von Stephen Batchelor

Gedanken, Gefühle, Sorgen und Hoffnungen steigen im Bewusstsein ohne unser Zutun auf. Achtsamkeit hilft, diese Bewegungen zu betrachten, ohne sie verändern zu wollen. Der Meditationslehrer Stephen Batchelor beschreibt seine Erfahrungen und wie ihm Achtsamkeit ihm hilft, ein gutes Leben zu führen.

Achtsamkeit ist eine ausgewogene, reflektierende Haltung, in der man zum Beispiel die Niederträchtigkeit oder den Sarkasmus wahrnimmt, die im Geist aufsteigen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren oder sie abzulehnen. Man beobachtet mit Interesse, was passiert, ohne dem Drang, darauf zu reagieren, oder dem schuldbewussten Verlangen, es zu ignorieren oder zu unterdrücken, nachzugeben.

Dies bedeutet eine radikale Akzeptanz dessen, wer und was man ist, ohne dass irgendetwas unwürdig wäre, Gegenstand einer derartigen Aufmerksamkeit zu sein. Man sagt „Ja“ zum Leben, in all seinen Facetten, mit einer Haltung ironisch-mitfühlender Wertschatzung. Indem man diese nicht reaktive Grundhaltung im Laufe der Zeit stärkt, wird Achtsamkeit mehr und mehr die Grundlage des eigenen ethischen Lebens.

Für den tibetischen Autor Tokme Zongpo aus dem 14. Jahrhundert bedeutet Achtsamkeit „die Rückbesinnung auf alles, was man loslassen und verwirklichen möchte“, während Gewahrsein bedeutet, „zu wissen, wie man dieses Loslassen und Verwirklichen in die Tat umsetzen kann“.

Achtsames Gewahrsein umfasst somit das gesamte Projekt menschlichen Gedeihens. Achtsam zu sein bedeutet, sich daran zu erinnern, die zwanghafte Reaktivität loszulassen. Es geht darum, eine nicht-reaktive Lebensweise zu verwirklichen, während Bewusstseinsklarheit bedeutet, zu wissen, wie man die psychischen, kontemplativen, philosophischen und ethischen Fähigkeiten verfeinert, die zum Erreichen dieser Ziele erforderlich sind.

Ein achtsames, ethisches Leben führen

Ich habe mit den Jahren gelernt, dass der Wert der Meditation nicht darin besteht, den Inhalt der Erfahrung zu verändern. Sie verändert deine Beziehung zu diesem Inhalt. All die Sorgen, egoistischen Fantasien, Begierden und Belanglosigkeiten, die ins Bewusstsein drangen, sind einfach das Ergebnis früherer Gegebenheiten, über die ich wenig Kontrolle habe. Es sind natürliche Prozesse, die unabhängig von meinem Wollen geschehen.

Ich entscheide mich nicht dafür, sie zu empfinden. Alles, was ich tun kann, ist, ihnen gegenüber achtsam zu sein, wenn sie auftauchen, sie als das zu erkennen, was sie sind, und mich nicht zu sehr von ihnen beeinflussen oder mitreißen zu lassen.

Indem ich über die Jahre versucht habe, ein achtsames und ethisches Leben zu führen, habe ich vielleicht die Zustände reduziert, die die schlimmsten Formen der Reaktivität hervorrufen. Indem ich nicht gemäß diesen Reaktionen handele, verstärke ich sie vielleicht heute auch nicht mehr so sehr, wie ich es in der Vergangenheit tat, wodurch die Häufigkeit ihres Auftretens verringert wird.

Doch wie kann ich wissen, dass solcher Nutzen nicht einfach das Ergebnis von Reife oder anderen Faktoren ist, die nichts mit der formalen Meditationspraxis zu tun haben? Kann ich sicher sein, dass ich heute nicht das Gleiche erleben würde, selbst wenn ich keine einzige Stunde mit verschränkten Beinen auf einem Kissen gesessen hatte?

Wissenschaftliche Studien über die Wirkungen von Meditation versuchen, diese Fragen zu beantworten. Obwohl einige der Erkenntnisse darauf hindeuten, dass Meditation tatsächlich ein Schlüsselfaktor sein kann, der derartige Veränderungen erzeugt, wäre es an diesem Punkt verfrüht, pauschale Schlussfolgerungen zu ihrer Wirksamkeit zu ziehen.

