Ein Interview mit Hochschullehrer Peter Braun

Dr. Peter Braun unterrichtet wissenschaftliches Schreiben an der Universität Jena. Er baut Achtsamkeit in den Unterricht ein, etwa die Wahrnehmung des Körpers, der Gedanken und Gefühle. Zustände von Sammlung lösen Schreibblockaden und bringen Kreativität, so seine Erfahrung.

 

 

 

Sie lehren wissenschaftliches Schreiben. Wie sind Sie dazu gekommen und wie sieht Ihre Arbeit aus?

Braun: Ich habe als Kulturwissenschaftler an der Universität Konstanz die übliche Laufbahn bis zur Habilitation absolviert. Da ich selbst in den Grundlagen des Journalismus ausgebildet worden bin, habe ich das Schreiben – insbesondere das wissenschaftliche Schreiben – immer in meine Lehrveranstaltungen integriert und verschiedene Vermittlungsweisen ausprobiert.

Auf Anfrage aus anderen Fachbereichen habe ich mir ein Konzept überlegt, wie das wissenschaftliche Schreiben systematisch in die Lehre integriert werden kann. Nach dem Wechsel an die Friedrich-Schiller-Universität Jena 2010 konnte ich dort mit dem Schreibzentrum „SchreibenLernen“ dieses Konzept verwirklichen.

Das Schreibzentrum versteht sich als Forum und Beratungsstelle für alle Studierenden, Promovierenden, Lehrenden und auch Mitarbeiter in allen Belangen des Schreibens, insbesondere des wissenschaftlichen Schreibens – je nach Disziplinen und Wissenschaftsbereich. Flankierend gibt es Angebote im literarischen, kreativen und journalistischen Schreiben und andere Aktionen wie „Die lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten.

Schreiben als ganzheitliche Erfahrung

Sie haben auch an der Ausbildung zum „Achtsamen Hochschullehrenden“ (AH) an der Ernst-Abbe-Hochschule teilgenommen. LINKWas hat Achtsamkeit mit dem Schreiben zu tun und was verstehen Sie unter „achtsamen Schreiben“?

Braun: Studierende erfahren das Schreiben an der Universität immer nur im Zusammenhang mit Noten. Zudem wird von ihnen erwartet, dass sie es bereits zu Beginn des Studiums können. Universitäten verstehen sich nicht als Lernort des wissenschaftlichen Schreibens, sondern lagern diese Aufgabe an die Schulen aus. Mit der Folge, dass sich die Studierenden an der Universität auf sich selbst gestellt sehen. Das schafft große Unsicherheit und führt zu Druck – oftmals konkret erlebt als Zeitdruck – und Stress.

Zudem zielen Universitäten vor allem auf die analytischen Fähigkeiten. Schreiben wird folglich als eine rein kognitive Tätigkeit angesehen, die sich allein im Kopf abspielt. Doch der Körper spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Psyche. Auch die Frage, wie das soziale Umfeld davon betroffen ist und in den Prozess mit einbezogen wird, wirkt sich auf das Schreiben aus. Genau da setzt die Achtsamkeit an.

Es geht zunächst einmal um die Fähigkeit, sich selbst beim Schreiben als ganzen Menschen wahrzunehmen, die momentane körperliche, psychische und geistige Verfassung. Genau diese Verfasstheit gilt es anzunehmen, sie zum Ausgang des Schreibens zu machen und sie nicht anders haben zu wollen. Oftmals hecheln wir ja irgendwelchen Idealen nach, wie wir gerne sein möchten oder uns gerne verhalten würden. Diese Differenz führt zu Frust und wirkt sich hinderlich und lähmend aus; der Antrieb bricht weg.

Wie sieht das konkret aus? Machen Sie bestimmte Achtsamkeitsübungen mit den Studierenden?

