Gabriela Duran/ shutterstock.com
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„Wir können Achtsamkeit nicht im Gehirn verorten“

Der Philosoph Evan Thompson im Gespräch

Achtsamkeit ist kein inneres Beobachten, sondern eine Art, in der Welt zu sein, sagt Evan Thompson. Er spricht im Interview über das Bewusstsein als verkörpertes Sein und die Achtsamkeit als komplexes Phänomen. Teil 1

 

Der Philosoph und Kognitionswissenschaftler Evan Thompson ist ein Grenzgänger. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich der Gelehrte, der tief in westlicher und in buddhistischer Philosophie verwurzelt ist, mit dem Dialog zwischen Buddhismus und Kognitionswissenschaften.

Thompson ist der Sohn des Sozialphilosophen und Kulturkritikers William Irwin Thompson, der die Lindisfarne Association gründete, einen Thinktank, der sich dem „Studium und der Realisierung einer neuen planetaren Kultur“ widmet. Thompson wuchs in Lindisfarne auf und wurde dort auch zuhause unterrichtet. Dadurch war er seit Kindertagen nach eigenen Worten umgeben von „leidenschaftlichen und komplexen philosophischen Debatten“ zwischen Denkern mit ganz unterschiedlichem spirituellen und akademischen Hintergrund.

In Lindisfarne begegnete Thompson auch Robert Thurman, dem renommierten Gelehrten des tibetischen Buddhismus und lernte den chilenischen Biologen, Philosophen und Neurowissenschaftler Francisco Varela kennen, der als Begründer des Dialogs zwischen Buddhismus und Kognitionswissenschaften gilt. In Paris studierte er mit Varela an der École Polytechnique und verfasste zusammen mit ihm und der Psychologin Eleanor Rosch The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience, 1991 [Der mittlere Weg der Erkenntnis, Bern/München Wien: 1992].

Es war das erste akademische Buch, in dem untersucht wurde, was buddhistische Philosophie und Meditationspraxis den kognitiven Wissenschaften anzubieten haben, und in dem eine neue Sichtweise entwickelt wurde: die „verkörperte“ oder „enaktive“ (handlungsbezogene) Sicht der Erkenntnis.

Das Interview führte Linda Heumann

Das Gehirn ist eingebettet in Körper und Kultur

Frage: Vor fast 25 Jahren kritisierten Sie in Ihrem Buch Der mittlere Weg der Erkenntnis eine Vorstellung vom Geist, die zur damaligen Zeit weit verbreitet war und heute noch immer zu einem großen Teil die neurowissenschaftliche Forschung zu Meditation bestimmt. Was ist das für eine Auffassung, und was ist falsch daran?

Thompson: Wir kritisierten die Sichtweise, das Bewusstsein bestünde aus Repräsentationen (mentale Konstrukte) im Kopf. Die Kognitionswissenschaft vertritt die Ansicht, das Bewusstsein sei ein Computer, die Repräsentationen seien die Software und das Gehirn die Hardware. Auch wenn sie heute nicht mehr glaubt, dass das Gehirn wie ein digitaler Computer funktioniert, denken immer noch viele, vor allem die Neurowissenschaftler, das Bewusstsein befände sich irgendwo im Kopf oder im Gehirn.

Diese Vorstellung bestimmt auch die neurowissenschaftliche Sicht der Meditation. Doch eine solche Auffassung ist nicht haltbar. Es ist, als würde man sagen, das Fliegen befände sich in den Flügeln des Vogels.

Das Bewusstsein braucht Bezüge! Er ist eine Art des Seins in Bezug zur Welt. Man braucht ein Bewusstsein, genauso wie ein Vogel Flügel braucht, aber das Bewusstsein existiert auf einer anderen Ebene – der Ebene des verkörperten Seins in der Welt.

Was ist Ihre Definition von Bewusstsein?

Thompson: Wir sind der Ansicht, dass Erkenntnis eine Art verkörperte Handlung ist. „Verkörpert“ heißt, dass der gesamte Körper entscheidend ist, nicht nur das Gehirn. „Handlung“ ist „Handlungsfähigkeit“, also die Fähigkeit, in der Welt zu agieren. Erkenntnis ist ein Ausdruck unserer körperlichen Handlungsfähigkeit.

Die Welt, in der wir leben, ist sinnhaft, weil wir Sinn hervorbringen oder Sinn geben. Wir bezeichnen dies als „Enaktion“ oder als „enaktiven Ansatz“. Hier wird Menschsein dadurch definiert, dass man in einer menschlichen Welt lebt, in der wir die Kultur und die körperlichen Handlungen mit anderen teilen. Natürlich brauchen wir dafür unser Gehirn, aber wir brauchen auch die Welt um uns herum, damit das menschliche Gehirn sich richtig entwickeln kann.

