Ein Essay von Krisha Kops

Vertrauen in unserer Gesellschaft wird schwächer, je unübersichtlicher das Geschehen ist. Krisha Kops untersucht Gründe für den Verlust des Vertrauens, z.B. die Technisierung und Individualisierung. Jetzt gilt es, Vertrauen aufzubauen durch mehr Gerechtigkeit, Bildung und die Gestaltung gemeinsamer öffentlicher Räume.

Anfang des Jahrtausends verkaufte man in Deutschland pro Jahr etwas mehr als 100.000 SUVs. Mittlerweile sind es über 900.000. Da diese Autos mehr Benzin und Parkraum benötigen, sind sie für Städte eigentlich ungeeignet. Doch gerade dort, besonders in gehobeneren Wohngegenden, trifft man vermehrt auf die „Chelsea Tractors“.

Soziologisch kann man dieses Phänomen unter anderem mit einem gesellschaftlichen Vertrauensverlust und einem damit einhergehenden Bedürfnis nach Sicherheit und Abschottung erklären. Tatsächlich weisen die meisten Statistiken auf, dass viele, insbesondere westlichere Gesellschaften seit Jahrzehnten unter einer stetigen Abnahme gesellschaftlichen Vertrauens leiden. Zu diesem Befund gelangt auch der Philosoph Martin Hartmann in seinem Buch Vertrauen: „Das Vertrauen hustet, es atmet schwer, es ringt nach Luft … Alle wollen Vertrauen, aber niemand will vertrauen.“

Die Gründe für den Vertrauensverlust sind vielfältig wie vielschichtig. Etwa nimmt die Komplexität unserer Welt im Angesicht des technischen Fortschritts zu. Obwohl Vertrauen die Lücke des Nichtwissens schließt, setzt sie im Regelfall ein gewisses Quantum an Wissen voraus. Ist dieses nicht gegeben, wird der Vertrauensakt erschwert. Damit erklärt sich auch, warum beispielsweise ältere Generationen eher von Dienstleistungen im Internet absehen.

Die Komplexität der Welt nimmt auch durch die Erweiterung der zeitlichen, räumlichen und anderen Zusammenhänge zu. Es wirken immer mehr Ursachenkette zusammen, verheddern sich derart, dass sich eine genaue Vertrauenszuordnung oft als schwierig erweist.

Wer ist für die Flutkatastrophe verantwortlich? Die globale Erderwärmung? Behördliches Versagen? Und/oder individuelle Schuld? Oft ist der Schuldige nicht auszumachen. Stattdessen bleibt ein generelles Misstrauen.

Individualisierung erschwert Vertrauen – Kontakt baut Vertrauen auf

Diese Entwicklungen der Moderne werden verstärkt durch die Geschwindigkeitszunahme der Gesellschaft und der damit verbundenen „Gegenwartsschrumpfung“. Vertrauen braucht meistens eine gewisse Zeit, um sich zu entwickeln, wohingegen es augenblicklich verloren gehen kann. Wenn uns immer weniger Zeit für den Vertrauensprozess bleibt, nicht nur bezüglich der Technologien, leidet unser Vertrauen darunter.

Ein weiterer Grund ist die zunehmende Individualisierung. Mehr Individualisierung braucht mehr Vertrauen. Denn die Differenz, die der Individualisierungsprozess erzeugt, muss jedes Mal erneut mit einem Vertrauensakt überwunden werden. Ein Dorf, in dem es nur vier oder fünf unterschiedliche Nachnamen gibt, mag von außen eintönig erscheinen, Vertrauen wird hier aber leichter erwirkt.

Diese Individualisierung wirkt sich auf andere Räume wie den medialen aus. Beispielsweise in den sogenannten Echokammern , die gesellschaftlichem Vertrauen entgegenwirken, indem sie lediglich die individuellen Vorurteile reproduzieren. Im Kontrast dazu wurden noch vor einigen Dekaden vermehrt Nachrichten gemeinsam in einem Lokal geschaut und dann darüber diskutiert.

Ferner trägt die zunehmende Ungleichheit zum gesellschaftlichen Vertrauensverlust bei. Egalitärere Staaten wie die skandinavischen weisen bessere Vertrauenswerte auf. Der Vertrauensverlust bei wachsender Ungleichheit lässt sich neben einigen anderen psychologischen Faktoren vor allem damit erklären, dass Menschen weniger miteinander in Kontakt treten, sobald sich ihr Lebensstandard zu sehr unterscheidet.

Genau dies besagt nämlich die von Gordon Allport benannte Kontakthypothese: Sobald Menschen miteinander in Kontakt treten, bauen sie Vorurteile ab und damit – so könnte man hinzufügen – Vertrauen auf.

