Warum wir Persönlichkeitsbildung brauchen

Wo die klassischen Bildungskonzepte nicht mehr zu taugen scheinen, wird der Ruf nach Persönlichkeitsbildung laut. Aber was soll das sein? Unsere Autorin Kirsten Baumbusch stellt den Pädagogen Christoph Röckelein vor, der überzeugt ist: „Es geht darum herauszubilden, wer wir wirklich sind“.

„Persönlichkeitsbildung, das ist es!“, die Erkenntnis traf den jungen Studenten der vergleichenden Religionswissenschaften wie ein Blitz. Nach diesem Begriff hatte Christoph Röckelein unbewusst schon lange gesucht, seit er mit seinem Opa Stunden um Stunden schweigend im Wald gegangen war und gespürt hatte, wie sich in dieser gemeinsamen Stille etwas in ihm entfalten konnte.

Das Ansinnen, Persönlichkeitsbildung zu ermöglichen, bei sich und bei anderen, ist dem heutigen Coach und Berater, der im Top-Management großer Unternehmen und Organisationen tätig ist, ein Leitstern geworden. Dieser hält ihn in der Unübersichtlichkeit der Konzepte und Methoden auf Kurs.

Worum geht es? Anders als beim psychologischen Begriff der Persönlichkeitsentwicklung, die die Stufen der Entwicklung eines Menschen beschreibt und dem 20. Jahrhundert entstammt, ist die Vorstellung, dass sich die Persönlichkeit aus sich selbst heraus bildet, sehr viel älter. Schon der griechische Philosoph Platon oder der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart sprachen davon. „Die Person hat einen eigenen Wert aus sich heraus. Sie bildet sich nicht auf etwas hin, sondern sie ist schon etwas“, beschreibt Röckelein das mit seinen Worten.

„Erkenne Dich selbst“ oder „Werde, der du bist“ sind später geprägte Leitsätze auf diesem Weg, bei dem es darum geht, sich im tiefsten Kern der eigenen Existenz selbst zu begegnen und hieraus das Leben zu meistern. „Bildung wird dabei nicht als Wissensvermittlung, Abschlüsse oder Training verstanden, sondern als Herausbilden dessen, was du wirklich bist“, fährt der promovierte Pädagoge fort.

Sich selbst führen in Zeiten der Unsicherheit

Warum ist das so wichtig? Viele Menschen empfinden die Welt derzeit als unübersichtlich, beängstigend und rasend. Alles scheint zu wanken. Der Halt, den Regeln, Traditionen und Gewissheiten einst gaben, ist dahin. Kein Wunder, dass auf einmal immer mehr von erforderliche Selbstführung oder Selbstbildung die Rede ist. Zu ermöglichen, dass sich Menschen selbst führen in dieser Unwegsamkeit, sich selbst zum inneren Kompass werden, das versteht Röckelein als seinen Bildungsauftrag. Und dieser ist nicht zuletzt seiner eigenen Bildungsgeschichte erwachsen.

Röckelein erfuhr in einem bewegten Leben, was es bedeutet, die Persönlichkeit zu entwickeln

Röckelein ergründete in einem bewegten Leben, was es bedeutet, die Persönlichkeit zu entwickeln. Foto: privat

Als der Mann mit der markanten Brille und dem asymmetrischen Haarschnitt 1999 seine berufliche Laufbahn als Organisations- und Personalberater begann, hatte er schon einige Stufen und Wendungen hinter sich. Bereits der kleine Christoph in der Schule schüttelte immer wieder den Kopf über das, was die Lehrer und das Bildungssystem von ihm wollten. „Nee, nee, nee, ich glaube nicht, dass das das Richtige ist, darum geht es doch nicht“, sagte seine innere Stimme.

Er wollte diesem System so schnell wie möglich den Rücken kehren. Er stieg aus. Absolvierte eine Koch- und Konditorausbildung. Er genoss es, im Morgengrauen mit dem Küchenchef aktiv zu sein. Da war sie wieder, die Stille in Feld und Flur, das Einschwingen auf den Rhythmus der Natur und die Besinnung auf sich selbst und die innere Stimme.

Später als Schiffkoch bei der Marine war es dann mitten in der rauen See der Biskaya der „Gandhi“-Film, der ihn so fesselte, dass er den Dienst quittierte. Er machte das Abitur nach und begann mit dem Studium der vergleichenden Religionswissenschaften. Doch damit nicht genug, dem geisteswissenschaftlichen Studium, der Berufstätigkeit und dem Schuldienst, folgte ein weiteres Studium in Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaft mit Forschungsarbeit und Promotion im Fachbereich Didaktik. Tiefer und immer tiefer drang Röckelein zum Verständnis vor, was die Persönlichkeit bildet.

