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Alisha arbeitet in der Kerzen-Manufaktur der Lebensgemeinschaft Eichhof

Arbeit mit Sinn

Über die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt

Michael Ziegert ist Inhaber eines Versandhauses, das Produkte aus Behindertenwerkstätten vertreibt. In seinem Artikel schildert er, wie zufrieden es macht, in einer sinnvollen Arbeitskultur zu arbeiten, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht der Profit.

Jens kommt mir meist näher, als mir als angenehm ist. Er stellt sich unmittelbar vor mich, greift nach meinem Arm und betrachtet interessiert meine Armbanduhr. Liest er die Uhrzeit? Fasziniert ihn das Ziffernblatt? Ich weiß es nicht.

Mit Martha führe ich immer den exakt gleichen Dialog. „Wie geht es Dir?“, fragt sie mit einem breiten, warmherzigen Lachen. „Gut. Und Dir?“ „Prima.“, antwortet sie und: „Bis bald.“ Dann dreht sie sich um. Diesen Dialog führen wir identisch seit sieben Jahren immer wieder, wenn wir uns sehen.

Yan schaut immer an mir vorbei. Es ist ihm nicht angenehm, mir in die Augen zu schauen. Er mag mich auch nicht begrüßen, dabei kenne ich ihn, seit er ein Kleinkind war. Aber wenn ich ihn anspreche, dann lacht er spitzbübisch, als hätte er mir einen grandiosen Streich gespielt.

Wenn die Kölner sagen: „Jeder Jeck ist anders“, dann denken sie vermutlich nicht an Menschen wie Jens, Martha und Yan – obwohl sie eben dafür leuchtende Beispiele sind. Dir drei haben das, was man landläufig eine „geistige Behinderung“ nennt und womit man hilflos zu umschreiben versucht, dass sie „anders ticken“. Sie haben andere Interessen, geben andere Antworten auf Fragen als erwartet, reagieren anders.

Rund 250.000 von ihnen arbeiten in deutschen Sozialunternehmen, die man heute politisch korrekt nicht mehr als „Behindertenwerkstätten“ bezeichnen darf, sondern als „Werkstatt für Menschen mit Behinderung“.

Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, was mir ein Werkstattleiter einmal sagte: „Diese Menschen sind ein Geschenk an unsere Gesellschaft.“ Diese Menschen, die doch offensichtlich so viel weniger leistungsfähig sind als wir „Normalen“, diese Menschen sollen ein Geschenk sein?

Ja, genau: Sie gemahnen uns daran, dass sich Menschsein nicht an der Leistung eines Menschen misst. Dass wir nicht bessere Menschen sind, wenn wir schneller oder geschickter oder produktiver sind als andere.

Von Menschen mit Behinderung lernen

Gerade in den Werkstätten zeigt sich, was wir von diesen Menschen lernen können. Bis vor zwei, drei Jahrzehnten waren diese Behindertenwerkstätten „Bastelbuden“, in denen man die Menschen mit Basteleien beschäftigte. Aus dieser Zeit stammen noch viele, weit verbreitete Klischeevorstellungen. Tatsächlich aber hat sich die Arbeit dort in den vergangenen Jahren massiv verändert. Es setzte sich die heute selbstverständlich anmutende Einsicht durch: Auch Menschen mit geistiger Behinderung können produktiv sein. Mehr noch: Sie wollen produktiv sein.

Aber warum eigentlich? Am Lohn kann es nicht liegen, sie sind nicht Arbeitnehmer im rechtlichen Sinne, erhalten deshalb keinen Mindestlohn, sondern eine Art Taschengeld. Da die meisten von ihnen formal Sozialhilfeempfänger sind, finanzieren sich Unterbringung, Ernährung und vieles mehr aus der Grundsicherung oder anderen Finanzleistungen der Öffentlichen Hand.

Jeder Bonus, den man ihnen wegen erhöhter Arbeitsleistung von der Werkstatt zukommen lassen wollte, würde sofort von diesen Kostenträgern gegengerechnet – würde also aus Sicht des Einzelnen rückstandslos verschwinden. Wenn diese Menschen also nicht für Geld arbeiten, wofür dann? Was motiviert sie?