Philosophen bezeichnen das Gehirn als eine notwendige „befähigende Voraussetzung“ für Bewusstsein und Sinn, während das Eingebettetsein in eine Kultur eine notwendige befähigende Bedingung für das Gehirn ist. Ausschlaggebend ist nicht allein, was sich im Gehirn befindet, sondern auch, worin sich das Gehirn selbst befindet – der weit gefasste Raum von Körper und Kultur. Dort finden wir Bewusstsein und Sinn.

Zu einem frühen Zeitpunkt Ihrer beruflichen Laufbahn, als Doktorand, waren Sie Co-Autor von Der mittlere Weg der Erkenntnis. Wenn Sie zurückblicken, gibt es Dinge, die Sie bedauern, die Sie anders geschrieben hätten, wenn Sie damals das Wissen von heute gehabt hätten?

Thompson: Wir hatten eine bestimmte Art, über Achtsamkeit zu sprechen, die ich heute für falsch halte. Zuweilen beschrieben wir sie als eine besondere Art der inneren Beobachtung, die einem zeigt, wie das Bewusstsein tatsächlich beschaffen ist, unabhängig von seiner Sinnhaftigkeit – als wäre der Geist eine Kiste und man würde, wenn man hineinschaut, erkennen, was schon die ganze Zeit darin lag.

Meinen Sie die Auffassung, dass man in der Meditation das sähe, „was wirklich da ist“?

Thompson: Ja, wobei mit „Sehen“ das „Hineinschauen“ gemeint ist, mit dem man erkennen will, wie das Bewusstsein wirklich ist, ohne dass man hineinschaut. Wir haben zum Beispiel geschrieben, bei der buddhistischen Meditation erkenne man, dass die eigene Erfahrung in Wirklichkeit eher flüchtig ist, aus Momenten besteht und kein kontinuierlicher Fluss ist.

Genauso gut könnte man aber auch argumentieren, bestimmte Meditationsmethoden ließen das Erleben lückenhaft werden. Diese Erfahrung wird dann dadurch verstärkt, dass uns ein theoretisches System an die Hand gegeben wird, das sagt, wie die Dinge wirklich sind. Das macht z.B. das buddhistische Abhidharma-System, wenn es die flüchtige Natur der Dinge erklärt.

Die neurowissenschaftliche Ansicht von Meditation verstärkt die Vorstellung, Achtsamkeit sei eine Art innere Beobachtung – die falsche Vorstellung, der Geist befände sich im Kopf. Sie führt dazu, dass man sich die Achtsamkeit als eine Art inneres Monitoring vorstellt, das Wissenschaftler mit Hilfe von bildgebendenenden Verfahren mit der Aktivität neuraler Netzwerke im Gehirn messen können. Das ist ein Fehler!

Achtsamkeit ist abhängig vom Gehirn, aber es befindet sich nicht im Gehirn. Bestimmte neuronale Netzwerke mögen für die Achtsamkeit notwendig sein, aber die Achtsamkeit selbst besteht aus einem Gesamtkomplex miteinander verwobener geistig-körperlicher Fähigkeiten in ethisch ausgerichtetem Handeln in der Welt. Es ist kein neuronales Netzwerk, sondern es geht darum, wie man in der Welt lebt.

Man erkennt nur, was man kennt

Finden Sie die weit verbreitetete Auffassung problematisch, Achtsamkeitsmeditation werde nicht durch Vorstellungen vermittelt?

Thompson: Erfahrungen und Vorstellungen sind voneinander abhängig. Ob es überhaupt nicht-konzeptuelle Erfahrungen gibt, ist eine komplizierte Frage, über die buddhistische und westliche Philosophen immer wieder diskutiert haben. Aber in den meisten menschlichen Erfahrungen können Sie das eine nicht ohne das andere haben. Nehmen Sie z.B. die Naturwissenschaften. Hier betrachtet man natürlich Dinge, aber man kann sie nicht wirklich erkennen, wenn man nicht die passende Konzepte davon hat.

Wenn wir durch ein Mikroskop schauen, ohne dass uns jemand erklärt hätte, auf was wir dabei achten sollen, hätten wir keine Ahnung, was wir da eigentlich sehen. Selbst für den Biologieunterricht im Gymnasium braucht man Begriffe wie „Zellwand“ oder „Organelle“ – ganz zu schweigen von den Randbereichen wissenschaftlicher Entdeckungen, wo man neue abbildende Verfahren und Lernmethoden einsetzt, um Dinge zu erkennen. So geht es natürlich hier um Beobachtung, aber auch um sehr viel Begreifen.

