Foto: Jürgen Manshardt
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Bhutan – ganzheitlich wirtschaften

Bruttosozialglück als politisches Ziel

Das auf Wachstum beruhende Wirtschaftssystem überschreitet die planetarischen Grenzen. Doch welche Alternativen gibt es? Jürgen Manshardt stellt das Beispiel Bhutan vor. Das kleine buddhistische Königreich im Himalaya will glückliche Bewohner und hat das Bruttosozialglück zum Staatsziel erklärt.

 

Ungezügeltes Wirtschaftswachstum, Turbo-Kapitalismus, instabile Finanzmärkte – vieles am globalen Wirtschaftssystem scheint das genaue Gegenteil von den Idealen und Grundsätzen der Religionen zu sein. Ob Christentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus – sie alle sind in gewisser Weise Gegenmodelle zum homo oeconomicus, also dem rein wirtschaftlich denkenden und handelnden Menschen, der alles im Leben einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung unterordnet.

Der berühmte Moralphilosoph Michael J. Sandel schreibt in seinem Buch Was man mit Geld nicht kaufen kann: „Die Märkte und das marktorientierte Denken sind in Lebensbereiche vorgedrungen, die zuvor durch marktferne Werte geregelt waren: Familienleben und persönliche Beziehungen, Gesundheit und Bildung; Umweltschutz und Strafgerichtsbarkeit; nationale Sicherheit und bürgerliches Leben. Fast unbemerkt haben wir einen Wandel von einer Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft durchlaufen.“

Die Steigerung des Bruttosozialprodukts (BSP) gilt immer noch als gesellschaftliches Ziel. Es scheint oberste Bürgerpflicht zu sein, möglichst viel zu verbrauchen, damit die Wirtschaft wächst. Je höher der Wachstumsindex, so das Versprechen, um so schneller würden Arbeitslosigkeit, soziales Elend, Ungerechtigkeit und politischen Unruhen sich verflüchtigen. Aber stimmt das?

Wie wir unschwer sehen können, haben sich die globalen Krisen in den letzten Jahrzehnten verschärft, Stichwort Ungerechtigkeit, Klimaerwärmung und Artenschwund. Das System hat die planetarischen Grenzen längst überschritten.

Aber: Je mehr Ressourcen wir verbrauchen, um so höher ist das BSP. Es gibt kuriose Beispiele: Nimmt die Kriminalität zu, steigt das BSP, denn es müssen Polizisten, Richter und Sozialarbeiter etc. eingestellt werden. Für die Gefängnisse werden Überwachungskameras, Waffen und Schutzkleidungen gekauft ( Ha Vinh Tho, Grundrecht auf Glück. Bhutans Vorbild für ein gelingendes Miteinander, München 2014).

Oder ein anderes Beispiel: An einem idyllischen See inmitten der Natur gehen die Menschen in ihrer Freizeit baden. Das steigert allerdings nicht das BSP. Erst wenn man alles abholzt, den See trocken legt und dann ein modernes Hallenbad errichtet, schafft dies Arbeitsplätze, Baustoffe werden benötigt und der Wachstumsmotor läuft.

Anders wirtschaften: das Bruttosozialglück

Der grundlegende Idee und der Begriff Bruttosozialglück (Gross National Happiness, GNH) wurde 1979 von Jigme Singye Wangchuck, dem damaligen vierten König von Bhutan, geprägt, als er vor indischen Journalisten fast beiläufig seine visionäre Idee vortrug: „Das Streben nach Bruttosozialglück zählt in Bhutan mehr als das Bruttosozialprodukt,“ so das berühmte Zitat.

Jürgen Manshardt

Jigme Singye Wangchuck, der Vater des jetzigen Monarchen, wollte das Bruttosozialprodukt als volkswirtschaftliche Kennzahl westlicher Prägung durch das Bruttosozialglück ersetzen und in den Mittelpunkt des bhutanischen Entwicklungsmodell stellen. Er brachte damit zum Ausdruck, dass er sich einer Wirtschaftsentwicklung verpflichtet fühle, die Bhutans einzigartiger buddhistischer Kultur und ihren Werten gerecht werde.

Bhutan hat zu diesem Zweckdie staatliche Kommission für das Bruttonationalglück eingesetzt. Behutsam, aber beständig will man im Land die Bürgerzufriedenheit als übergeordnete Maxime für Wirtschaft und Entwicklung vorantreiben.

Das Zentrum für Bhutan-Studien in der Hauptstadt Thimphu entwickelte im Jahr 2005 Indikatoren für die Bürgerzufriedenheit und erstellte daraus einen Fragebogen. Eine Pilotbefragung mit 350 Teilnehmern im Jahr 2006 half, Struktur, Inhalt, Übersetzung und Relevanz der Fragen zu verbessern.

2008 fand in Bhutan die erste offizielle Bruttonationalglück-Befragung statt. Mit 750 Fragen zu verschiedenen Kategorien. Das heutige Wirtschaftsmodell verfolgt vier große Ziele (zitierte nach Thomas Riedl, „Bruttonationalglück“ als Maßstab für Entwicklung? Magisterarbeit 2009):

  1. Die ökonomische Entwicklung mit dem Ziel einer gerechten und nachhaltigen Wirtschaft. Laut Grundgesetz sollen 60 Prozent der Landesfläche bewaldet bleiben,  50 Prozent stehen unter Naturschutz. Bis 2020 soll die gesamte Landwirtschaft nach biologischen Grundsätzen betrieben werden.
  2. Umweltschutz und Stärkung ihrer Resilienz.
  3. Förderung und Erhalt der Kultur in Form kultureller und spiritueller Werte.
  4. Good Governance, also Förderung einer guten Regierungsführung bzw. Unternehmensleitung. Einhaltung der Menschrechte, Demokratisierung, Transparenz, Antikorruption und Bürgernähe.

