Achtsamkeit und der Sprung in die Gesellschaft

Kongress Meditation & Wissenschaft, Grit Schwerdtfeger
Kongress Meditation & Wissenschaft, Grit Schwerdtfeger

6. Kongress Meditation und Wissenschaft

Kann man in krisenhaften Zeiten auf dem Kissen sitzen bleiben? Der Kongress „Meditation und Wissenschaft“ schlug 2022 die Brücke von der Meditation zur Gesellschaft. Anja Oeck berichtet von Vorträgen, die die Möglichkeiten, aber auch die Begrenztheit der Achtsamkeit untersuchten.

„Sehnsucht nach der Zukunft – Achtsamkeit und Transformation“: In Zeiten sich akkumulierender Krisen hätte das Motto des 6. Kongresses „Meditation und Wissenschaft“ aktueller nicht ausfallen können. Und so schlugen viele Vorträge am 1. und 2. April 2022 in Berlin eine Brücke von der Meditation zu unser aller Welterfahrung, geprägt von Pandemie, Krieg und Klimakrise.

Wie bereits Usus in der seit 2010 bestehenden Kongressreihe wurden Forschungsprojekte zur Achtsamkeit präsentiert. Dieses Mal drehten sie sich auch um die Frage, ob ein durch Meditation geprägtes Selbstverständnis zu einer anderen Weltbeziehung führe. Könne Achtsamkeit womöglich zu einem prosozialeren oder gar politischeren Umgang mit der Welt führen, in der wir lieber leben als in der jetzigen? Oder bleiben die Welten getrennt: die spirituelle und die politische?

Claus Rückbeil sorgt für Denkpausen, Foto: Grit Schwerdtfeger

Auch jenseits dieses roten Fadens präsentierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Einladung der Identity Foundation, der Stiftung Forum Humanum und der Willigis Jäger Stiftung ihre neuesten Ergebnisse zur Achtsamkeitsforschung. Ab und an eingestreute meditative Musikeinlagen auf der Bansuri (Flöte), wunderbar intoniert von dem Leiter der Jazzschule Berlin, Claus Rückbeil, schafften Denkpausen, um danach und natürlich auch während der schwebend-hauchigen Klänge frisch lauschen zu können.

Nach längerer Pause – der letzte Kongress lag wegen Corona bereits vier Jahre zurück – regten die zwei Tage dazu an, verschiedene Herangehensweisen an Meditation, hier vor allem als Achtsamkeit verstanden, zu differenzieren.

Neben der Medizin spielten die Geisteswissenschaften eine größere Rolle. Aus der Fülle wertvoller Impulse können hier nur einige exemplarisch erwähnt werden. Transformation – mit immer wieder unterschiedlichen Schwerpunkten – sei dabei der Leitgedanke.

Achtsamkeit muss soziale Kontexte einbeziehen

Online zugeschaltet aus Bosten setzte Dr. Otto Scharmer, der am MIT lehrt, mit seinem Impulsvortrag „Vom Ego-System zum Eco-System“ direkt bei der „disruptiven“ Gegenwartslage an. Er zeigte dann, wie wir zu transformativem Handeln statt bloßem Reagieren aus Angst kommen.

Für den Weg in eine unbekannte Zukunft bedeute das im geglückten Fall die Öffnung des Denkens (mit offenen Augen sehen), des Herzens (sich in die Sicht des anderen hineinspüren) und des Willens (die Fähigkeit los- und kommenzulassen).

Daraus eröffne sich ein soziales Feld der Ko-Kreation, ein Gewahrwerden der tieferen Verbindung miteinander. In der heutigen Welt erlebten wir dagegen oft ängstliche Schockstarre vor dem Unbekannten, ein Festhalten oder gar Zurückholen von Altem.

Zur Transformation von blinden Flecken (Nichtsehen), Taubheit (Nichtspüren) und Apathie (Nichthandeln) reiche es allerdings keineswegs, dass sich nur Einzelne veränderten – ein Gedanke, der in Achtsamkeitskreisen verbreitet ist. Scharmer ist überzeugt, dass Achtsamkeit viel mehr als bisher soziale Kontexte einbeziehen muss.

Das hieße für Achtsamkeitspraktizierende, den Sprung ins Politische zu wagen. Man könne mit Achtsamkeit als Basis z.B. Marginalisiertem Raum geben und dialogische und demokratische Prozesse vertiefen. Und da Neues gewöhnlich nicht in den Machtzentren entstünde, bedürfe es einer starken Bewegung, einer Macht der Zivilgesellschaft.

MBSR – ein Beispiel für politische Sprachlosigkeit

Dass Achtsamkeitsbewegungen sich oft scheuen, genau diesen Schritt in die Gesellschaft zu tun, kritisierte Dr. Jacob Schmidt in seiner Analyse „Selbst- und Welt-Modelle der Achtsamkeitsbewegung. Zwischen Selbstermächtigung und politischer Sprachlosigkeit“.

Die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung von z.B. MBSR beantwortete er nüchtern: Ihre Popularität resultiere vor allem daraus, überforderten Individuen zu helfen, im Stress des Alltags selbstwirksam bleiben zu können. Bei gleichzeitiger Deutung der bestehenden Verhältnisse als naturgegeben bestünde aber kaum Anlass zum gesellschaftlichen Engagement.

