Erklärungen von Joseph Goldstein

Es ist möglich, präsent im gegenwärtigen Moment zu sein und sich gleichzeitig völlig darin zu verlieren, erklärt der buddhistische Meditationslehrer Joseph Goldstein. In der Meditation sollte man die Bewusstheit vertiefen und auf das Erkennen selbst richten.

 

Wenn wir unsere regelmäßige, tägliche Praxis vertiefen wollen, ist es hilfreich, dass wir uns einen Überblick verschaffen über das, was meditative Einsicht umfasst. Natürlich gibt es verschiedene Landkarten der spirituellen Reise. Was ich im Folgenden beschreibe, ist lediglich ein Versuch, einige Aspekte des Weges hervorzuheben.

Viele Menschen verstehen unter Achtsamkeit, bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein – in dem Sinne, dass man in der Gegenwart lebt, anstatt sich in Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft zu verlieren. Obwohl das zweifelsohne eine notwendige Voraussetzung für Achtsamkeit ist, reicht es doch nicht aus. Es ist möglich, absolut präsent im gegenwärtigen Moment zu sein und sich gleichzeitig völlig zu verlieren in der wie auch immer gearteten Erfahrung des Moments.

Es gibt zum Beispiel einen Zustand, den ich das „Bewusstsein des Schwarzen Labradors“ nennen möchte. Vielleicht kennen Sie ja schwarze Labrador-Retrievers. Das sind ausgesprochen verspielte, freundliche Hunde, die sehr im Moment zu leben scheinen und doch gleichzeitig komplett verloren sind in dem, was sie sehen, hören und riechen. Sie scheinen sich keine Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft zu machen, doch sie sind überhaupt nicht achtsam.

Unser Geist ist sehr oft in einer ähnlichen Verfassung. Auch wenn wir uns nicht in Gedanken verlieren, beobachten wir doch nicht achtsam, was geschieht. Hier gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.

Wie häufig während des Tages hören wir Geräusche oder sehen etwas, ohne die Meta-Ebene, d.h. ohne uns dessen bewusst zu sein, dass wir hören oder sehen? Wir verlieren uns genauso in der Erfahrung wie der schwarze Labrador.

Aufmerksamkeit erlaubt uns, ein Objekt zu kennen, ohne uns jedoch notwendigerweise der Natur (oder des Wissens darüber) auf einer tieferen Ebene zu öffnen. Der portugiesische Dichter Fernando Pesoa hat das treffend beschrieben:

Du sagst, lebe in der Gegenwart. Lebe nur in der Gegenwart. Doch ich möchte nicht die Gegenwart, ich strebe nach der Wirklichkeit.

Wenn wir das Wesen der Wirklichkeit tief verstehen wollen, muss unsere Achtsamkeit auch eine ethische Komponente enthalten. Das bedeutet, dass wir uns unserer Erfahrung bewusst werden ohne die Filter von Gier oder Ablehnung, die wir so oft übersehen.

Die Wahrnehmung verlagert sich vom Inhalt auf den Prozess

Zu Beginn unserer Praxis – und während unserer gesamten Reise – erinnern wir uns daran, aktiv wahrzunehmen, welche Erfahrung wir gerade machen und uns bewusst zu sein, mit welcher Geisteshaltung wir sie betrachten.

Der Unterschied, ob wir uns in einer bloßen Erfahrung des gegenwärtigen Moments verlieren oder achtsam sind, zeigt sich jedes Mal, wenn wir bemerken, dass wir uns in einem Gedanken verloren haben. Genau da, in diesem Moment des Übergangs spüren wir den Unterschied zwischen der Täuschung des nicht-bewussten Geistes und der wachen Qualität von Achtsamkeit.

Am Anfang mag es sehr anstrengend sein, sich immer wieder daran zu erinnern, achtsam zu sein. Aber in dem Maße, in dem unsere Praxis gedeiht, kann mehr Raum zwischen den Gedanken entstehen und wir nehmen bewusster wahr, was sich in unserem Körper, unserem Geist oder in unserer äußeren Umgebung gerade tut.

Und an einem bestimmten Punkt ändert sich die Qualität. Während wir uns weiterhin dessen bewusst sind, was gerade geschieht, werden wir uns des Veränderungsprozesses selbst immer bewusster. Es ist, als ob wir den Schwerpunkt unserer Wahrnehmung vom Inhalt zum Prozess verlagern.

An diesem Punkt fließt unsere Erfahrung sanfter, und unsere Achtsamkeit scheint sich ganz von selbst zu ereignen. Wir verlieren uns immer noch hin und wieder, aber unser Geist kehrt anstrengungsloser zurück zum Gewahrsein des Fließens der Phänomene.

Diese Veränderung kann man gut vergleichen mit dem Unterschied, ob man sich auf einem Rundbogen oder in einer Mulde befindet. Zu Beginn müssen wir oben auf dem Bogen balancieren und drohen dabei, auf die eine oder andere Seite herunterrutschen. Dabei erfordert es viel Anstrengung, immer wieder hochzuklettern. Aber durch die Bemühungen verändert sich der Bogen zu einer Mulde, in der wir einfach auf dem Boden ruhen können.

