zur Vorbereitung und die neuen Ideen brächten Abwechslung.“

Um Alltagsbegleiter zu werden, müssen interessierte Bürgerinnen und Bürger eine staatliche Ausbildungsschulung von 40 Stunden durchlaufen, die vom Verein vor Ort organisiert wird. Das ist besonders für engagierte ältere Bürger im Umkreis relevant, die sich ihre kleine Rente mit einer steuer- und sozialversicherungsfreien ehrenamtlichen Aufwandsentschädigung von 8,50 Euro pro Stunde und einem Verdienst mit bis zu 3000 Euro im Jahr aufbessern können.

Aber auch Bürger, oft Künstler, die keine Altersvorsorge haben, können hier als Betreuer mit Ideen kreativ werden. „Plus 60 hilft plus 80“, sagt Vorstandsmitglied Thea Schneider. Und wer beim gemeinnützigen Verein Füreinander mithilft, dem wird später selbst geholfen. Vorteil: „Man lernt, sich auf das Alter vorzubereiten und wird Teil des Ganzen“, so Schneider. „Und die Betreuer befinden sich später selbst in einer helfenden Gemeinschaft wieder.“

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Vorstand Hans Starke hat nach eigener Aussage ein gutes Leben gehabt. Im Ruhestand will er der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben. Zunächst betreute er sechs Jahre als Hospizhelfer die Sterbenden in einem Pflegeheim, bevor er 2009 zum Verein Füreinander stieß. Das Problem sieht der ehemalige Ingenieur darin, dass unsere Gesellschaft zu sehr im „Ich“ verhaftet sei und nicht im „Wir“. „Wir müssen wieder mehr in Gemeinschaft denken und der verbreiteten Individualisierung entgegenwirken.“

Mit fortschreitendem Alter ließen die kognitiven Fähigkeiten nach und Krankheiten stellten sich vermehrt ein. Früher hätten die Familien in Großfamilien zusammengewohnt. „Das gibt es heute nicht mehr.“ Und Heime seien keine Lösung. „Heime wollen die meisten Menschen gar nicht.“ Ziel sei es, so Starke, dank bürgerschaftlichem Engagement unter dem Motto „ambulant statt stationär“ selbstbestimmt zu Hause wohnen zu bleiben.

„Jeder, der sich bei Füreinander engagiert, tut auch für sich etwas Gutes“. Wichtig seien der Aufbau von Sorgestrukturen durch Eigenengagement. „Wer in der Rente fit ist, kann sich engagieren und helfen“, so Starke. Irgendwann brauche man selber Hilfe. Dann seien Sorgestrukturen da.

2021 wurde der Verein Füreinander mit einem Ehrenamtspreis durch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bedacht. Über 200 Bewerbungen gingen bei einer Ausschreibung in Bayern und der Pfalz zum Thema „Was macht meinen Wohnort so lebenswert?“ ein. Doch „Füreinander“ in Utting machte das Rennen. Starke zitiert den jetzigen Gesundheitsminister Klaus  Holetschek, der vor kurzem festgestellt hat: „Wenn sich das Gesundheitssystem nicht grundlegend ändert, dann steuern wir auf eine humanitäre Katastrophe zu.“

Bürgerschaftliches Engagement stärken

Pflegekräfte sollen mehr verdienen, räsoniert Starke, aber wer bezahlt das? Im Durchschnitt müsse man in Deutschland für einen Platz in einem Pflegeheim monatlich 2300 Euro privat dazu zahlen. Doch wer kann sich das leisten?

Durch bürgerschaftliches Engagement ließe sich seiner Ansicht nach viel auffangen. Wir müssten wieder fragen, wie geht es dem Nachbarn. „Ich finde, wir sollten mit dem Finger nicht sofort auf den Staat, sondern auf uns zeigen.“

Sein Rat für die Altersgesellschaft der Zukunft: Die Kommunen sollten sich stärker mit dem Problem auseinandersetzen. Das sei bisher zu wenig der Fall. Geld spiele eine große Rolle. Die Kommunen sollten laut Starke die Rahmenbedingungen schaffen, zum Beispiel die Raummiete bezahlen, so wie es im Fall Utting vorbildhaft der Fall sei. Wichtig sei auch die Kooperation mit den Nachbargemeinden und bestehende Initiativen zu unterstützen.

Aufgrund seiner großen Erfahrung erhält Starke als Vorsitzender des Vereins „Füreinander“ mittlerweile auch viele Anfragen von anderen Bundesländern.

Da ich selbst als „Plus 60-Uttingerin“ an einer lebenswerten Zukunft im Alter interessiert bin und das Leuchtturm-Projekt unterstützen möchte, habe ich mich für eine Mitgliedschaft im Verein Füreinander entschieden.

Kontakt unter: www.füreinander.eu

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