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Arbeiten ohne Hierarchien

Über den holländischen Pflegedienst Buurtzorg

Kann man ganz ohne Vorgesetzte auskommen? Der holländische Pflegedienst „Buurtzorg“ zeigt, wie es geht. Unter dem Motto „Menschlichkeit vor Bürokratie“ hat Gründer Jos de Blok in Holland ein innovatives Unternehmenskonzept entwickelt, das von selbstorganisierten Teams getragen wird.

 

 

 

Viele Firmen und Institutionen sind heute auf der Suche nach neuen Organisationsformen, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker einbeziehen und motivieren wollen, Stichwort Empowerment . Das geht zum Beispiel über flache Hierarchien oder wenige Managementebenen.

Der holländische Pflegedienst „Buurtzorg“ zeigt, wie das in der Praxis geht. Der Gründer von „Buurtzorg“, Jos de Blok, hatte selbst zehn Jahre als Krankenpfleger in einem herkömmlichen Pflegedienst gearbeitet – mit all dem Frust, den er tagtäglich erlebte: ständig unter Stress, gegängelt von Regeln und engen Zeitvorgaben, jeden Tage mit dem flauen Gefühl im Magen, den Menschen, die er betreute, nicht gerecht zu werden.

Die Art und Weise, wie er arbeiten musste, entsprach nicht seiner Vorstellung. Das starre System, wie die Pflege organisiert war, verhinderte, so zu arbeiten, wie es seinem Wissen und seiner Berufung nach eigentlich angemessen wäre. 2006 kündigte er seinen Job und gründete zusammen mit einigen Krankenschwestern den ambulanten Pflegedienst Buurtzorg, deutsch Nachbarschaftshilfe. Sein Motto: „Menschlichkeit vor Bürokratie“.

Das Besondere: Die Pflegekräfte arbeiten in selbstorganisierten Teams von vier bis zwölf Mitarbeitern ohne Teamleiter, ohne Manager. Der Fokus liegt nicht mehr darauf, von außen auferlegte To do-Listen abzuarbeiten, sprich hier einen Verband zu wechseln, dort jemanden zu waschen, sondern die Patienten darin zu unterstützen, ein möglichst gutes Leben zu führen.

Dazu gehört vor allem, dass diejenigen, die auf Hilfe angewiesen sind, so weit wie möglich autonom und unabhängig leben können. Die Pflegekräfte helfen dabei. Sie versuchen, ein Netzwerk von Unterstützern aufzubauen und stellen Kontakte zu Nachbarn und Verwandten her. Dies führt dazu, dass die Arbeit zu Beginn einer Betreuung umfangreicher ist als in normalen Betrieben. Doch sobald die Netzwerke etabliert sind, entlastet es die Fachkräfte.

Drei Menschen sind zusammen schlauer als einer

Jos de Blok hat die Beziehung wieder in den Mittelpunkt gerückt: die Beziehung zwischen Patient und Pfleger, zwischen Patient und seinem Umfeld, aber auch die Beziehung zwischen den Teammitgliedern. Das spiegelt sich auch in den Entscheidungsprozessen wider.

Die Teams organisieren sich selbst, ohne Teamleiter. In der Firmenzentrale arbeiten nur knapp 50 Personen. Die rund 1000 holländischen Teams entscheiden selbst über die Einsatzplanung, die Gestaltung der Touren, Vertretungs- und Urlaubsregelungen, Abrechnung, Dokumentation und Datenpflege.

In drei kurzen Trainings lernen die Mitarbeiter eine speziell entwickelte Methode der Besprechungsgestaltung und Entscheidungsfindung. Dieser Beratungsprozess unterscheidet sich vom Konsensprinzip, wo Teammitglieder und Vorgesetzte stundenlang um Lösungen ringen. In den gemeinsamen Runden wird eine achtsame Kommunikation gepflegt.

Jeder Mitarbeiter kann die Initiative ergreifen und eine Entscheidung treffen. Die Bedingung ist: Er muss den Rat seiner Teammitglieder einholen, vor allem jenen, die sich mit dem Thema auskennen, und denen, die davon betroffen sein werden. Dieser Prozess bringt gute Ergebnisse, weil sie die kollektive Intelligenz anzapft: Drei Menschen sind zusammen schlauer als einer.

Attraktivster Arbeitgeber

Bei Patienten ist Buurtzorg beliebt. Sie haben traditionelle Unternehmen in Scharen verlassen, weil sich herumgesprochen hat, dass sie bei dem neuen Anbieter das finden, was sie am dringendsten brauchen: Menschlichkeit. Die Pflege orientiert sich mehr an den Bedürfnissen sowohl der Patienten als auch der Pfleger. Da die Mitarbeiter von Anfang an alles, was sie tun, genau dokumentieren, haben die Krankenkassen und die gesetzgebenden Instanzen mitgemacht.

Jeden Monat gehen bei Buurtzorg viele Bewerbungen von Pflegekräften ein, die wechseln wollen. 10.000 Menschen sind dort mittlerweile in ganz Holland beschäftigt. Von diesen wurde der Pflegedienst seit 2011 vier Mal zum „Attraktivsten Arbeitgeber in den Niederlanden“ gewählt.

Das Modell Buurtzorg hat Potenzial. Jos de Blok hat nicht nur die ambulante Pflege in den Niederlanden tiefgreifend verändert. Er möchte auch Unternehmen in anderen Länder anregen, sich neu zu organisieren. Laut Website wird bereits in 24 Ländern mit dem Konzept experimentiert, etwa in Belgien, China und Japan.

In Deutschland gibt es erste Standorte, an denen ähnlich gearbeitet wir, zum Beispiel: „Care4me“ in Berlin, „Menschen zu Hause“ in Eltville, „Ich und Du Pflege“ in Freiburg (www.pflege-auf-augenhoehe.de/standorte/).

In jedem Menschen stecken Potenziale, die entfaltet werden wollen, so könnte man die Idee von Jos de Blok zusammenfassen oder, in seinen eigenen Worten: „Jede Innovation bei Buurtzorg kommt von einer Person oder einem Team, das Ideen hat und die Freiheit, etwas Neues auszuprobieren.“

Birgit Stratmann

Mehr: www.pflege-auf-augenhoehe.de

Englische Website von Buurtzorg

 

 

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