Interview mit Marc Lesser

Marc Lesser entdeckte die Meditation vor 20 Jahren, leitete ein Zen-Kloster in den USA und bringt heute Achtsamkeit zu Konzernen wie Google und SAP. Wer sich selbst entwickelt, so Lesser, könne anderen am besten dienen.

Das Gespräch führte Usha Swamy

Frage: Warum haben Sie mit Zen-Meditation begonnen und was macht die Meditation zu einem wichtigen Aspekt in Ihrem Leben?

Lesser: Ich war 20 Jahre alt und ging als Student an einen Ort an der Ostküste der Vereinigten Staaten, an die Rutgers-Universität. Dort entdeckte ich ein Buch von Abraham Maslow mit dem Titel „Psychologie des Seins“.

Darin verwendet er einen Ausdruck, den ich noch nie zuvor gehört hatte: Selbstverwirklichung. Er schreibt von einer kleinen Anzahl von Menschen, die er erforscht hatte und die irgendwie freier und glücklicher zu sein schienen.

Da erst merkte ich, wie unbehaglich ich mich selbst fühlte, einfach unentwickelt und schlafend. Ich wollte einen Weg finden, um mich weiter zu entwickeln. Das hat mich dazu gebracht, über Zen zu lesen. Eines Tages spazierte ich zufällig in das Zen Center von San Francisco. Sofort ließ ich mich für ein Jahr vom College beurlauben, um hier zu leben. Und aus dem einen Jahr wurden zehn Jahre. Für mich war die Zen-Praxis eine sehr konkrete und beständige Art von Arbeit, die ich auch mein ganzes Erwachsenenleben praktiziert habe.

Mit Achtsamkeit lassen sich Dinge besser erledigen.

Mit dem, was Sie dort gefunden haben, Meditation, Zen, und dann auf der anderen Seite die Business-Welt, wie Google: Gibt es hier Gemeinsamkeiten oder stehen sich die beiden Welten gegenüber?

Lesser: Während der Zeit, in der ich im Zen-Zentrum lebte, wurde ich zu meiner Überraschung immer wieder gebeten, Führungsrollen zu übernehmen. Zunächst leitete ich die Zen-Klosterküche. Nach zehn Jahren im Tessajara-Mountain Zen-Center wurde ich gebeten, die Leitung dort zu übernehmen. Es ist ein Retreat- und Konferenzzentrum mit ungefähr 70 oder 80 Übernachtungsgästen.

Es war in dieser besonderen Rolle, in der ich einen Aha-Moment erlebte: Ich führe ein Business! Wir hatten etwa 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das andere Aha-Erlebnis war: Es scheint eine große Resonanz zu geben zwischen Achtsamkeits- oder Bewusstseinsübungen und der Arbeit damit, Dinge zu erledigen.

Ich fragte mich: Warum führen nicht alle Unternehmen diese Art von Praktiken ein, die so sinnvoll zu sein schienen, um bewusster, achtsamer, auch klarer und fürsorglicher zu sein? Alle diese Praktiken gehören zur Achtsamkeit, und es schien auch so zu sein, dass sie sich wirklich gut in die Businesswelt übersetzen ließen.

Dann habe ich das Zen-Zentrum verlassen, meinen MBA-Abschluss absolviert und direkt nach dem Studium einen Verlag gegründet, eines der ersten Unternehmen weltweit, das Dinge aus Recyclingpapier herstellte. Diese Firma habe ich aufgebaut, groß gemacht und 15 Jahre lang geführt.

Das erste Prinzip heißt, die Arbeit zu lieben.

Viele Erlebnisse darüber finden sich auch in Ihrem neuen Buch „Die sieben Prinzipien achtsamer Führung“.

Lesser: Ja, die sieben Prinzipien sind: „Die Arbeit lieben“, dann „Die Arbeit tun“, „Kein Experte sein wollen“, „Den eigenen Schmerz berühren“ und „Den Schmerz der anderen berühren“, „Sich auf andere verlassen“ und „Immer weiter vereinfachen“. Ich denke, dass sie so im Ganzen auch etwas poetisch und inspirierend klingen…

Es geht also eher um eine Haltung …

Lesser: Ja. Das erste Prinzip lautet: die Arbeit zu lieben. Diese Praktiken sind aus dem Training heraus entstanden, in dem Google-Ingenieure zu Achtsamkeitslehrenden ausgebildet wurden. Aber im Laufe des Prozesses ist mir klargeworden, dass sie viel breiter anwendbar sind. Diese Praktiken repräsentierten, wie ich als Führungskraft auftreten und welche Art von Unternehmenskultur ich schaffen wollte.

