Verbandstreffen der MBSR-Lehrer in Berlin 

Auf der MBSR-Fachtagung in Berlin setzte der Achtsamkeitsverband dieses Jahr auch gesellschaftspolitische Akzente. Achtsamkeits-Praktizierende wollen mehr Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Weiter bot das Treffen die Möglichkeit, verbandsinterne Themen zu besprechen, etwa die Qualitätssicherung im Zuge der Kommerzialisierung.

 

MBSR (Mindfulness Based Stress-Reduction) ist heute eine wissenschaftlich erfolgreiche und säkulare Methode der Stressprävention mit gesellschaftlicher und ethischer Breitenwirkung. Der Vorsitzende Günter Hudasch auf der Fachkonferenz im November 2018 in Berlin vor 260 Mitgliedern über seine Vision:

„Unser Ziel ist es, Achtsamkeit als Kultur- und Basiskompetenz für alle Lebensbereiche wie z. B. in Schulen, im Bildungs-, Gesundheitswesen oder Unternehmen zu etablieren.“ Kooperationen mit derzeit fünf qualifizierten Ausbildungsinstituten und Qualitätsmanagement seien ein wichtiger Teil der Verbandsarbeit.

„In Zeiten der Krise ist es wichtig, eine Kultur der Bewusstheit zu fördern. Daher sollten wir nicht automatischen Reaktionen den Umgang mit Natur, Mitmenschen und uns selbst überlassen. Um diesen Planeten besser zu behandeln, braucht es Bewusstheit über die eigenen Impulse, denn wir produzieren sonst Zustände, die wir nicht wollen.“

Der Verband lud nach Berlin Referenten aus vielen Teilbereichen der Gesellschaft ein und organisierte Workshops zu einzelnen Themen wie Achtsamkeit in der Schule, achtsame Hochschulen in der digitalen Gesellschaft oder Achtsamkeit und Sucht. Mit rund 900 Mitgliedern sind derzeit ca. 80 Prozent der AchtsamkeitslehrerInnen im Verband organisiert.

Ein Plädoyer für die Unsicherheit

Ein Highlight der Konferenz war der Auftaktvortrag der Philosophin und Buchautorin Natalie Knapp „Mit der Unsicherheit Freundschaft schließen – Eine Ermutigung“. Ihrer Ansicht nach werde Achtsamkeitspraxis heute dringender gebraucht als je zuvor. In Zeiten des Sicherheitswahns hielt sie ein flammendes Plädoyer zur Verteidigung der Unsicherheit. In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Welt mit großer Geschwindigkeit verändert. Globalisierung der Märkte, virtuelle Technologien und Internet hätten unseren Alltag und das Berufsleben drastisch verändert. Es gäbe eine Menge Unsicherheit auszuhalten.

Leider kippe Unsicherheit häufig in Angst z. B. vor Flüchtlingen um und könne von Politikern instrumentalisiert werden. Dann könnten Politiker die dümmsten Konzepte verkünden. Wenn Angst im Spiel sei, setze der Verstand aus. Daher sei es klug, Unsicherheiten auszuhalten. Angst verenge und beschleunige Handlungsspielräume, während Unsicherheit sie verlangsame, so die Argumentation.

„In Zeiten des Umbruchs hat niemand Routine. Wir fühlen uns unsicher, verletzlich und angreifbar. Doch solche Übergangsphasen aktivieren auch unser schöpferisches Potenzial“, so Knapp. Sie erinnerten uns daran, dass wir die Fähigkeit besitzen, die Welt und unser Leben mitzugestalten. Und sie zwängen uns dazu, uns auf das zu besinnen, was wirklich zählt.

Knapp ermutigte die begeisterten Zuhörerinnen und Zuhören zum Mitmachen eines Gedankenexperimentes und lieferte Argumente zur Verteidigung der Unsicherheit, die die Kraft der Hoffnung, der Freiheit, Kreativität und Lebendigkeit hervorbringe und das Weisheitswissen, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Es gäbe keine andere Möglichkeit unser Leben zu sichern als diese Fähigkeiten.

Eine Lanze schlug sie für die Pubertät, eine Lebensphase, in der Jugendliche sich extrem unsicher fühlten und vieles zum ersten Mal erlebten. Hier wachse die Fähigkeit, schöpferisch zu sein. „Ohne die Kreativität der Jugendlichen wäre die Welt unverändert und es würde nichts Neues entstehen. „Wir würden ewig dieselben Platten auflegen“, so Knapp. Die „Störung“ der Unsicherheit verhelfe letztlich zu Selbstbewusstheit und Resilienz.

Der achtsame Umgang mit Sucht: Handlungsspielräume erweitern

Auch der Vortrag von Prof. Götz Mundle, Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie, nahm sich gesellschaftlicher Themen an: „Sucht – Wenn das Belohnungssystem die Führung übernimmt“. Mundle, Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit der Tagesklinik Oberberg City Berlin über seinen etwas anderen Arbeitsplatz: „Wir beginnen den Tag mit Achtsamkeit und Meditation und beenden ihn so.“ Ein Novum in den meisten Kliniken: Ärzte und Patienten praktizieren Achtsamkeitspraxis gemeinsam.

Süchte seien ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um Alkohol und Drogen, sondern auch Glücksspiel, Arbeit, Sport, Essen, Sex, Computerspiele, Internet, insbesondere Handy,  und zunehmend Social Media.