Aus diesen vier Säulen des Bruttonationalglücks werden neun Domänen mit 33 Indikatoren für eine ganzheitliche gesellschaftliche Entwicklung abgeleitet, dazu gehören: Psychisches Wohlbefinden mit den Indikatoren Lebenszufriedenheit und Spiritualität, Gesundheit, Bildung, kulturelle Vielfalt, Lebendigkeit der Gemeinschaft.

Mehr als Nachhaltigkeit

Das GNH ist in gewissem Sinne eine Wirtschaftsökologie bzw. ökologisches Wirtschaften. Aber es geht weit über das hinaus, was im Westen unter dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ zusammengefasst wird. Das Besondere ist, dass es auch die Kultur im weiteren Sinne einbezieht.

Die kulturelle Komponente nimmt im buddhistischen Königreich Bhutan einen hohen Stellenwert ein, wie Riedl schreibt: „Die Bewahrung und Förderung des kulturellen und spirituellen Erbes des Königreichs sind in der neuen Verfassung verankert.“

Das klingt ein bisschen nach heiler Welt, aber natürlich hat alles auch eine Schattenseite. „Seitens der Regierung des Königreichs werden auch Zwänge auferlegt, die tief in das alltägliche Leben der Bewohner eingreifen. Mittels Gesetzen zum Schutz des kulturellen Erbes nimmt die Führung des Landes Einfluss auf das Verhalten und den Lebensstil der Bhutaner. So wurde schon 1989 eine Bekleidungsvorschrift erlassen.“ Ist das Nachhaltigkeit auf Kosten der Freiheit? Wäre das im Westen denkbar?

Modell für den Westen?

Von Bhutan geht auf jeden Fall eine Faszination aus. 2011 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Resolution „Glück: auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Konzept für Entwicklung“. Darin wird die „Notwendigkeit eines inklusiveren, gerechteren und ausgewogeneren Konzepts für Wirtschaftswachstum, das (…) das Glück und das Wohlbefinden aller Völker fördert“ betont.

Auf die UN-Resolution folgte der erste World Happiness Report einer Gruppe unabhängiger Wissenschaftler, darunter die Ökonomen Jeffrey Sachs, Columbia University, und Richard Layard, London School of Economics. Glück wird anhand von sechs Faktoren berechnet: BIP pro Kopf, gesunde Lebenserwartung, soziale Unterstützung, Vertrauen, die Freiheit, Lebensentscheidungen zu treffen, und Großzügigkeit.

Immer mehr Belege bestätigen den Zusammenhang zwischen „Sozialkapital“ und Glück. Unter Sozialkapital werden zwischenmenschliche Beziehungen verstanden. Glück hat vier Säulen: 1) anhaltend positive Emotionen, 2) Erholung von negativen Emotionen, 3) Empathie, Altruismus und prosoziales Verhalten sowie 4) Achtsamkeit.

Jeffrey Sachs ist der Auffassung, dass «Gesellschaften mit hohem Sozialkapital in Bezug auf subjektives Wohlbefinden und Wirtschaftsentwicklung besser abschneiden als jene mit geringem Sozialkapital». Entsprechend sind solche Gesellschaft auch widerstandsfähiger gegenüber Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen. Leider gibt es kein Rezept, das besseres „Sozialkapital“ garantieren würde, aber eines steht fest: dessen Aufbau braucht Zeit.

2009 lancierte das amerikanische Forschungsinstitut Gallup seinen Well-Being Index. Ecuador und Bolivien verankerten 2008 und 2009 das indigene Prinzip des Sumak kawsay („gutes Leben“, spanisch „buen vivir“) in ihren Verfassungen.

Das New Economic Foundation’s Centre for Well-Being in London erstellte den Happy Planet Index, der Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bevölkerung in Relation zum ökologischen Fußabdruck (Ressourcenverbrauch) setzt. Hier belegt Costa Rica 2012 den ersten Platz, gefolgt von Vietnam. Die Vereinigten Staaten stehen in dieser Liste auf Platz 105, noch hinter einigen Entwicklungsländern.

In Deutschland nahm im Januar 2011 die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Bundestages ihre Arbeit auf. Sie sollte nach einer möglichen neuen Messzahl für Wohlstand und Fortschritt jenseits der Wachstumsfixierung suchen. Sie legte 2013 ihren Abschlussbericht vor.

Die Europäische Union lancierte ein eigenes Programm namens Beyond GDP («Jenseits des BIP»). Ziel der EU-Initiative ist die Entwicklung klarer Wachstumsindikatoren ähnlich dem BIP, aber ergänzt um ökologische und soziale Aspekte des Fortschritts.

Auch im Westen gibt es immer mehr Menschen, die den Wachstumskurs kritisch sehen. Es ist Zeit, sich intensiv Gedanken über die Alternativen zu machen, wie eine andere Produktions- und Lebensweise aussehen könnte.

Denn es ist überdeutlich, dass ein Festhalten an der Doktrin des ewigen Wachstums nicht realitisch ist und sogar menschliches Leben auf der Erde bedroht. Das Beispiel Bhutan kann uns dazu anregen, über unsere Visionen für eine Postwachstumsgesellschaft nachzudenken.

Jürgen Manshardt

Foto: Heike Spingies

Foto: Heike Spingies

Jürgen Manshardt ist Tibetisch-Dolmetscher sowie Lehrer für buddhistische Philosophie und Meditation. Er begleitet auch Reisegruppen in den Himalaya.

 

 

 

 

 

 

 

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