Finanzielle Anreize sind also nicht möglich. Kein Chef kann seine Mitarbeiter hier zu mehr Arbeit drängen. Überstunden sind verboten. Und wenn ein Mensch partout die Arbeit verweigert – dann arbeitet er eben nicht. Man könnte denken, dass die Produktivität einer solchen Werkstatt sich kaum jemals über die Nulllinie erhebt.

Besuchen Sie einfach mal eine dieser über 2000 Werkstätten in Deutschland. Sie werden mit Verblüffung feststellen, dass Ihnen dort überdurchschnittlich viele gut gelaunte Menschen begegnen, von denen Sie herzlich begrüßt werden und die Ihnen voller Stolz zeigen, woran sie gerade arbeiten. Wie geht das bloß?

Die Antwort ist simpel wie so viele der wahren Binsenweisheiten: Arbeit ist für Menschen lebenswichtig. Anders gesagt: Menschen benötigen nicht unbedingt eine externe Motivation, wenn man ihnen die richtige Umgebung gibt, wenn man achtsam mit ihnen umgeht, sie in ihren Fähigkeiten und Talenten fördert und wenn man ihnen begreiflich machen kann, dass ihre Arbeit einen Sinn hat. Und genau dies geschieht in Werkstätten für Menschen mit Behinderung.

Was ist eigentlich normal?

Und nun übertragen sie diese Atmosphäre in ein heutiges Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Stellen Sie sich ein Versicherungsunternehmen, ein Kaufhaus oder einen Automobilhersteller vor, für den die Bedingen im Umgang mit den Mitarbeitern so aussehen wie oben beschrieben: Ein Abteilungsleiter darf Mitarbeiter nicht versetzen oder feuern, wenn sie nicht produktiv sind. Er darf sie nicht beschimpfen, aber auch nicht materiell belohnen. Wenn er einen Mitarbeiter drängt, wird dieser widerspenstig oder fängt an zu weinen.

Sie halten das Szenario für absurd? Aber vielleicht ist unser „normales“ Arbeitsleben absurd. Viele verbinden mit Arbeit heute Leistungsdruck, Mobbing und Burn out. Und das soll normal sein? Könnten uns Behindertenwerkstätten ein Vorbild sein? Eine Arbeit ohne Druck, mit einem gemeinsam Ziel im Team, eine Arbeit mit Sinn.

Heiner spricht nicht, hat er noch nie. Von mehreren Werkstätten, in denen er gewesen ist, hat er sich eindeutig eine Schreinerei ausgesucht. Jeden morgen wieder geht er in die Schreinerei, setzt sich an seinen Tisch – aber er arbeitet nicht. Die Anleiter haben ihm gezeigt, wie man sägt, wie man feilt und schleift, aber alles hat er nach kurzer Zeit wieder hingelegt.

Er will in der Schreinerei sein, aber es gibt dort scheinbar keine Arbeit für ihn, so sieht es aus. Nach einiger Zeit der Beobachtung finden die Anleiter heraus, was er gut kann: Heiner übernimmt die Qualitätskontrolle. Kein Frühstücksbrettchen, kein Vogelhaus verlässt die Werkstatt, das nicht von ihm betrachtet und befühlt wurde. Findet er nur den kleinsten Fehler, so wird das Produkt von ihm aussortiert. Er lächelt jetzt oft.

Michael Ziegert

 

behinderte-1000x1500-michael-ziegert-1-web Michael Ziegert ist Inhaber des Versandhauses „entia – Gutes aus Manufakturen“. Auf www.entia.de präsentieren über 100 anerkannte Behindertenwerkstätten über 1300 hochwertige Handwerksprodukte.

Ziegert empfiehlt: Suchen Sie sich die nächste Behindertenwerkstatt heraus, beispielsweise hier. Rufen Sie an und lassen Sie sich den nächsten Tag der Offenen Tür nennen. Gehen Sie hin. Sie werden einen guten Tag haben.

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