Bei Sucht werde laut Neurobiologie der Präfrontale Kortex übergangen, und es geht direkt vom Impuls zur Handlung. Das neuronale Netzwerk Sucht aktiviere das Belohnungssystem. „Drogen schütten enorm viel Dopamin aus. Sie stimulieren das Belohnungssystem zehn Mal intensiver als etwa Essen.“

Auch Meditation könne Suchtpotenzial haben, wenn die Praxis nicht mehr lebensnah im Alltag eingebettet sei. Die Frage sei hier: Was ist wichtiger, das Leben oder das Sitzkissen? Im Umgang mit Suchterkrankungen werde an der Klinik erfolgreich nach dem von Alan Marlatt und Sarah Bowen konzipierten MBRT-Programm (Achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention bei Substanzabhängigkeit) gearbeitet, das sich an dem 8-Wochen-MBSR- und MBCT- Programm für depressive Patienten orientiere.

Ziel des Behandlungsprogramms sei ein neuer achtsamer Umgang mit süchtigen, gierigen Impulsen. Mundle zeigte sich überzeugt, dass durch Meditation mehr Handlungsspielräume entwickeln werden können. Er zitierte dazu Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegen unsere Freiheit und die Möglichkeit, unsere Antwort zu wählen.“

Qualitätsmanagement und Professionalisierung

Nachdem Qualitätsstandards für Achtsamkeitslehrer bereits 2017 beschlossen wurden, ging es in diesem Jahr auf der Fachkonferenz darum, diese wirksam umzusetzen, auch um der Vielzahl von unqualifizierten und selbsternannten Achtsamkeitscoaches, die auf den Markt schwemmen, etwas entgegen zu setzen.

Rebecca Crane, Direktorin des Centre für Mindful Research an der Universität Bangor, Wales, setzte als Hebamme für Qualitätsmanagement in Europa neue Maßstäbe. Ihrer Meinung nach brauche man mehr Erfahrung in der eigenen Meditationspraxis sowie im Unterrichten und im Umgang mit Gruppen, um ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin zu sein.

Die Achtsamkeitsbewegung habe Auswirkungen nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auch auf die Politik. In England werde MBCT (Mindfulness Based-Cognitive Therapie) bereits von Regierungsinstituten empfohlen, so Crane. 200 Parlamentarier hätten bisher einen 8-Wochen-Achtsamkeitskurs belegt. In UK wurde sogar ein All-Parliamentary-Report konzipiert, der parteiübergreifend Regierungsempfehlungen für die Etablierung von Achtsamkeitspraxis im Bildungs-, im Justiz-, im Gesundheitswesen und im Businesskontext herausgibt.

Zur Qualitätssicherung und Stärkung des Berufsbildes hatte der Vorstand des deutschen Verbands im Vorjahr ein Dreistufen-Modell vorgestellt, das die Praxiserfahrung von qualifizierten Lehrerinnen künftig auf der Verbandswebsite dokumentiert.

Ab Ende November 2018 wird das Qualitätsmanagement im Verband online gehen und sichtbar werden.  Mitglieder können dann ihre Nachweise über selbst gehaltene Kurse, Fortbildungen und Retreats hochladen und für die Öffentlichkeit wird ein Erfahrungslevel präsentiert.

Die Dokumentation der drei Levelstufen (Qualifiziert, Erfahren und Senior) soll die Erfahrung ausweisen; denn qualifizierte Achtsamkeitslehrende sind alle Mitglieder. Für alle Mitglieder gibt es eine Verpflichtung zu kontinuierlicher Meditationspraxis und Weiterbildung, dazu haben sich alle Mitglieder verpflichtet, so Hudasch.

Schweigeretreats, Supervision und Anerkennung der Krankenkassen

So sollen alle Mitglieder jedes Jahr an einem Retreat teilnehmen. Mindestens alle zwei Jahre soll dies ein Schweigeretreat sein, das mindestens fünf Nächte umfasst. Der ehemalige Theravada-Mönch und erfahrene Meditationslehrer Christoph Köck motivierte in seinem Vortrag „Wozu Schweigeretreats?“ die Verbandsmitglieder zur kontinuierlichen Retreatpraxis.

Auch Supervision solle ab 2020 verbindlich für alle MBSR-Lehrerenden im Verband werden. Hudasch wolle jedoch mit dem künftigen Qualitätsmanagement nicht einschüchtern, sondern die Mitglieder zur Weiterentwicklung motivieren. „Wir wollen eine Kultur von Commitment und Großzügigkeit schaffen, nicht eine Kultur von Kontrolle.“

In Planung ist auch, für Fördermitglieder von AkiJu (Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche) Qualitätskriterien zu schaffen. Die Fördermitglieder können sich dann auf der Webseite des AKiJu e.V. der Öffentlichkeit zeigen.

Zum großen Bedauern des Verbandes akzeptieren die Krankenkassen auch weiterhin in ihrem Präventionsleitfaden keine beruflichen Quereinsteiger für das multimodale Stressmanagement. Gespräche des Verbandes mit den Krankenkassen über einen neuen Präventionsleitfaden haben bisher nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Der Verband setzt sich dafür ein, dass auch für Multimodales Stressmanagement, zu dem MBSR gehört, wie schon bei ThaiChi, ChiGong und Yoga, eine qualifizierte Ausbildung unter Leitung des Verbandes eine Bezuschussung durch die Krankenkassen ermöglicht. Bisher ist das nur für wenige Grundberufe wie Psychotherapeut, Arzt oder Sozialwissenschaftler möglich.

Michaela Doepke

Mehr: Detaillierte Infos zum Qualitätsmanagement finden sich auf der Verbandswebsite des MBSR-MBCT-Verbandes unter www.mbsr-verband.de