Ähnlich verhält es sich, wenn man an einem Vipassana-Retreat teilnimmt [Vipassana ist eine buddhistische Meditationsform]. Am ersten Tag beobachtet man vielleicht nur seinen Atem, aber danach erhält man ein ganzes System von Begriffen, um Achtsamkeit zu praktizieren – Begriffe wie „Entstehen von Moment zu Moment“, „angenehm versus unangenehm“, „Empfindung“, „Absicht“, „Aufmerksamkeit“, und vielleicht noch einige Kategorien aus der buddhistischen Philosophie.

Es ist ein Schweige-Retreat, also sind diese Erklärungen das einzige, das man hört, und alle um einen herum tun das Gleiche. Was man hört, bestimmt, welche Erfahrungen man macht und wie man sie erlebt. Das System kann in diesem Zusammenhang dazu führen, bestimmte nicht-konzeptuelle Erfahrungen zu machen, doch sobald man darüber nachdenkt – was man nicht vermeiden kann – betritt man wieder die Welt der Begriffe.

Praktizierende, die so etwas hören, fragen sich vielleicht: „Wenn ich mich nicht nach innen wende und die Dinge sehe, wie sie in und aus sich selbst heraus sind, unabhängig von meiner Beobachtung, woraus besteht dann überhaupt meine Praxis?“

Thompson: Ich würde sagen, die Praxis besteht in der Verpflichtung zu einer bestimmten Lebensführung und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die diese Art zu leben unterstützt. Es geht darum, Qualitäten von Bewusstsein und Körper sowie Arten unseres Seins und Handelns in der Welt zu kultivieren, die wir für nutzbringend halten.

Praxis geht weit über die Meditation auf dem Kissen hinaus, sie ist sich selbst Zweck und Ziel und Ausdruck einer edlen Lebensführung. Sie ist das, was Philosophen und Psychologen „autotelisch“ nennen, ein Ziel, das sich selbst zum Ziel hat, das kein Werkzeug oder Instrument für etwas anderes ist.

Ich halte es für falsch, wenn Menschen die Praxis in ihrer so vielschichtigen Bedeutung auf ein Werkzeug oder Instrument reduzieren. Manche vergleichen Meditation mit einem inneren Teleskop: Die äußeren Wissenschaften verwenden physische Teleskope, um die Sterne zu betrachten, während die innere Wissenschaft die Meditation benutzt, um das Bewusstsein zu beobachten. Mir gefällt diese Analogie nicht!

Man stellt sich dabei das eigene Bewusstsein als Instrument vor. Unsere Beziehung zu uns selbst ist aber eben gerade nicht instrumentell zu sehen. Ein Teleskop ist ein Werkzeug, mit dem man etwas von uns Getrenntes, Fernes betrachtet. Aber Meditation funktioniert nicht so!

Wenn Sie denken, Achtsamkeit sei ein Werkzeug, das einem den Blick nach innen öffnet, dann stellen Sie sich den inneren Raum als etwas Objektives vor – was er aber eben nicht ist. Er ist etwas Subjektives. Wenn Sie glauben, dass Meditation so funktioniert, stellen Sie sich das Bewusstsein unweigerlich als Objekt vor – genau als das, was das Bewusstsein nicht ist. Hier besteht meiner Meinung nach ein wichtiger Unterschied zwischen Meditation und wissenschaftlichem Beobachten, trotz der Bedeutung von Begriffen, die beiden Bereichen Sinn verleihen.

Meditation kann sehr kraftvoll und transformativ sein: Sie kann zu Einsichten, zu tiefem Verständnis und Verbundenheit führen – aber nicht, weil sie ein Instrument oder ein Werkzeug ist, das uns befähigt, einen verborgenen inneren Raum zu sehen.

Ursprünglich bei der amerikanischen Zeitschrift „Tricycle“ veröffentlicht, mit freundlicher Genehmigung für ethik-heute übersetzt. www.tricycle.com Aus dem Englischen von Barbara Marx. 

Linda Heuman, Mitherausgeberin von Tricycle, ist freiberufliche Journalistin aus Providence, Rhode Island. www.lindaheuman.com

Thompson ist Professor für Philosophie an der University of British Columbia. Zusammen mit Francesco Varela (1048-2001) und Eleanor Rosch Autor von The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience, 1991 [Der mittlere Weg der Erkenntnis, Bern/München Wien: 1992]. Das Werk wurde bereits in sieben Sprachen übersetzt. 2015 erschien die zweite Auflage in englischer Sprache.

Zu seinen weiteren Büchern gehört u.a. Mind in Life: Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind sowie Waking, Dreaming, Being: Self and Consciousness in Neuroscience, Meditation, and Philosophy.

 

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