Ein Interview mit der Journalistin Katrin Wilkens

Haben die Feministinnen die Mütter vergessen? Mütter sind für andere da, haben selbst keine Lobby und kämpfen nicht für ihre Rechte. Daher sind viele von Altersarmut bedroht. Die Journalistin und Mutter Katrin Wilkens will das ändern. Sie macht auf die prekäre Lage von vielen Frauen aufmerksam und ruft voller Empörung dazu auf, sich für eine angemessene Mütterrente einzusetzen.

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Frau Wilkens, Sie kritisieren, dass der Feminismus heute hauptsächlich gegen Sexismus kämpft und sich in #Me-Too-Debatten verbeißt. Warum gehören Mütter in der Regel nicht zur Zielgruppe von Feministinnen?

Katrin Wilkens: Vielleicht weil Mütter sich nicht ausreichend  organisieren und auch nicht so gut für ihre Rechte einstehen. Es gibt einfach nicht die gut verwendbaren Bilder, wie z. B. eine Oskar-Verleihung, wo alle Protagonistinnen schwarz gekleidet sind. Das ist ein sehr eindrückliches Bild.

Eine Mutter, die alleine auf dem Spielplatz sitzt oder mit ein paar anderen Müttern und darüber sinniert, was könnte ich machen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen oder meine Altersvorsorge zu sichern, das ist einfach sehr „kukident“. Ein altes, verstaubtes Bild, das niemanden beeindruckt.

„Eine Rente für mich allein“

Auf der anderen Seite beklagen Sie in Ihrem neuen Buch „Mutter schafft“, dass Frauen emanzipiert sind, Mütter dagegen nicht. Woran liegt das?

Ich glaube, wenn man drei bis sechs Jahre immer nur für andere Familienmitglieder zuständig war, dass einem peu á peu der gesunde Egoismus abhandenkommt. Dieses innere Gespür für die eigenen Bedürfnisse oder so etwas Profanes wie „Ich brauche eigenes Geld, damit ich meine Altersvorsorge absichern kann“.

Virginia Wolf hat 1929 als Maßstab für Emanzipation in einem Essay ein Zimmer für sich allein gefordert, der zu den meistgelesenen Texten der Frauenbewegung zählt. Ich würde diesen Anspruch heute ein bisschen modernisieren und im Sinne der Emanzipation fordern: Eine Rente für mich allein.

In Deutschland hängen wir im Gegensatz zu einigen anderen europäischen Ländern vielfach noch einem idealisierten und veralteten Mutterbild an: aufopfernd und fürsorglich sollen Mütter sein, die Familie versorgen, lächelnd Kinderscheiße und Kotze wegputzen, Eltern pflegen, vielleicht noch einen Teilzeitjob wuppen und dabei noch super aussehen. Sind wir retro?

Mir gefällt besonders gut Ihr Wort „Scheiße wegmachen“ in der Aufzählung. Weil diese Care-Arbeit tatsächlich nicht nur immer niedlich ist und mit Eulen bestickten Wärmflaschen zu tun hat.

Wir sind sehr geprägt kulturell. Das geht tatsächlich zurück auf Martin Luther vor 500 Jahren. Der sagte: „Die Mutter im Haus ist der Gottesdienst daheim.“ Er hat die Arbeit einer Hausfrau sehr geadelt. Das ging dann weiter über Rousseau, der das Stillen sehr befürwortet hat. Interessanterweise haben sich die französischen Frauen nicht so sehr daran gehalten. Das Nazireich hat diese Gedanken pervertiert und Frauen als Gebärmaschinen instrumentalisiert.

Und auch in der westdeutschen Nachkriegszeit gab es den Spruch: „Meine Frau hat es zum Glück nicht nötig zu arbeiten.“ Das war  ein Statuszeichen und ein Symbol dafür: Der Mann hat es karrieremäßig geschafft. Und aus dieser jahrhundertelangen Tradition ist eine Identität der Frau erwachsen, die suggeriert, dass es nicht schick und attraktiv ist, wenn sie wieder arbeiten geht.

Das sieht ein bisschen anders aus, wenn wir nach Ostdeutschland blicken. Denn in der DDR war es tatsächlich ganz selbstverständlich, dass Frauen technische Berufe ergriffen haben, dass Frauen auch gearbeitet haben. Da wurden die Kinder in Krippen gegeben, ohne dass man gleich gesagt hat, das sei eine Rabenmutter.

Care-Arbeit für Familie: nichts wert?