Bereits damals verdiente er erfolgreich seine Brötchen in der Organisationsberatung. Sein Doktorvater war es schließlich, der ihn bat, doch niederzuschreiben und anderen zu vermitteln, wie er das mache, Menschen so zu begleiten, dass sie sich entfalten und ihre Persönlichkeit entwickeln könne. “Haltungsorientierte und personenzentrierte Begleitung“, nannte er das.

Jeder kann seinen eigenen Weg finden

Kein leichtes Unterfangen. Gleichwohl erkannte Christoph Röckelein dabei mehr und mehr ein Prinzip: Wenn ein Coach einen sicheren Rahmen schafft für die Entfaltung der Persönlichkeit seines Coachees, dann kann dieser – so gehalten – seine ureigenen Lösungen finden. Er wird der, der er ist; er bildet die Persönlichkeit heraus, die schon immer in ihm angelegt ist. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe im eigentlichen Sinn des Wortes. Und doch haftet dem mitunter fast etwas Magisches an.

Gleichwohl ist es Röckelein ein wichtiges Anliegen, die Coachees so schnell wie möglich auf eigene Füße zu stellen. Bei der Ausbildung betont er, dass sich das alles lernen lässt. Wenn auch nicht über Werkzeuge und Methoden, sondern indem sich der Coach empathisch auf die Landkarte seines oder seiner Coachee begibt.

„Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst“, formuliert er die Offenheit des Prozesses bei dieser Herangehensweise, die nachhaltig ist. Denn Menschen werden gebraucht, die aushalten können, dass es keine objektiven Wahrheiten gibt und doch innere Richtlininen, wie wir menschlich handeln können. Und Menschen, die aushalten können, dass sich die Vergangenheit nicht über die Gegenwart in die Zukunft fortschreiben lässt; dass es Irrungen und Wirrungen geben wird, so lange wir leben und dass sich vieles erst im Nachhinein als geradlinig erkennen lässt.

Die Persönlichkeit aktualisiert sich selbst

Der Anfangfünfziger hat für seine eigene Persönlichkeitsentwicklung und seinen Lebensweg das Bild der Heckenrose gefunden. Die wächst in der freien Natur niemals gerade, sondern zwei Zentimeter nach links, drei nach rechts, immer am Stand der Sonne ausgerichtet. Und der ist ja bekanntlich je nach Jahreszeit verschieden.

Wie macht er das nun, die Persönlichkeitsbildung zu befördern? Alles beginnt mit der inneren Haltung des Coaches. Erbringt sich selbst mit seiner inneren Lebendigkeit in Kontakt und hält dann sein Gegenüber an, dies selbst auch zu tun. So kann sich dessen Persönlichkeit aktualisieren.

Dieser Begriff aus der Biologie, der für alles Lebendige gilt, beschreibt den Impuls der Persönlichkeitsbildung vielleicht am präzisesten. Es geht darum, den Menschen vor einer neuen Herausforderung wieder handlungsfähig zu machen mit seiner ihm selbst innewohnenden Kraft.

Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung, das wünschen sich viele für sich und von anderen. Sie wissen nur leider nicht, dass dazu zunächst die innere Stille erforderlich ist wie beispielsweise in der Meditation, Kontemplation oder beim Spaziergang im Wald, gibt Röckelein zu bedenken.

Dann erst kann die Tendenz zur Selbstaktualisierung wirksam werden, die bei vielen verschüttet beziehungsweise gehemmt ist – wie eine Tulpenzwiebel im Beton. Aber sobald die Bedingungen sich ändern, dann braucht es nur Licht, Luft, Wasser und Erde, und die volle Entfaltungskraft ist da.

Kirsten Baumbusch

 

Dr. Christoph Röckelein führt als geschäftsführender Leiter das Freiburger Institut für Persönlichkeits­didaktik, das seinen Namen trägt. Seit 1999 arbeitet er als Berater und Coach, wobei das Spektrum seiner Klienten von mittelständischen Betrieben bis zu börsennotierten Konzernen der verschiedensten Branchen im gesamten deutschsprachigen Raum reicht. Seine Spezialgebiete sind haltungsbasiertes Coaching, personenbezogene Konzepte der Führungskräfteentwicklung und Managementbildung in Unternehmen sowie das Konzept einer haltungsbasierten Selbstführung. Zu seiner Website