Steve Morgan/Greenpeace
Steve Morgan/Greenpeace
Greenpeacer messen Radioaktivität in Tschernobyl 2005

Atomkraft: Kinder haften für ihre Eltern

Mut zum Umdenken. Mehr Engagement für Innovationen

Heftige Debatten hat die aktuelle Kontroverse ausgelöst, ob der Staat oder die Energiekonzerne die Atomkraftwerke entsorgen sollen. Gedanken zu den Folgen unseres Energieverbrauchs.

Vor einigen Tagen wurde in den Medien diskutiert, ob der Staat sich um den Rückbau der alten Atomkraftwerke in Deutschland kümmern soll. Damit verbunden ist die Suche nach einem Endlager für die ausgebrannten Brennstäbe. Diese Frage wurde mit viel Eifer diskutiert, aber die entscheidenden Fragen wurden meiner Ansicht nach nur am Rande gestellt.

Wir nutzen die Kernenergie seit 50 Jahren für friedliche Zwecke. Unsere modernen Industriegesellschaften haben einen unersättlichen Hunger nach großen Energiemengen, und lange wurde suggeriert, dass die Kernenergie diesen kollektiven Hunger stillen könnte. Auch hierzu gibt es Kontroversen, die besonders dann interessant sind, wenn sich Fachleute daran beteiligen, die rechnen können.

Wir wissen alle mehr oder weniger, dass unser aktueller Energieverbrauch nicht ohne Folgen sein wird. Ob wir unsere Energie aus fossilen Brennstoffen oder durch „erneuerbare“ Energiequellen gewinnen – die Folgen unseres Verhaltens sind in den meisten Fällen nicht wirklich absehbar. Aber wer genau wird diese Folgen tragen? Die Antwort fällt leicht: Die uns folgenden Generationen bzw. unsere Kinder und Enkelkinder. Doch werden sie wirklich zu leiden haben?

Kostbare Reserven

Nun, eines ist ziemlich sicher: Einen Großteil der Erdölreserven werden wir bis 2040 gefördert und verbraucht oder verbrannt haben. Auch die Kohlevorkommen sind endlich, nicht nur in Deutschland. Und selbst wenn wir über die Umweltverschmutzung beim Betrieb von Kohlekraftwerken heute jammern, würden wir diese Kohle vielleicht irgendwann für andere Zwecke dringend benötigen, aber dann ist sie einfach nicht mehr da.

Unsere Erde hat Jahrmillionen gebraucht, solche Erdöl- und Kohlevorkommen zu erstellen. Und mindestens noch einmal so lange müssten wir warten, bis diese kostbaren Reserven wieder nachwachsen würden. Damit können wir heute nicht ernsthaft kalkulieren.

Zurück zu den Atomkraftwerken: Die großen Energiekonzerne haben in den letzten Jahrzehnten eine stattliche Reihe von Atomkraftwerken gebaut, betrieben und gutes Geld damit verdient. Außerdem haben sie weiteres Kapital zurückgestellt, um den Rückbau und die Zwischen- und Endlagerung finanzieren zu können.

Denn diese Kosten gehören in eine TCO-Kalkulation unbedingt mit hinein. TCO ( Total Cost of Ownership) ist ein sehr realitätsnahes Modell für die Berechnung der Gesamtkosten einer Unternehmung. Diese werden in den meisten Fällen jedoch nicht von den unmittelbaren Verursachern, sondern von der Gemeinschaft, von der Gesellschaft, also von den heutigen und künftigen Steuerzahlern getragen.

Zukunftstechnologie, von unseren Kindern finanziert

Unsere Kinder und Enkel werden für diese Gesamtkosten aufkommen müssen, obgleich sie den Nutzen dieser einstigen Zukunftstechnologie nicht mehr werden genießen können. Warum? Nun, jetzt lohnt sich doch ein Blick auf die drei Kardinalfragen zur Atomkraft:

Frage 1: Wie sicher kann Atomkraft sein? Bzw. lassen sich die Risiken und Restrisiken wirklich beherrschen? Diese Frage war früher vielleicht noch umstritten. Seit den Reaktorunglücken von Harrisburg, Tschernobyl und Fukoshima sind wir uns aber einig, dass ein Restrisiko immer bestehen bleibt, das schwerlich zu vertreten ist.

Daher überlegen große Industrienationen zu Recht, aus dieser Form der Energiegewinnung ganz auszusteigen. Bis wann? Die Schweiz plant ihren Ausstieg bis ca. 2065 umzusetzen. Die Bundesregierung proklamiert öffentlich zwar andere Ziele. Andere Nationen wie Großbritannien wollen dagegen wieder in Kernkraft investieren.

Frage 2: Wohin mit den abgebrannten Brennstäben? Es gibt weltweit noch kein einziges Endlager, sondern nur Zwischenlager. In den deutschen Zwischenlagern wird die Situation auch langsam brenzlig, da die Fässer mit dem radioaktiven Material in manchen Salzstöcken zu rosten und zu lecken beginnen.