Warum fehlt die gesellschaftliche Wertschätzung für die Arbeit der Mütter? Zählt nur bezahlte Erwerbsarbeit? Brauchen wir eine neue Wertediskussion?

Das hängt mit dem Kapitalismus zusammen. Bei uns ist tatsächlich nur das etwas wert, wofür es Geld gibt. Und Care-Arbeit ist in diesem Sinne nichts wert, und deshalb kann sie auch scheinbar so nebenbei laufen. Viele Väter sagen bei uns in der Beratung: „Ich weiß eigentlich gar nicht so ganz genau, was meine Frau so den ganzen Tag macht. Und die fünf Monate, die ich als Vater Elternzeit genommen habe, die waren doch ganz super in Südfrankreich. Wir waren da mit dem Bulli weg, und der Kleine fand das auch ganz toll.“

Foto: Marianne Moosherr

Das ist aber nicht die Realität, die eine Mutter hat, wenn sie ein bis drei Jahre auf die Kinder aufpasst. Also die Elternzeit ist so ein bisschen zu einer verlängerten Urlaubszeit verkommen, was nicht besonders klug ist, weil sie ursprünglich dazu gedacht war, der Frau den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern. Und in einem zweiten Schritt war sie dazu gedacht, dem Mann auch ein bisschen die Augen zu öffnen, oder Verständnis dafür zu schaffen, was beide Seiten leisten. Aus dieser Sicht ist es nicht besonders klug, wenn man da mit dem Wohnmobil durch die Lande tuckert. Gleichwohl kann ich es verstehen, weil das einfach ein toller Urlaub ist.

Also die Arbeit von Müttern ist eine unbezahlte. Und deswegen auch in einem sehr fein ziselierten Kultursystem nichts wert.

Interessanterweise gehen die jungen Mütter aber auch nicht auf die Straße, um sich für ihre Rechte einzusetzen. Und in den Medien ist eigentlich auch über keine Diskussion diesbezüglich zu lesen. Wie kommt das?

Also bei der ganz jungen Müttergeneration, den heutigen 25-30-Jährigen merkt man schon, dass da was aufbricht. Die sagen ganz selbstverständlich: „Ich arbeite 30 Stunden und Du Mann bitte auch.“ Und sie haben Recht.

Die mediale Empörung nimmt eigentlich schlagartig ab in dem Moment, wo man Mutter wird. Die Mutterschaft ist ja auch nicht besonders Instagramm-kompatibel. Man zeigt damit: Ich bin nicht perfekt, ich kriege es nicht hin. Ich habe bestimmte Bälle nicht in der Luft. Ich bin defizitär, ich bin nicht voll organisiert. Das ist so ein kapitales „Schuldeingeständnis“, dass man sich lieber darauf konzentriert, Sunday-Prepairboxen und niedliche kleine Radieschenmäuse abzufotografieren, ohne zu überlegen, ob nicht das viel wichtigere Erbe wäre, den Kindern die Überzeugung mitzugeben, dass man auch als Mutter eine berufliche Identität hat.

Lohnungleichheit: „Eine Katastrophe“

Immer noch bekommen Frauen nur die Hälfte der Rente, immer noch existiert der gender-pay-gap, die Lohnungleichheit.

Ja, es gibt eine ganz erschreckende Zahl. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie verdienen 90 Prozent aller Frauen zwischen 30 und 50 Jahren weniger als 2000 Euro netto. Bei verheirateten Frauen verdienen nur 6 Prozent mehr als 2000 Euro netto.

Das ist eine Katastrophe. Weil sich das sozusagen drei Mal im Laufe einer Frauenbiografie niederschlägt bzw. ihrer Mutterschaft. Zum einen, wenn sie aufhört, weil sie das Kind versorgt. Zum anderen, weil sie sehr viel geringere Wiedereinstiegschancen hat als eine kinderlose Frau. Und zum dritten, weil sie einfach so deutlich weniger Rente bekommt.

Auch hier noch mal eine Zahl: Dreiviertel aller arbeitenden Frauen,  die so alt sind wie ich, die also jetzt in dem typischen Vollarbeits-Berufsleben stecken, werden später eine Rente bekommen, die unter dem Hartz IV-Satz liegt. Da frage ich mich, warum nicht viel mehr Leute auf die Straße gehen. Denn es geht ja schon längst nicht mehr im Alter darum, dass man sich noch eine schöne Kreuzfahrt gönnt. Sondern es geht um die Bedürfnisse im Alter, die so exorbitant kostenintensiv sind: Das ist dann so etwas Dämliches wie ein Hörgerät. Oder: Soll Mama jetzt ins Heim oder schaffen wir es noch, einen Treppenlift einzubauen? Natürlich versucht man, zunächst alles zu tun, damit die Mutter möglichst lange zu Hause bleiben kann. Aber so ein Treppenlift ist richtig teuer.

