Ein Interview mit Eva Ihnenfeldt

Das Netzwerk Ethik heute veranstaltet am 15. Februar 2020 zusammen mit dem Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg ein Barcamp zum Thema „Die Zukunft beginnt jetzt“. Moderatorin Eva Ihnenfeldt erklärt im Interview, was das Besondere an Barcamps ist: Gemeinschaft, Spontaneität und Offenheit für Neues.

 

 

Frage: Was ist das Besondere an einem Barcamp?

Eva Ihnenfeldt: Alle Beteiligten sehen sich als gleichwertige Partner und Mitgestalter. Jede und jeder kann sich auf der Konferenz spontan einbringen und vom Zuschauer zum Mitgestalter werden. Auf eine Kontrolle der Konferenz-Inhalte durch die Veranstalter wird weitgehend verzichtet.

Auch charakteristisch für Barcamps ist der Anspruch, dass jeder willkommen ist – unabhängig der individuellen finanziellen Situation. Das heißt, dass die Ticketpreise moderat gestaltet sind, um niemanden auszuschließen. Im Gegenzug fühlt sich jeder Teilnehmer als Mitinitiator der Konferenz und übernimmt Verantwortung.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sitzen vielleicht am Empfang, übernehmen Aufgaben bei der Organisation, räumen am Ende mit auf oder unterstützen den Erfolg dadurch, dass sie in sozialen Netzwerken oder Blogs über das Ereignis schreiben.

Eine Besonderheit sind auch die Prinzipien, die den Sessions zugrunde liegen. Man muss nicht zwangsläufig bis zum Ende bleiben. Es ist völlig normal, einen Vortrag oder eine Diskussion mittendrin zu verlassen, weil es doch nicht so passt. Da ärgert sich niemand – da wird einfach leise der Raum gewechslt.

Barcamps werden oft direkt kommunikativ begleitet. Es ist normal, dass während einer Session mit dem Smartphone, Tablet oder Laptop agiert wird – niemand würde das als unhöflich ansehen. Im Gegenteil! Es liegt im Interesse der Sessiongeber als auch der Sessionteilnehmer, dass alles zum Beispiel per Hashtag bei Twitter mitverfolgt werden kann. So können auch Besucher parallel laufender Sessions mitbekommen, was gerade stattfindet

Was sind überhaupt „Sessions“?

Eva Ihnenfeldt: Sessions sind die eigentlichen Programmpunkte auf einem Barcamp. Zu Beginn des Barcamps bieten verschiedene Teilnehmerinnen Sessionthemen an. Per Handzeichen geben die Zuschauer ein Zeichen, ob sie Interesse an dem jeweiligen Thema haben. Dieses Handzeichen ist jedoch nur ein Stimmungsbild und ist nicht verbindlich.

Sessions können Vorträge sein, Diskussionsrunden, Anleitungen, praktische Übungen, Gemeinschaftserlebnisse oder auch nur ein gemeinsamer Austausch. Besonders beliebt sind erfahrungsgemäß Sessions, bei denen alle Teilnehmer aktive Rollen übernehmen können. Frontal-Vorträge gibt es ja bei Youtube reichlich.

Manchmal werden schon vor dem Barcamp einige Sessions vorbereitet, um den Interessenten Orientierung zu geben. Doch die spontane Entwicklung des Sessionplans direkt auf der Veranstaltung ist ein wichtiger Aspekt dieses Veranstaltungsformats.

Abgestimmt wird mit den Füßen: Sessions mit wenigen Teilnehmern finden in kleineren Räumen statt – Mainstream-Sessions in größeren. Es gibt immer mehrere Sessions zur gleichen Zeit, so dass man eine ständige Auswahl hat.

Fremde werden zu Freunden

Lernt man auf Barcamps Leute kennen?