Gerade ist in den letzten Tagen die Diskussion um die neue Suche nach einem Endlager, das nicht Gorleben heißen soll, wieder hochgekocht. Und wie immer verebbt die Diskussion in einem Stellungskrieg zwischen strikten Gegnern und vermeintlichen Pragmatikern. Hier wäre eine grundsätzliche Betrachtung hilfreich, die zur Ernüchterung führen könnte.

Ich möchte es einmal so formulieren: Die Suche nach einem Endlager können wir uns sparen, weil es ein solches im wörtlichen Sinne nicht geben kann und wird. Ein Endlager würde bedeuten, dass wir unsere allein in Deutschland rund 150.000 Tonnen von nachstrahlendem Plutonium (von mir geschätzt) irgendwo hin verbringen müssten, wo sie die nächsten 10.000, 100.000, 1 Millionen Jahre ungestört und möglichst weit von der Zivilisation abgelegen ruhen und ausstrahlen könnten.

Das ist unrealistisch. Egal, in welche Tiefe wir unseren Reaktormüll bringen, unsere Erde ist nicht starr, sondern immer in Bewegung. Hier gilt wirklich der Satz des Heraklit: „Alles fließt“. Die Erde ist in ihrem Inneren hoch dynamisch. In einer Tiefe von 50 bis 60 Kilometern bewegen sich unter der Oberfläche Lavaströme, die immer wieder mal ihren Weg an die Oberfläche suchen. Und auch wenn sie nicht gerade unter einem unserer künftigen Endlager durchbrechen, lösen diese Bewegungen wieder andere Bewegungen und Verwerfungen im Erdreich aus, die Dinge an die Oberfläche treten lassen, die vor einiger Zeit noch tief verborgen waren.

Ich persönlich wünsche mir eine Regierung, die einfach klar zur Sprache bringt, dass die Suche nach einem Endlager illusorisch ist. Das wäre zwar eine Provokation, würde aber eventuell für konstruktive Überlegungen sorgen.

Illusorische Suche nach einem Endlager

Frage 3: Wie lange könnten wir die Atomkraftwerke eigentlich noch betreiben? Die Uranvorkommen auf dieser Erde sind endlich. Das ist eine Binsenweisheit, aber wenn ich höre, dass China, Indien, Großbritannien und andere Nationen jetzt wieder verstärkt in die Kernenergie investieren wollen, dann frage ich mich, ob sie eigentlich wissen, was sie tun.

Die westliche Welt hat ca. 6.000.000 Tonnen Uran zur Verfügung und verbraucht jährlich ca. 3.000 Tonnen (siehe www.energiewelten.de). Wenn wir nur diese beiden Zahlen nehmen und miteinander dividieren, kommt heraus, dass wir noch geschätzte 20 Jahre so weiter machen können. In 20 Jahren haben wir unsere heute bekannten Uranvorkommen aufgebraucht. Und wenn wir jetzt noch berücksichtigen, dass der Energieverbrauch in den kommenden Jahren massiv steigen wird, alleine schon weil Indien und China nachziehen – dann frage ich mich, ob sichder Bau von weiteren AKWs überhaupt rentieren kann!

Folgen einer geplünderten Erde

Jetzt möchte ich zum Schluss meiner Überlegungen kommen: Welches Erbe hinterlassen wir unseren Nachkommen? Eine ausgeplünderte Erde? Millionen Tonnen von hochgradig strahlendem Reaktormüll? Und einen bunten Strauß von eigentlich nicht mehr kalkulierbaren Risiken und Restrisiken?

Wir können froh sein, dass wir in 100 Jahren nicht mehr leben werden, um uns den Fragen unserer Urgroßenkel zu stellen. Diese Fragen würden extrem unangenehm für uns werden.

Wenn wir wirklich Verantwortung für unser Handeln übernehmen würden, müssten wir uns bzw. die Entscheider in den politischen und wirtschaftlichen Gremien sich diesen Fragen bereits heute stellen.

Vor diesem Hintergrund gibt es eigentlich nur eine vernünftige und verantwortungsvolle Option für uns – für unsere Gesellschaft: Wir müssen massiv in Grundlagenforschung investieren, um einen Weg aus dieser scheinbaren Energiesackgasse zu finden. Womit wollen wir all unsere schicken kleinen Elektronikgeräte in 50 oder 100 Jahren betreiben? Mit welchen Fahrzeugen gedenken wir in 80 Jahren zu fahren oder zu fliegen? Womit wollen wir unsere Wohnungen und Gebäude heizen?

Wenn wir diese Fragen beherzigen und Verantwortung für die Zukunft tragen, müssten wir zum Land der Visionäre und Forscher werden. Dichten und denken können derweil andere …

Sven Precht

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