Ein Gespräch mit Dr. Reyk Albrecht, der Achtsamkeit und Angewandte Ethik verbindet

Hochschulen sind zentrale Orte für die Entwicklung des Menschen, sagt Dr. Reyk Albrecht. Er spricht im Interview über die Bedeutung der Persönlichkeitsentwicklung und und wie Achtsamkeit helfen könne, eigene Verhaltensmuster zu verstehen und ethisch zu handeln.

 

 

 

Das Gespräch führte Christa Spannbauer

Frage: Sie lehren an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Angewandte Ethik und unterrichten Achtsamkeit. Weshalb ist Achtsamkeit von Bedeutung für ethisches Verhalten?

Albrecht: Im Jahr 2000 ist Achtsamkeit für mich persönlich ein sehr wichtiges Thema geworden. Ich stellte mir daher die Frage: Wie kann man Achtsamkeit für die Hochschule fruchtbar machen, sowohl für die Forschung wie auch für die Lehre?

Ich habe geschaut, welche Rolle das Thema auch im Rahmen der Angewandten Ethik, in der ich geforscht, promoviert und habilitiert habe, einnehmen kann. Die Angewandte Ethik hat praktische Lebensprobleme zum Thema: Wie können wir mit den Herausforderungen des täglichen Lebens umgehen? Was sind unsere Normen, Wertvorstellungen und Moralvorstellungen? Welchen strukturellen Zwängen sind wir Menschen unterworfen und wie können wir diesen begegnen?

Hier kann die Achtsamkeit eine wichtige Rolle spielen – in dem Sinne, dass man sich seiner Handlungen bewusst wird. Es geht nicht allein um das Wissen darum, was richtig ist und wie ich in bestimmten Situationen mit Menschen umgehen sollte, sondern vor allem darum, auch entsprechend zu handeln. Das Handeln scheitert oftmals weniger am Wissen, was wir tun sollten, sondern daran, dass wir unter Druck stehen, gestresst sind, einen schlechten Tag haben und so weiter.

Achtsamkeit hilft, eigene Verhaltensmuster zu verstehen

Genau hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel. Achtsamkeit ist wichtig, um sich selbst kennenzulernen: Was sind meine klassischen Verhaltensmuster, gerade in Situationen, in denen es schwierig wird und in denen ich unter Druck stehe? Sich achtsam zu erforschen, um in diesen Situationen fortan besser reagieren zu können.

An der Hochschule sind wir an einem zentralen Ort, was die Entwicklung des Menschen angeht. Studierende sind in einer Lebensphase, in der sie sich verorten und finden müssen, um nach dem Studium verantwortungsvolle Positionen einzunehmen, sei es als Lehrer, Psychologinnen, Ärzte oder Führungskräfte; sie werden dann einen größeren Einfluss auf die Gesellschaft ausüben.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass sie neben den klassischen Bildungsinhalten auch Achtsamkeit erfahren können, um sich selbst besser kennenzulernen und mit anderen Menschen besser zu kommunizieren und in Kontakt zu kommen. Weil das Studium ein so wichtiger Zeitabschnitt im Leben junger Menschen ist, möchte ich ihnen Achtsamkeit gerade hier weitergeben. Auch wegen des Multiplikator-Effekts, den die Studierenden später in unserer Gesellschaft haben werden.

Sie selbst haben gemeinsam mit Professor Mike Sandbothe von der Jenaer Ernst-Abbe-Hochschule eine Ausbildung für Hochschullehrende in Achtsamkeit initiiert. Landesweit ist dies die erste offizielle Ausbildung zum „achtsamen Hochschullehrenden“. Weshalb ist Achtsamkeit gerade für die Lehre an den Hochschulen so wichtig?

Albrecht: Hochschullehrende haben, so könnte man sagen, ganz viele Berufe. Sie sind beratend tätig, in der Kommunikation, sie müssen mit vielen Konflikten umgehen, sie müssen publizieren, lehren, sie haben Mitarbeiter, die gut zu führen sind, usw. Da ist es besonders wichtig, dass man bei sich selbst bleiben kann. Achtsamkeit kann hilfreich sein, insbesondere die Fähigkeit, präsent und aufmerksam zu sein für das, was gerade ansteht.