Eva Ihnenfeldt: Ja, bei jeder Konferenz sind das Kennenlernen und die Vernetzung wichtig. Fremde werden zu Freunden, es werden Adressen, Erfahrungen und Tipps ausgetauscht. Häufig findet auf einem Barcamp die Vernetzung über soziale Netzwerke statt. Ob Facebook, Twitter, WhatsApp, Xing oder LinkedIn – da Barcamps auf die digitale Kommunikation ausgerichtet sind, kann man sich direkt mit dem Smartphone verbinden. Diese Vernetzungen sind sehr wertvoll und können irgendwann sogar zu gemeinsamen Projekten führen.

Sie haben schon einige Barcamps moderiert. Was macht diese Arbeit so interessant für Sie?

Eva Ihnenfeldt: Ja, ich durfte schon einige Barcamps moderieren und habe mit der „BarSession“ in Dortmund eine Barcamp-ähnliche Veranstaltung mittinitiiert, die ich viele Male über Jahre hinweg moderiert habe. Sie findet alle zwei Monate mit über 100 Teilnehmern in Dortmund statt.

Was mich an dieser Aufgabe so begeistert ist, dass ich wie eine Art Conférencier wirke. Es macht mir Spaß, flexibel auf Unwägbarkeiten zu reagieren und Herausforderungen zu managen, die nicht geplant sind. Barcamps sind nicht perfekt durchinszeniert. Das lässt mir Raum für eigenes Spiel, und ich kann improvisieren. Wenn ich unterhalten und erheitern kann in den Pausen, macht mich das glücklich.

Diese unperfekte Inszenierung und auch die Mitwirkung der Teilnehmer sorgen für eine ganz besondere Stimmung der Unbekümmertheit und Beschwingtheit. Barcamps werden nicht zufällig auch als „Un-Konferenzen“ bezeichnet. Mit Humor, Respekt, Spontanität und Empathie kann man abseits von Konventionen emotional berührt werden

Meine Aufgabe als Moderatorin ist es, dafür zu sorgen, dass sich alle wohl fühlen und dass niemand allein bleibt. Die Schüchternen ermutigen, die Raumgreifenden bremsen, die Kalkulierenden aufwärmen, die Skeptiker vernetzen… ich versuche, auf alles ein Auge zu haben und mit dazu beizutragen, dass der Tag für die Beteiligten eine inspirierende Erfahrung bleibt.

Wie gelingt ein Barcamp am besten? Oder Was müssen die Teilnehmer mitbringen, damit es gut gelingt?

Eva Ihnenfeldt: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tragen tatsächlich erheblich zum Gelingen eines Barcamps bei. Je lockerer und authentischer die Gäste sind, desto besser ist es. Geben anstatt nehmen, mit Unbekannten Kontakt aufnehmen, anstatt bei der eigenen Peergroup zu verweilen, mitmachen, anstatt passiv zu konsumieren – das wünsche ich mir von den Teilnehmern.

Barcamps sind immer dann am besten, wenn es Sessions mit erhellenden Erkenntnissen gibt und wenn viele Begegnungen zwischen den Beteiligten stattfinden. Toll ist es, wenn das Wetter mitspielt und sich auch außerhalb der Räumlichkeiten Gespräche und Diskussionen ergeben. Super ist, wenn das Barcamp auch außerhalb des Events Aufmerksamkeit erhält – wenn einige Teilnehmer in den sozialen Netzwerken darüber schreiben und sich bei Twitter und Co. über die Inhalte austauschen.

Ein guter Veranstalter ermöglicht neben dem organistorischen Rahmen Entschleunigung durch Gelassenheit. Wichtig ist auch, die Gäste zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Die (ehrenamtlichen) Sessiongeber sollten gewürdigt werden. Großzügig sein und Kontrolle loslassen – das wünsche ich mir von den Veranstaltern.

Jeder Mensch ist gleich wertvoll und gleich wichtig – aus diesem Wissen heraus sind Barcamps in der Web 2.0-Szene entstanden. In diesem Geist sollten sie weiter getragen werden. So können Barcamps ein kleines bisschen zur Heilung des Menschen und der Gesellschaft beitragen.

 

Eva Ihnenfeldt ist Expertin für Social Media Marketing. Sie berät und begleitet Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Sie betreibt den Blog Steady News