Braun: Ich arbeite in Schreibkursen und Workshops gerne mit einer Kombination aus meditativer Selbstwahrnehmung und schriftlichem Festhalten. Dazu leite ich die Teilnehmenden zunächst an, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten und sich im Atem zu verankern. Dann leite ich sie an, die körperliche, emotionale und geistige Ebene durchzugehen. Es ist wichtig zu lernen, diese Ebenen zu unterscheiden.

Diese Form ist angelehnt an die sogenannte „Atemraumübung“, die ich manchmal noch ergänze durch eine Geste der Selbstfürsorge. Die Teilnehmenden sind aufgefordert, sich an ihr Herz zu fassen und sich selbst den Wunsch auszusprechen: Möge ich frei von Angst sein; möge ich glücklich sein.

Danach sollen sie dann ihre Wahrnehmungen in einem „Freewriting“ – das ist ein flüssiges Darauf-Losschreiben, ohne das Geschriebene zugleich zu überprüfen und zu bewerten – festhalten. Meist füllen sich dann innerhalb von wenigen Minuten zwei bis drei handschriftliche Seiten. Ich stelle regelmäßig fest, dass diese Arte des Schreibens den Studierenden gut tut. Sie gewinnen dadurch Vertrauen in sich selbst und ihre eigene Schreibkompetenz.

Das innere Team einbeziehen

Haben Sie weitere Erfahrungen mit achtsamkeitsbasierten Übungen gesammelt?

Braun: Beim Schreiben kommt unseren verschiedenen inneren Anteilen oder Stimmen eine große Bedeutung zu. Jeder von uns ist ja viele, besteht aus vielen Anteilen. Wir tragen in uns ebenso das „kreative Kind“ wie auch den „inneren Kritiker“, der oft in Gestalt eines internalisierten, strengen (Deutsch)Lehrers auftritt.

Um diesen verschiedenen Anteilen auf die Spur zu kommen, hilft – in Schreibkursen oder Workshops – die Form der Dyade. Dies ist eine Form des selbsterforschenden Sprechens, das als Gegenüber einen aufmerksamen, aber stillen Zuhörer hat. Reden und Zuhören wechseln einander ab.

Eine Zuspitzung davon ist die Perspektivdyade, die Tanja Singer und ihr Team im Rahmen des ReSource-Projekts am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften entwickelt haben. Nachdem die Teilnehmenden ihre „inneren Stimmen“ identifiziert und eventuell auch personifiziert haben, sprechen sie in der Dyade abwechselnd aus der Perspektive ihrer verschiedenen „inneren Stimmen“. Das „kreative Kind“ kommt dadurch neben dem „inneren Kritiker“ zur Sprache, der „Hedonist“ neben dem „Antreiber“.

So erfahren die Teilnehmenden eine Art Befreiung: Sie erleben, dass es nicht nur eine Version gibt, sondern mehrere – dass sie die Geschichte ihres Schreibens unterschiedlich erzählen können, beispielsweise als Leidensgeschichte oder aber auch als eine Geschichte, in der sie ihren Ideen und Vorstellungen gegen alle Widerstände treu geblieben sind.

Offenbar gibt es eine Verbindung von Achtsamkeit und Kreativität.

Ja, eine andere achtsamkeitsbasierte Übung ist eine Schreibwerkstatt zur Kunst im öffentlichen Raum in Jena. Dabei habe ich zum ersten Mal versucht, die Wahrnehmung und Beschreibung eines Kunstwerks mit einer Meditation zu verbinden.

Wir standen um eine Plastik von Frank Stella, die aus verschiedenen Metallteilen zusammengesetzt ist. In Jena genießt sie keinen guten Ruf, wird meistens als „Schrott“ bezeichnet. Umso wichtiger dachte ich, sich dieser Plastik möglichst ohne Vorurteil zu nähern.

Ich habe zunächst eine Versenkungsmeditation angeleitet, die zum Ziel hatte, das „Dritte Auge“ zu aktivieren. Das dauerte eine knappe Viertelstunde. Danach haben wir uns die Plastik angesehen. Jeder für sich – in Stille. Danach gab es Zeit, die eigenen Eindrücke festzuhalten, wieder in der Art des freien Schreibens.