Hochschullehrende laufen auch Gefahr, durch ihre vielen Rollen und Aufgaben permanent gedanklich schon bei der nächsten Aufgabe zu sein, z.B. nicht in der Vorlesung oder im Gespräch mit dem Studierenden präsent zu sein. Die Versuchung, ins Multitasking abzudriften, ist ständig da. So kann es geschehen, dass die Effektivität leidet, aber viel mehr noch senkt es die eigene Zufriedenheit mit der Arbeit. Denn man hat den Eindruck, nie fertig zu werden.

Achtsamkeit ist eine Einladung das, was wir tun, mit Liebe zu tun

Wie wenden Sie die Achtsamkeit konkret in Ihrem eigenen Leben und in der eigenen Hochschulpraxis an?

Albrecht: Ich habe über die Jahre angefangen, die Achtsamkeit in den Studiengang Angewandte Ethik und Konfliktmanagement einzubauen. Ich habe mit klassischen Formaten begonnen wie dem MBSR-Kurs von Jon Kabat-Zinn. Dieses Programm Stressbewältigung durch Achtsamkeit habe ich Studierenden zugänglich gemacht, die Zeitstruktur angepasst und das Thema speziell für die Hochschule konkreter gemacht, etwa in Hinblick auf Prüfungsvorbereitung, Seminararbeiten, auf das Thema Stress im Hochschulalltag. Ich mache da sehr positive und bereichernde Erfahrungen, auch mit großen Gruppen mit bis zu 30 Studierenden.

Ich habe jetzt an der Friedrich-Schiller-Universität die Möglichkeit, die Achtsamkeitspraxis auch für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Hochschule anzubieten. Wir arbeiten hier mit einem Format von einer dreiviertel Stunde, das sich an das Training Achtsamkeit am Arbeitsplatz anlehnt. Wir haben es Mindfulness Based Employee Training getauft. Daneben arbeiten wir auch an einem Programm für die Führungskräfte an Hochschulen, das Mindfulness Leadership @ University. Hier ist unser Anliegen, das Thema von oben in die Hochschule hineinzutragen.

Was sehen Sie als den Nutzen an, den die Achtsamkeit für das eigene Leben und für den Hochschulalltag darstellt?

Achtsamkeit ist nichts Künstliches, nichts, was neu hinzukommt, was wieder von oben aufgesetzt wird. Es ist keine zusätzliche Aufgabe, sondern eine Einladung, bei all dem, was uns gerade jetzt begegnet, einfach nur da sein zu können, mit sich selbst und mit dem, was anliegt.

Achtsamkeit ist ein Teil von uns. Die Präsenz mit dem, was da ist. Das kennen wir alle aus Kindheitstagen oder vom Urlaub. Wir können ganz da sein. Wir können alles sein lassen, was uns sonst im Alltag bewegt. Achtsamkeit stärkt diese Fähigkeit.

Achtsamkeit heißt nicht, nichts tun oder nur herumzusitzen, sondern es bedeutet, konkret beim Arbeiten, Duschen, beim Essen, mit dem zu sein, was man gerade tut. Man könnte sagen, das, was man tut, mit Liebe zu tun. Dadurch kann man eine andere Qualität in alle Dinge, in die Interaktion, in die Arbeit bringen. Wenn wir das schaffen, im Lehren und Lernen, dann kann das für unsere Hochschulen, aber auch für die ganze Gesellschaft etwas bewirken.

Dr. phil. habil. Reyk Albrecht ist Ko-Leiter des Thüringer Modellprojekts Achtsame Hochschulen in der digitalen Gesellschaft und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Ethikzentrums der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er ist ausgebildeter MBSR-Lehrer und TAA-Trainer. www.achtsamehochschulen.de

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