Jon Kabat-Zinns Theorie mache die Welt zum Epiphänomen und das Individuum „zum Dreh- und Angelpunkt der Transformation“. Dadurch gäbe es wenig Ambition, mittels höherer Achtsamkeit gesellschaftliche Missverhältnisse in Frage zu stellen und im Handeln zu bekämpfen. So bleibe MBSR „politisch oder strukturell wirkungslos oder wenig stachelig“. Die Achtsamkeit dürfe jedoch nicht beim Individuum stehen bleiben. Schmidt lässt Alternativen erahnen.

Achtsamkeit und kulturelle Transformation

Einige gesellschaftliche Anwendungen von Achtsamkeit fanden in den zwei Tagen des Kongresses Gehör: So berichtete Chris Tandjidi davon, mittels Achtsamkeit zum Kulturwandel im Business beizutragen. Dr. Corina Aguilar Raab zeigte, wie man bereits bei Kindern im Vorschulalter durch SEE Learning soziale, emotionale und ethische Kompetenzen fördern könne.

Im Talk diskutierten Liane Stephan, Dr. Sonja Geiger, Dr. Ulrich Ott und Dr. Thomas Steininger über unterschiedlichste Bereiche, Meditation zur kulturellen Transformation zu nutzen: ob in großen Unternehmen, der Politik, im Umweltschutz oder unserem alltäglichen Konsumverhalten.

Einen anderen Blick auf das Thema warf Prof. Anne Böckler-Raettig in ihrem Vortrag „Soziales Verstehen kultivieren“. Großangelegte empirische Studien zeigten, welche Meditationspraktiken – nämlich Übungen mit sozialer Komponente wie Mitgefühl –individuelles prosoziales Verhalten steigerten und legitimierte damit eigentlich erst deren auch gesellschaftlichen Nutzen.

Prof. Myriam Bechtholdt bestätigte die positiven Befunde ihrer Kollegin durch Studien zur Krisenbewältigung und ethischem Verhalten. Auch ihre Ergebnisse zeigten, dass Achtsamkeit moralisches Handeln sowie die Bewältigung von Krisen unterstützen könne.

Wie Weisheit der Transformation dienen kann

„Es geht nicht mehr so weiter, wenn es so weiter geht.“ Erich Kästner bringt humorvoll auf den Punkt, womit Prof. Gert Scobel seinen Vortrag „Weisheit ist Transformation“ eröffnete: nämlich, dass wir zugleich in multiplen Krisen, aber auch in einer Phase der Transformation lebten. Wie mit einer solch komplexen Situation weise umgegangen werden kann, diente seinem Vortrag als Leitfrage.

Vor allem sei Weisheit mehr als Wissen, keine rein intellektuelle Beobachtung, sondern eine zentrale Kunst der Transformation. Weisheit diene maßgeblich dazu, existentielle Krisen zu bewältigen. Dabei müsste der Mensch Entscheidungen im Angesicht eines bodenlosen Erkennens treffen, also ohne kognitive Kompletterklärung.

Unentscheidbare Fragen zu entscheiden, gelänge über eine Praxis der radikalen Mitte: die Einheit der Pole wahrzunehmen und dabei die Mitte möglichst lange frei zu halten, um dann zu entscheiden. Damit hätten wir unser Bewusstsein allerdings schon ziemlich weit kultiviert und könnten die drängenden Probleme unserer Zeit weise lösen.

Resonanz: Sich berühren lassen

Als wandelndes Beispiel seiner eigenen Resonanzlehre ließ Prof. Hartmut Rosa mit seinem Vortrag „Unverfügbarkeit und Responsivität“ und seiner Gabe, komplexe Inhalte quasi spielerisch zu vermitteln, den Abschluss des Kongresses auch atmosphärisch zu einem Höhepunkt werden.

Hartmut Rosa beim Kongress, Foto: Grit Schwerdtfeger

Die Antwort auf seine selbst gestellte provokative Anfangsfrage: „Was soll sich eigentlich wohin transformieren?“ ist, dass wir einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel brauchen und damit eine andere Weise, in der Welt zu sein.

Unserem nicht funktionierenden Weltverhältnis eines sich steigernden Verfügbarmachens sollten wir einen „mediopassiven“ (Mittelding zwischen aktiv und passiv) Umgang mit der Welt entgegensetzen. Selbst das Meditieren, wenn es zum Zwecke der Selbstoptimierung geschieht, könne Ausdruck eines aggressiven Weltverhältnises des höher, schneller, weiter sein. Und das ist das genaue Gegenteil von einem resonanten In-der Welt-Sein, einem Sich-berühren oder anrufen-Lassen.

Resonanz, wie Rosa sie versteht, beschreibt eine Beziehung in diesem Dazwischen, zwischen Allmacht und Ohnmacht, zwischen Täter und Opfer, unabhängig von der äußeren Situation. Jegliches Geschehen wird dabei zum Neuanfang, zu einer Neugeburt. Meditation würde nach diesem Leitgedanken zur Kunst des Auf-hörens, des Sich-anrufen und berühren-Lassens. Merklich berührend endete der Kongress, mediopassiv eben!

Auf der offiziellen Kongress-Website finden Sie Audio-Mitschnitte von Vorträgen des Kongresses.

Foto: Michael Dickel

Nach 23 Jahren als Redakteurin bei Greenpeace und phasenweise als Dramaturgin ist Anja Oeck heute Chefredakteurin bei der Tibet Initiative Deutschland und verantwortet dort u.a. den „Brennpunkt Tibet“. Daneben schreibt die studierte Philosophin weiter über ihre Lieblingsthemen: Kultur, Umweltschutz, Psychologie und Spiritualität und macht Musik – manchmal zu eigenen Texten.

 

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