Erst danach sind wir gemeinsam in ein Gespräch eingetreten, ein sehr intensives Gespräch. Viele berichteten, sie hätten starke Assoziationen gehabt. Andere sprachen davon, wie sie nach der Meditation einfach nur gesehen hätten, ohne das Gesehene gleich wieder zu identifizieren und zu kategorisieren.

Konzentration fördert Kreativität

Regt Achtsamkeit Ihrer Erfahrung nach den Schaffensprozess und die Kreativität beim Schreiben an?

Braun: Ja, auf alle Fälle. Das betrifft vor allem die Fähigkeit zur Konzentration. Unser Geist ist unruhig, ständig fallen ihm irgendwelche Dinge ein. Dies wird noch gefördert durch die digitalen Medien, durch Internet und Smartphone. Vielen fällt es heute schwer, sich über eine längere Zeit zu konzentrieren – vier bis fünf Stunden am Tag ist nach meiner Erfahrung ein gutes Pensum für das Schreiben.

Regelmäßige Achtsamkeitsübungen oder Meditation fördern und stärken die Konzentrationsfähigkeit und diese wiederum ermöglicht Kreativität. Konzentration jedoch ist kein starres Fixiertsein – das würde auch sehr bald erstarren, sondern hat auch mit ständiger Bewegung zu tun: Wer konzentriert ist, lässt sich ganz auf ein Thema ein und blendet vieles aus, muss aber auch immer wieder Raum schaffen, damit Ideen entstehen können.

In einem Workshop, in dem ich einmal die Konzentration zum Thema gemacht, hat ein Teilnehmer ein schönes Bild geprägt: Es sagte, Konzentration sei für ihn wie ein Walfisch. Im Zustand der Konzentration tauche er tief unter, muss aber auch immer wieder an die Oberfläche, um Luft zu holen.

Haben Sie schon Ideen für neue Experimente mit achtsamkeitsbasiertem Schreiben?

Braun: Ich biete schon seit vielen Jahren hier in Jena für Doktorandinnen und Doktoranden im Sommer zwei „Schreibwochen“ an. Jeder Tag beginnt um 9 Uhr mit einem kleinen Schreibimpuls von mir. Danach schließen sich vier Stunden Schreibzeit an. Am Nachmittag treffen wir uns mehrmals, um uns gemeinsam auszutauschen. In den Pausen biete ich dabei immer Achtsamkeitsübungen an – am Vormittag gerne eine Gehmeditation. Das ist ein schöner Ausgleich zum Sitzen und Schreiben.

Ich möchte nun diese Idee ausbauen zu einem „Schreibretreat“. Dort sollen sich Zeiten des Schreibens mit Zeiten der Meditation – Geh- und Sitzmeditation – kontinuierlich abwechseln. Die bekannte amerikanische Schreiblehrerin Natalie Goldberg, deren Konzepte buddhistisch beeinflusst sind, bietet schon seit langem Schreibretreats an. Sie berichtet darüber in ihrem Buch The True Secret of Writing.

Sie nutzt das Schreiben zur Selbsterforschung. Ich würde gerne versuchen, die Meditation auch für das wissenschaftliche Schreiben fruchtbar zu machen. Ich hoffe, diese Idee im Rahmen des Thüringer Modellprojekts „Achtsame Hochschulen in der digitalen Gesellschaft“ umsetzen zu können.

Das Interview führte Christa Spannbauer

Dr. habil. Peter Braun ist Leiter des Schreibzentrums „SchreibenLernen“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Kulturwissenschaftler nahm an dem ersten Achtsamkeitstraining für Hochschullehrende teil und ist zertifizierter „achtsamer Hochschullehrer“.

Informationen: www.schreibenlernen.uni-jena.de