Wir werden zwar immer noch hin und wieder aus dem Zentrum gezogen, d. h. wir verlieren uns nach wie vor in verschiedenen momentanen Erfahrungen, aber unser Geist kommt ohne große Anstrengung wieder in Balance und in den Fluss der sich wandelnden Phänomene.

Ohne das „Ich“ wird es weniger anstrengend

An diesem Punkt der Praxis entsteht eine wichtige Einsicht. Wir beginnen klar zu erkennen, dass jede Erfahrung zwei verschiedene Aspekte hat, die eine Einheit bilden: In jedem Moment sehen wir, wie sich all das gleichzeitig entfaltet: das Erkennen und das Objekt sowie das Entstehen und Vergehen.

Normalerweise steht das Objekt im Vordergrund, aber manchmal können wir uns mehr auf den Aspekt des Erkennens konzentrieren. Wir können uns das auch vorstellen wie die Beziehung von Vorder- und Hintergrund.

Manchmal sind beide auf natürliche Weise miteinander verwoben, dann wieder können wir unsere Aufmerksamkeit mehr auf den einen oder anderen Aspekt richten und uns bewusst sein, dass sie doch gemeinsam entstehen.

Beispielsweise können wir den Atem tief in uns spüren, und dann schieben wir diese Körperempfindungen beiseite oder lassen sie in den Hintergrund treten und verweilen mehr in der Bewusstheit selbst.

Wenn wir diesen Aspekt der Praxis erforschen, mag die Frage entstehen: „Wie kann ich meine Achtsamkeit mehr auf das Erkennen richten?“ Am Anfang entsteht diese Fähigkeit auf ganz natürliche Weise, indem wir unsere Meditation üben.

Im Aspekt des Erkennens verweilen

Für mich war auch ein sprachlicher Shift äußerst hilfreich. Normalerweise beschreiben wir Erfahrungen, egal ob wir sie bewusst oder unbewusst machen, auf aktive Weise, also mit einem Subjekt, einem Verb und einem Objekt. „Ich höre ein Geräusch“ oder „Ich nehme eine Bewegung wahr“.

Wenn wir diese Erfahrungen passiv formulieren, nehmen wir das „Ich“ heraus, dann heißt es „ein Klang wird gehört“ oder „eine Bewegung wird wahrgenommen“. Der Akteur ist dann nicht mehr das Subjekt. Und wir erkennen, wie sich das Bewusstsein ganz ohne Anstrengung in jedem Moment ereignet, ohne ein „Ich“, das sich bemüht.

Es ist ganz einfach. Probieren Sie doch gleich aus: Bewegen Sie Ihren Arm nach vorne und nach hinten, während die Bewegung anstrengungslos wahrgenommen wird. Natürlich wird der Geist trotzdem von Zeit und Zeit abwandern, aber wir können immer wieder zu der Einfachheit zurückkehren, in der die Dinge von Moment zu Moment wahrgenommen werden.

Aufgrund der völlig anstrengungslosen Qualität ist es leichter, in diesem Aspekt des Erkennens zu verweilen, auch wenn es nur für kurze Zeit ist, und uns immer wieder daran erinnern, dass wir uns gleichzeitig dessen bewusst sein können, was wir wahrnehmen.

Eine weitere wichtige Einsicht geschieht, wenn wir unsere Tendenz erkennen, sich immer schon dem nächsten Moment zuzuwenden; das nenne ich den zweckgerichteten Geist (Engl „in-order-to-mind“).

Ich nenne das unseren „um zu“-Geist. Das bedeutet, dass wir etwa bei einer intensiven Empfindung schon darauf warten, dass sie sich abschwächt, oder bei einer Emotion, dass sie verschwindet oder beim Einatmen schon auf das Ausatmen warten.

Wir bekommen einen Geschmack von Freiheit, wenn wir uns nicht auf den nächsten Moment ausrichten, wenn wir nicht darauf warten, dass etwas geschieht. Auf diesem fundamentalen Level, auf dem wir einfach nur den jeweiligen Moment und dann den nächsten Moment wahrnehmen, ist der Geist völlig frei von Gier, von Verlangen nach irgendetwas.

Es wird gesagt, dass dem Buddha am Morgen des Erwachens ein Vers in den Sinn kam, der die Tiefe seiner Erfahrung ausdrückt. Die beiden letzten Sätze des Verses lauten folgendermaßen: „Das Ende des bedingten Entstehens ist erreicht, das Ende des Verlangens ist verwirklicht.“

Dies ist eine Erinnerung daran, dass die Essenz unserer Praxis darin besteht, das Verlangen hinter uns zu lassen – und damit das Leiden. Und auch wenn wir das Ende der Gier zunächst nur für Momente erreichen mögen, so vermittelt es uns doch einen Geschmack von Frieden.

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Insight Meditation Society, aus ihrem Annual Bulletin 2020. Aus dem Englischen übersetzt von Ilona Daiker.

Joseph Goldstein ist Mitbegründer und einer der leitenden Meditationslehrer der Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts. Sein Wald-Retreat-Programm half dabei, das Barre Center for Buddhist Studies zu etablieren. Zu seinen letzten Büchern gehören „A Heart Full of Peace“ und „One Dharma: The Emerging Western Buddhism“.