„Die Arbeit lieben“ meint eigentlich, die Arbeit der Achtsamkeit zu lieben, die Arbeit, sich selbst zu entwickeln und Selbstverwirklichung zu entwickeln, um ein offenerer, lebendigerer freierer Mensch zu werden. Das ist die Arbeit.

Und ein Teil der Arbeit besteht auch darin, anderen zu helfen, anderen nützlich zu sein, zu helfen, jemand zu sein, der reale Probleme löst. Diese erste Praxis besteht also darin, dafür Sorge zu tragen, wie Sie sich selbst und Ihr Leben entwickeln. Es ist eine Art Verpflichtung, sich selbst zu entwickeln, die in der Liebe gründet.

Die vielleicht wichtigste Eigenschaft einer erfolgreichen Führungskraft besteht darin, ihr eigenes Unbehagen auszuhalten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Buch vorkommt, ist Schmerz. Der eigene Schmerz und der Schmerz anderer. Warum ist es wichtig, mit dem eigenen Schmerz in Kontakt zu sein, um achtsam zu führen?

Lesser: Bei diesen Übungen ist es wichtig, dass das Wort „verbinden“ heißt, sich mit dem eigenen Schmerz und mit dem Schmerz anderer verbinden. Wir haben so oft gelernt, und es ist ein ganz natürlicher menschlicher Zustand, Schwierigkeiten zu vermeiden. All das zu vermeiden, was sich unbehaglich anfühlt.

Worüber ich im Buch schreibe, ist ein Zitat aus einem Buch von Peter Senge, der vor 30 Jahren einen Business-Bestseller geschrieben hat mit dem Titel „Die fünfte Disziplin“. Er schrieb darüber, , wie Systeme denken und was in der Wirtschaftswelt von entscheidender Bedeutung ist. Senge sagt, dass die vielleicht wichtigste Eigenschaft einer erfolgreichen Führungskraft darin besteht, ihr eigenes Unbehagen auszuhalten.

Mit dem Unbehagen zu sein, das wir alle haben, wenn wir versuchen, Unternehmen wachsen zu lassen, wenn wir versuchen, Ziele zu erreichen. Wenn wir dies erkennen, dass wir im Wirtschaftsleben immer dazwischen sind, zwischen dem, was ist, und dem, was wir versuchen zu erreichen. Und dies auszuhalten, was er die „kreative Spannung“ (creative tension) oder „kreative Kluft“ nennt, das ist unbequem.

Darin steckt das Unbehagen des ständigen Wandels und dieser unglaublichen Ungewissheit, in der wir uns zurzeit befinden. Und diese Ungewissheit ist einfach immer da im Business. Deshalb hilft es gut, eine Auswahl an Instrumenten zu haben, an Strategien und Praktiken, um sich mit dem Schmerz zu verbinden, mit dem Unbehagen. Ebenso wie Empathie und Mitgefühl, um sich mit dem Unbehagen und dem Schmerz anderer zu verbinden.

Marc Lesser ist CEO der Beratungsfirma ZBA Associates, die Trainings zu Mindful Leadership anbietet. Er hat Unternehmen wie Google, SAP und Genentech Trainings für Mindful Leadership geleitet. Zudem ist er Co-Gründer und ehemaliger CEO des Search-Inside-Yourself-Leadership-Instituts. Search-Inside-Yourself ist ein Achtsamkeitsprogramm, das er zusammen mit Chade Meng-Tan, bei Google entwickelt hat.

Das Gespräch ist ein Auszug aus dem Video-Interview von Usha Swamy mit Marc Lesser mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages. Das vollständige Video-Interview finden Sie im neuen Arbor Online-Center: https://www.arbor-online-center.de/videos/mindful-leadership-interview-mit-marc-lesser

Buchtipp: Marc Lesser, Mindful Leadership. Was ich bei Google und in der Küche eines Zen-Klosters lernte. Die 7 Prinzipien achtsamer Führung, Arbor Verlag