Also dieses Thema wird offensichtlich sehr verdrängt. Sie schreiben in Ihrem Buch humorvoll: „Für jede Fußnagel-OP muss ich heute einen Aufklärungsbogen unterschreiben. Warum nicht für die Ehe?“ Sie kritisieren, dass viele Ehefrauen nichts über ihre künftige Rentensituation wissen.

Das ist fatal. Ich bin noch aufgewachsen mit dem guten Norbert Blüm, der immer sagte, die Rente ist sicher. Inzwischen reden wir ja auch ein wenig schamfreier darüber und überlegen uns Modelle, wie man die Wohnsituation verändern könnte. Aber Sie haben total Recht. Insgesamt ist es noch ein Thema, über das viel zu wenig geredet wird. Auch die Männer. Die müssen tatsächlich ein bisschen weniger darüber reden, weil sie ja ihre Schäfchen im Trockenen haben.

Wenige Menschen würden ja freiwillig ihre Privilegien aufgeben. Wie könnte man das Dilemma lösen und die Männer mit ins Boot holen?

Wir hatten mal eine Kundin in der Beratung, die relativ pragmatisch und ganz trocken sagte: „Wir packen alles auf ein Konto, was wir einnehmen – der Mann und die Frau. Wir bestreiten von diesem Konto alle Ausgaben. Und am Ende des Jahres teilen wir genau 1:1, was übrigbleibt, unabhängig davon, wie viel ich mitverdient habe, unabhängig davon, wer die Kinder betreut hat.“

Auf diese Art bekommt man relativ einfach einen gerechten Finanzausgleich hin. Dann kann sich jeder überlegen, was mache ich mit dem in einem Jahr angesparten Geld. Und selbst wenn das nur 200 bis 400 Euro sind, auch damit kann man schon etwas anfangen für eine Rentenvorsorge. Die meisten denken immer: Ach, für die Rente ist es sowieso zu spät. Das hat alles gar keinen Sinn mehr.

Sie selbst haben drei Kinder und leiten seit 2011 die Job-Profiling-Agentur I.do. Sie helfen Frauen nach der Babypause den Wiedereinstieg in den Beruf zu finden. Wie ist es dazu gekommen?

Aus einer ganz ähnlichen Situation wie die meisten meiner Kundinnen. Ich war Journalistin, war sehr gefragt, und fand das ein ganz tolles und aufregendes Leben. „Frau Wilkens können Sie morgen dahin kommen?“…“Ja, ja, ja, kann ich!“ Mit einem Kind ging das noch mit Mühe und Not. Mit zweien wurde es echt schwierig, mit dreien war es indiskutabel. Da habe ich dieses spontane, mobile Leben, das man als Journalistin braucht, wenn man nicht nur über Spargel-Rezepte schreiben will, nicht mehr auf die Reihe bekommen.

Dann habe ich mich mit einer Freundin zusammengesetzt und überlegt, was können Journalisten eigentlich gut? Sie können gut verdichten, sie können eine Geschichte zusammenzimmern. Sie können fragen, fragen. Sie können auch mal sagen, das glaube ich Ihnen jetzt nicht. Und nichts anderes machen wir im Grunde bei I-do auch, dass wir eine Geschichte suchen und finden und sie in eine Form gießen und daraus eine neue Idee für den Wiedereinstieg von Müttern in den Beruf entwickeln.

 

Hinweis: Das vollständige Interview mit Katrin Wilkens können Sie als Audio hören, wenn Sie Mitglied im Freundeskreis sind oder werden. Darin äußert sie sich dezidiert darüber, wie man die Altersarmut von Müttern verhindern könnte.

 

Katrin Wilkens (geb. 1971) ist freie Journalistin. Sie schreibt seit 2000 u. a. für die Zeit, den Spiegel, die Süddeutsche, taz, Nido, FAZ und Titanic. Sie studierte Rhetorik und arbeitete als Trainerin in der Weiterbildung. Heute leitet sie die Agentur i.do, wo sie Müttern nach der Babypause hilft, einen maßgeschneiderten Job zu finden. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Hamburg.

Im März 2019 erschien ihr Buch “Mutter schafft. Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt”. Westend Verlag