Wake-up-Call einer Achtsamkeitstrainerin

Selbstkritisch erkundet die erfahrene Achtsamkeitslehrerin Michaela Doepke ihren Umgang mit starken Schmerzen. Wie ist es, wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen? Mit ihrem Wake-up-Call möchte sie andere Achtsamkeitslehrende und -Praktizierende ermutigen, sich selbst ehrlich zu beobachten und authentisch zu bleiben.

 

Bisher hatte ich mich in der luxuriösen Situation befunden, keinen länger andauernden Schmerz zu kennen. Rückblickend auf meine 66 Lebensjahre hatte ich mich noch nie gravierend verletzt oder war ernsthaft krank gewesen. Bis auf die Geburt meiner vier Kinder hatte mich bisher auch kein Krankenhaus von innen gesehen. Im Vergleich zu meinen Altersgenossen strotze ich gewöhnlich nur so vor „Gesundheit“, in der fälschlichen Annahme, diese könne irgendwie stabil sein.

Doch dann änderte sich alles mit einem Paukenschlag. Vor einiger Zeit traf mich ein heftig stechender Schmerz, als bei meinen täglichen Sportübungen die Brustwirbel plötzlich blockierten. Der Schmerz fuhr in die rechte Seite und griff förmlich nach mir. In der Folge ernährte ich mich einen Monat von starken Schmerztabletten, − und das, obwohl ich Tabletten sonst vehement ablehne.

Längere Zeit blieb ich im Widerstand und der Blockade stecken und entdeckte auch leidlich: Meine Identität und mein Selbstbild hatten sich bisher auf dem Glauben ausgeruht, eine durchweg gesunde und robuste Person zu sein. Pustekuchen!

Wenn ein Selbstbild zerbröckelt

Obwohl ich nun seit über 35 Jahren auf dem Meditationskissen praktiziere und über Vergänglichkeit und die Verletzlichkeit des Lebens meditiere, habe ich diese Erkenntnis scheinbar nicht wirklich auf mich angewandt. Natürlich, die anderen werden krank, aber ich doch nicht! Ich mache Sport, tanze HipHop, ernähre mich gesund und lebe meist achtsam. Was für ein Irrtum!

Als Achtsamkeits- und Meditationslehrerin habe ich den Anspruch an mich, authentisch und ehrlich gegenüber den Teilnehmenden meiner Kurse zu sein. Ich versuche mich an Weisheitslehrern wie u. a. Jon Kabat-Zinn, dem Begründer der Achtsamkeitsbewegung zu orientieren, die leben, was sie lehren.

Sehr aufgerüttelt und bewegt hatte mich jedoch vor nicht allzu langer Zeit der Suizid eines von mir sehr geschätzten Achtsamkeitslehrers, Arzt und Buchautor. Niemals hätte ich gerade bei diesem Freund und Achtsamkeitsexperten, den viele notleidende Menschen aufsuchten und der sehr gütig wirkte, vermutet, dass er so viel Kummer hat.

Immerhin eröffne ich die Kurse für die Gruppenteilnehmer stets offen: „Ich freue mich, dass ich mit euch wieder gemeinsam praktizieren darf. Denn beim Thema Achtsamkeit bin ich selbst manchmal meine beste Kundin und euch vielleicht nur durch ein paar Jahrzehnte Praxiserfahrung voraus. Wir sitzen alle in einem Boot.“

So beuge ich gleich Projektionen und Erwartungen an mich vor. Wichtig ist nur die tägliche Praxis und Erinnerung, achtsam zu sein. Und diese Erinnerung an die tägliche Achtsamkeit ist zumindest für mich lebenswichtig. Seit ich in den Fußspuren von großen Achtsamkeitslehrern wandle, hat sich mein Leben jedenfalls unglaublich positiv entwickelt.

Nur Widerstand und Kampf

Doch beim Thema Schmerz habe ich nun eine ganz neue demütige Sichtweise. Zunächst war ich irritiert und unwissend bezüglich des bohrenden Rückenschmerzes. Vielleicht ein Organschaden? Die freie Atmung war blockiert. Nachts weckte mich der Schmerz aus dem Schlaf und ich krümmte mich in Schutzhaltung wie ein Igel im Bett.

Mühsam versuchte ich, mich an die Anweisungen zum achtsamen Umgang mit Schmerz zu erinnern, die ich selbst bei der Meditation anleite. Aber der Schmerz war überwältigend. Erst versuchte ich, den Schmerz im Gewahrsein zu halten, mich auf den Atem zu konzentrieren und von den Atemwellen tragen zu lassen, dann den Atem zu zählen. Nichts funktionierte. Da war nur Widerstand, Kampf. Die inneren Stimmen schrien: „Wieso ich? Was ist überhaupt los? Ich will das nicht! Auaaaa!“

Selbst beim Zahnarzt hatte es funktioniert, mich bei schmerzhaften Behandlungen zu entspannen, die Hände zu öffnen und mich auf den Bauchatem zu konzentrieren. Auch bei den Geburten meiner vier Kinder hatte ich mich zwischen den Presswehen immer wieder auf den Atem konzentriert, versucht, den Mund leicht zu öffnen und in den Pausen zu entspannen.