Gerade heute leben wir jedoch in Zeiten, in denen der Kontakt zwischen unterschiedlichen Menschen nicht nur durch Ungleichheit verringert wird. Digitalisierung, Automatisierung, demographische Homogenisierung von Wohnraum, der Abbau von öffentlichen Einrichtungen, der Rückzug ins Private und vieles mehr tragen dazu bei. Dies sind nur einige Gründe für den Niedergang des gesellschaftlichen Vertrauens. Was kann eine Gesellschaft aber nun dagegen tun?

Mehr Gerechtigkeit schafft Vertrauen

Ein Mittel könnten Bildungsmaßnahmen sein. Laut Statistiken meinen lediglich 19 Prozent derjenigen mit geringerer Bildung, dass man anderen vertrauen könne. Dahingegen sind es 40 Prozent bei denjenigen mit Hochschulabschluss.

Das hat vor allem damit zu tun, dass Bildung Vorurteile abbauen kann. Einerseits durch die direkte und differenzierte Auseinandersetzung mit einer Thematik. Andererseits dadurch, dass Bildung den Bewegungsradius innerhalb der Gesellschaft vergrößert und so mehr Kontakt mit unterschiedlichen Menschen und Gruppierungen ermöglicht.

Bildung steht eng mit Armut respektive Reichtum in Verbindung. Da soziale Ungleichheit per se ein Grund für gesellschaftlichen Vertrauensverlust bedeutet, ist auch Armutsbekämpfung und der Abbau von Ungleichheit der Vertrauensbildung dienlich. Egal, ob durch ein Bürgereinkommen, Vermögenssteuer oder andere Maßnahmen.

Finanzielles Einkommen bildet sich wiederum im Stadtbild ab. Auch hier ist es wichtig, dass einer Homogenisierung und Ghettoisierung durch richtige Stadtplanung und bezahlbaren Wohnraum entgegengewirkt wird. Ansonsten wird der Kontakt zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppierungen zunehmend erschwert.

Allgemein kann viel dadurch erreicht werden, dass man öffentliche Einrichtungen (z.B. Bibliotheken) und Veranstaltungen (z.B. Stadtfeste) unterstützt und nicht abbaut. Auf diese Weise ermöglicht man Menschen, miteinander in Kontakt zu treten.

Vertrauen überbrückt die Lücke des Nichtwissens

Robert D. Putnam umschrieb es in seinem einflussreichen Buch über das soziale Kapital, “Bowling Alone”, so: „My message is that we desperately need an era of civic inventiveness to create a renewed set of institutions and channels for reinvigorated civic life that will fit the way we have come to live.“ (“Meine Botschaft ist, dass wir dringend eine Ära des zivilgesellschaftlichen Erfindungsreichtums brauchen, um neue Institutionen und Kanäle für ein wiederbelebtes gesellschaftliches Leben zu schaffen, die zu unserer Lebensweise passen.”)

Dies sind nur ein paar Lösungsansätze. Jede Ursache für einen Vertrauensverlust hat seine eigenen Gegenmaßnahmen. Für die Medien heißen sie zum Beispiel Medienkompetenz und Diversiferzierung, sprich die Repräsentanz der Meinungsvielfalt auch in den Mainstream-Medien. Für die Politik bedeutet es, dass wir unser Vertrauensverhältnis zum Staat nicht derart auf eine einzelne Person kanalisieren sollten. Das erscheint allerdings nicht einfach, da Menschen eher Menschen vertrauen als einem Abstraktum wie einer Institution.

Nur eines sei abschließend noch betont: Alleine die vielbesungene Transparenz kann nicht die Lösung sein, zumindest nicht auf lange Sicht. Denn Vertrauen überbrückt gerade die Lücke des Nichtwissens, welche die Transparenz zu beleuchten versucht.

Denn Vertrauen, so Niklas Luhmann, „stärkt die Gegenwart in ihrem Potential, Komplexität zu erfassen und zu reduzieren“. Transparenz hingegen führt zumeist zu einem infiniten Regress, der letztlich doch auf Vertrauen angewiesen ist.

Ob das Straßenbild in naher Zukunft zunehmend von SUVs geprägt wird, oder ob wir vielleicht mehr Tische und Stühle der Restaurants oder Cafés auf Bürgersteigen und Parkplätzen sehen, hängt nicht nur nur von unserem persönlichen Verhalten ab. Nein, es hängt damit zusammen, wem wir die politische Macht dieses Landes anvertrauen.

Wollen wir also mehr Vertrauen in unserer Gesellschaft, müssen wir auch die Partei(n) wählen, die nicht für gegenseitiges Misstrauen sorgen. Vielmehr sollten sie die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Menschen wieder aufeinander zugehen.

Krisha Kops ist Philosoph und Publizist. Er studierte Philosophie und internationalen Journalismus in London, bevor er in interkultureller Philosophie promovierte. Neben seiner theoretischen Arbeit verantwortet er im Rahmen seiner praktischen philosophischen Tätigkeit die Geschäftsführung von wirhelfen.eu.