bibiphoto/ Shutterstock
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Auf der Jagd nach Quoten und Klicks

Verleger Strasser kritisiert die Medien

Der international erfahrene Verleger Christian Strasser hat sich aus der rein profitorientierten Verlagsbranche verabschiedet und setzt sich heute für Ethik und Bewusstseinswandel ein. Im Interview übt er Kritik an einer Medienindustrie, der es nicht um Inhalte gehe, sondern um Quoten, Klicks und Entertainment.

 

Das Gespräch führte Michaela Doepke

Frage: Sie kritisieren den kommerziellen Buch- und Medienmarkt, in dem es nur noch um Profit, Umsatz und Entertainment geht und nicht mehr um die Inhalte. Wie kann man das Ihrer Ansicht nach ändern?

Antwort: Wir in Deutschland haben Glück, hier gibt es noch guten Journalismus und durchaus auch noch investigative Journalisten. Ich war vor ein paar Wochen bei der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Glenn Greenwald, diesem Mann, dem Edward Snowdon seine Informationen übergab. Die Laudatio hielt Heribert Prantl. Gerade wir in München können froh sein, dass es eine Süddeutsche Zeitung gibt und andere vergleichbare Medien, aber es sind nicht mehr viele.

Was ich aber kritisiere und was es zu erkennen gilt, ist: Fast allen Medienunternehmern – das beginnt beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen über das private sowieso bis hin zu den Printmedien und besonders den Internet-Unternehmen – damit sie überleben können, geht es um eine Steigerung der Auflage, im Fernsehen um die Quote und beim Internet um die Klicks.

Mit anderen Worten: Die Medien tun alles, um eine hohe Quote zu bekommen. Schauen Sie sich mal das Unterhaltungsprogramm des Zweiten Deutschen Fernsehens an, das ist für Senioren ab 65 gemacht. Und der zuständige Leiter in der Redaktion in Mainz sagt noch ganz stolz: „Mein Maßstab ist mein Zuschauer.“ Der vergisst völlig seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag, weil es ihm nur um die Quote geht.

Die Quote kann einschläfern und volksverdummen. Dieser Zwang zum Erfolg in den Medien äußert sich in der Jagd nach Auflagen, Quoten, Klicks und macht es unmöglich, dass die Journalisten noch ihrem Gewissen folgen, dass sie Zeit haben zum Recherchieren.

Weiteres Beispiel: Bei Gruner + Jahr, dem größten europäischen Zeitschriftenhaus, werden 400 Leute entlassen; die gesamte Redaktion der Zeitschrift „Brigitte“ wurde entlassen, weil der Profit das einfordert. Und das ist bei Medien eine gefährliche Sache. Wohin das führt, kann man herrlich in Amerika sehen, dem Land, das uns einst Demokratie, freie Meinungsbildung und freie Presse brachte.

Heute ist es ein völlig gespaltenes, ausschließlich auf Quoten und Klicks getrimmtes Land, das so zerrissen ist, dass ich fürchte, da wird es auch nie wieder eine Vereinigung geben. Das Bewusstsein des Einzelnen dort hat gegen dieses 24-Stunden-Dauer-Bombardement aus hunderten kommerzieller Sender gar keine Chance. Wenn wir eine solche Welt nicht wollen, dann gilt es, aufrecht zu sein und auch immer wieder Journalisten zu finden, die sich nicht korrumpieren und kaufen lassen.

Von der Verzauberung zur Desillusionierung

Für Sie als Buchexperte sind Bücher Seismographen für die Stimmung in der Gesellschaft. Bestseller mit Millionenauflagen wie „Harry Potter“ entführen die Menschen aus der bedrohlichen Realität unserer Gesellschaft.

Antwort: Die Harry-Potter-Bände wurden die erfolgreichsten Bücher der Nachkriegszeit weltweit. Doch der erste Band lag über ein Jahr völlig unverkäuflich in den Buchhandlungen. Kein Mensch interessierte sich vor 15 Jahren für einen Zauberlehrling. Niemand wollte etwas davon wissen, und plötzlich kippte das.

Plötzlich ging ein Hype um die Welt. Klein und Groß, alle wollten die Bücher lesen. Warum? Die Autorin führt den Leser in eine Zauberwelt, weg von der Realität in die Welt der Fantasie, der Träume, des Unvorstellbaren. Warum konnte das in dieser Zeit geschehen? Ich glaube, weil das Unbewusste in uns allen, das kollektive Unbewusste, diese Welt, wie wir sie hier haben, diese materialistische Welt, nicht mehr wollte.

Die Sehnsucht nach etwas Fantasievollem, nach Verzauberung war zu groß. Und ich möchte noch etwas hinzufügen. Harry Potters Zeit ist im Wesentlichen zu Ende gegangen. Die Filme laufen zwar noch, aber die große Welle bei den Büchern ist vorbei. An deren Stelle traten andere Bücher, an der Spitze die Bände über „Panem“. Hier wird eine düstere dystopische Geschichte über Panem erzählt, die Erde sozusagen. Das Gegenteil von Harry Potter, aber wieder ist es eine Flucht aus der Realität.

Dystopisch sind Bücher mit negativem Ausgang. Schauen Sie sich die Kinos an: Die Leuten laufen zu Millionen, um diesen Film zu sehen, und kaufen zu Millionen diese Bücher. Im Unterschied zu Harry Potter wird dort nichts verzaubert, sondern es gibt kein gutes Ende mehr.

Wie kann man Menschen Ihrer Ansicht nach ermutigen und vom Gefühl der Machtlosigkeit erlösen?

Man kann es nehmen, indem wir alle oben bleiben im Bewusstsein, indem wir uns nicht unterdrücken lassen, indem wir die ureinfachsten menschlichsten Qualitäten – dazu gehören vor allem viel Lachen, Humor und viel Witz, aber auch viel alte Weisheit – immer wieder leben, lesen, sprechen. Irgendwann wird diese Energie die Oberhand gewinnen. Davon bin ich tief überzeugt.

Und es geht auch darum, Menschen auf ihrem Weg Mut zu machen, sie zu unterstützen, ihnen zu sagen: Hab keine Angst, schau dich an. Und ich sage immer allen, die mir nahe kommen: Guck dir erst einmal deine Familiengeschichte an, gerade in Deutschland. Arbeite mal auf, was die Eltern und Großeltern und auch Urgroßeltern nicht nur erlebt, sondern vor allem in beiden Weltkriegen erlitten haben, diese unsäglichen, nicht ausgesprochenen, nicht gelebten Gefühle und Schmerzen, die sich über Generationen übertragen und die heute gewaltig auf der Gesellschaft lasten. Und wenn man das anschaut und aufarbeitet, wird man frei. Und wenn man frei wird, dann ist man auch nicht so leicht zu unterdrücken und man fühlt sich auch nicht machtlos.

Lesen Sie auch den 1. Teil des Interviews über den Werdegang von Christian Strasser.

Weitere Infos unter: www.scorpio-verlag.de

Buchtipp: Christian Strasser: Das erwachende Bewusstsein. Aufbruch in eine neue Zeit, Scorpio Verlag

 

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