Sehr unterstützend war mein Mitgefühl und die Vorstellung, wie viele Mütter bisher die höllischen Schmerzen bei der Geburt erlitten und überlebt hatten. Zwar hatte ich nach dem ersten Kind beschlossen, nach diesen Schmerzen nie wieder ein Kind auf die Welt bringen zu wollen, aber der Mensch vergisst eben schnell. Beim vierten Kind lief die Geburt dann fast schmerzfrei und wie von selbst.

Doch obwohl ich schon lange Meditation praktiziere und unterrichte, habe ich in dieser Hinsicht noch viel zu lernen. Als Beispiel der Veränderung des Gehirns durch Meditation nennt der Gehirnforscher Richard Davidson eine neurowissenschaftliche Studie von Lutz et al (2013) über Hitzeschmerz und Neuroimaging.

Sein Resumé: Während das Schmerzempfinden von Nicht-Meditierenden bereits vor dem zugefügten Hitzeschmerz einsetzte und längere Zeit danach noch aktiv war, reagierte der Langzeitmeditierende Mingyur Rinpoche nur auf den tatsächlich im Moment erlebten Reiz mit Schmerzempfinden, aber weder davor noch danach. (1)

Bei mir explodierte das Gedankenschmerzkarussel vor und nach den äußerst starken Schmerzattacken. Und dann kamen die Selbstvorwürfe dazu, dass ich als Achtsamkeitstrainerin doch gelassener sein sollte. Dazu hatte ich zu dieser Zeit auch noch andere Sorgen, die zu dem körperlichen einen emotionalen Schmerz hinzufügten und diesen verschlimmerten.

Die Reaktivität des Geistes als Schmerzverstärker

Wie sage ich oft in meinen Kursen: Es gibt ein körperliches Leid und ein geistiges Leid (Jammern, Selbstmitleid), das wir durch unser Denken noch hinzufügen. Dadurch verstärkt sich das körperliche Leiden, z. B. in Form von Muskelanspannungen oder Krämpfen. Jeder Widerstand, jeder Kampf erhöht das Leiden.

Dann erzähle ich meist die Geschichte von Buddha und den zwei Pfeilen. Dieses Gleichnis berichtet vom Daseinsschmerz, den wir alle durch Alter, Krankheit und Tod erleiden. Dieser ist wie ein Pfeil, der in einer Wunde steckt. Aber wir selbst schießen durch unser Dramatisieren und Katastrophisieren zusätzlich noch einen zweiten Pfeil in die Wunde, den wir vermeiden könnten.

Genau so ging es mir auch. Erschrocken kapituliere ich, wenn sich bei überwältigenden Schmerzen meine Muskeln verspannen, sich die Wahrnehmung verengt und die inneren Alarmglocken schrillen. Wenn die Schmerztabletten wirken, entspannt sich mein Körper und ich kann endlich schlafen. Etwas anderes hilft nicht.

Ich kapituliere und kultiviere den Anfängergeist

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Mehr als die Hälfte der älteren deutschen Bevölkerung ist chronisch krank. Häufigste Ursache chronischer Schmerzen sind laut Deutscher Schmerzgesellschaft Erkrankungen des Bewegungsapparates und hier am häufigsten Rückenschmerzen. (2)

Heute tröste ich mich bezüglich meinem unachtsamen Umgang mit Schmerzempfindungen, kultiviere einen Anfängergeist und gehe zurück auf Null. Nach einem Monat harter Schmerzerfahrung habe ich mich nun ausgesöhnt. Die blockierten Brustwirbel sind durch die Behandlung des Physiotherapeuten gelöst, zwei Therapiestunden haben das seelische Leid gelindert und die Blutwerte sind wieder top. Die Welt ist wieder offen und weit.

Was sich geändert hat? Ich kultiviere eine mehr offene, annehmende Haltung mir selbst gegenüber. Und ich habe dank meiner eigenen Erfahrung noch mehr Mitgefühl mit meinen Kursteilnehmern, die mit chronischen Schmerzen kämpfen. Meine Akzeptanz der leidhaften Natur von uns Menschen ist gewachsen, die Demut vor dem vergänglichen und so kostbaren Leben, die dankbare und freundliche Annahme von dem, was ist.

Ich identifiziere mich nicht mehr so stark mit meinem alternden Körper und meinen Unzulänglichkeiten, weiß, dass meine Tage gezählt sind, die Gesundheit verletzlich und alles an einem seidenen Faden hängt. …Menschliches, Allzumenschliches… Geht es anderen Achtsamkeitslehrenden auch so?

Michaela Doepke

Anmerkungen:

(1) https://ethik-heute.org/warum-meditation-das-gehirn-veraendert/

(2) https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/116897/Mehr-als-die-Haelfte-der-deutschen-Bevoelkerung-ist-chronisch-krank-Report „Chronisch krank sein in Deutschland : https://www.puk.uni-frankfurt.de/92451443/Erster_umfassender_Report__Chronische_Krankheiten_in_Deutschland?

Buchtipp: Achtsamer Umgang mit Schmerz, in: Achtsamkeit mitten im Leben. Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven. Hrsg: Britta Hölzel und Christine Brähler, O.W. Barth Vlg.

Michaela Doepke, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin, Journalistin, Redakteurin und Mitbegründerin des Netzwerks Ethik heute, Buchautorin.
Mehr: www.michaela-doepke.de