Da sich in mir die Wirkungen der Meditation entfalten, bin ich wahrscheinlich in der schlechtesten Position, diese zu beurteilen. Ich bin zu nahe am Prozess, um die Folgen einer Praxis, die ich seit so langer Zeit ausübe, mit Klarheit erkennen zu können. Anstatt mich zu fragen, sollte man meine Frau fragen, meinen Bruder, meine alten Freunde. Ich bezweifle, dass ihre Antworten eindeutig waren.

„Die Welt ist hier, um uns zu überraschen“

Letztendlich ist für mich als Meditierenden nur wichtig, wie gut oder schlecht ich auf die Herausforderungen und Chancen, die sich aus der jeweiligen Situation ergeben, reagiere. Wenn meine kontemplative Praxis nicht dazu beiträgt, dass ich als Person in meinen Beziehungen zu anderen wachse und gedeihe, muss ich den Sinn und Zweck in Frage stellen, sie monate- oder jahrelang zu praktizieren.

Jeder Augenblick in meinem Leben bietet die Chance, neu anzufangen. Ich kann annehmen, was vor mir liegt, und loslassen, was mich zuruckhält, um dann in einer Art und Weise zu sprechen oder zu handeln, die nicht von meinen Ängsten, Anhaftungen oder meinem egoistischen Gedankengut bestimmt wird.

Obwohl ich oft auch scheitere, auf diese Weise zu leben, bin ich davon überzeugt, dass Achtsamkeit, Sammlung und Hinterfragen von entscheidender Wichtigkeit dafür sind, entsprechend handeln zu können. Deine Meditation ist in dem Ausmaß bedeutungsvoll, in dem sie dazu beiträgt, dass du zu der Person wirst, die du zu sein anstrebst. Und da eine ethische Vision integraler Bestandteil deines Lebens als Ganzes ist, wird sie deine kontemplative Praxis inspirieren, durchdringen und umformen.

Um kontemplative Praxis in das eigene Leben zu integrieren, braucht es mehr als das Beherrschen von Meditationstechniken. Es erfordert, eine Sensibilität gegenüber der Gesamtheit der eigenen Existenz zu entwickeln und zu verfeinern – von intimen Momenten persönlichen Kummers bis hin zum endlosen Leiden der Welt.

Diese Sensibilität umfasst eine Reihe von Fähigkeiten: Achtsamkeit, Neugierde, Verständnis, Sammlung, Mitgefühl, Gleichmut, Fürsorge. Jede von ihnen kann in Abgeschiedenheit kultiviert und gepflegt werden, hat aber nur geringen Wert, wenn sie in der nervenaufreibenden Begegnung mit anderen nicht bestehen kann.

Sei niemals selbstgefällig in Bezug auf die kontemplative Praxis; sie ist immer ein fortlaufender Arbeitsprozess. Die Welt ist hier, um uns zu überraschen. Meine nachhaltigsten Einsichten habe ich fernab des Kissens und nicht auf ihm erlangt.

Auszug aus dem Buch von Stephen Batchelor „Die Kunst, mit sich allein zu sein“, edition steinrich 2020, in dem es um die Bedingungen und Möglichkeiten eines guten Lebens geht. Für Batchelor gehört dazu ganz wesentlich die Fähigkeit, mit sich allen sein zu können und die eigene Stimme im Orchester der Welt zu finden. Achtsamkeit ist dazu ein zentraler Faktor. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages: www.edition-steinrich.de

Foto: privat

Stephen Batchelor ist Schriftsteller, Übersetzer, Lehrer und Künstler. Mit zwanzig Jahren ließ er sich zum buddhistischen Mönch ordinieren und durchlief eine Ausbildung von zehn Jahren. Im Jahr 2015 gründete er das Bodhi College mit, ein europäisches Bildungsprojekt, das sich dem Verständnis und der Anwendung des frühen Buddhismus widmet. Er ist der Autor von „Jenseits des Buddhismus“ (2017) und „Die Kunst mit sich allein zu sein” (2020). Er reist weltweit, um Vorträge zu halten und Retreats zu leiten, und lebt mit seiner Frau Martine in Südwestfrankreich.