Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zur Corona-Impfung auf: “Bin ich angesichts dessen, was wir zurzeit wissen und nicht wissen, moralisch verpflichtet, mich impfen zu lassen? Oder ist es meine persönliche Entscheidung?”

Frage: Es gibt viele Diskussionen zur Corona-Impfung. Ich meine, dass es meine persönliche Entscheidung ist, ob ich mir den Impfstoff injizieren lasse; es ist ja mein Körper. Ich bin skeptisch, zumal uns noch viele Informationen fehlen.

Manche üben Druck aus, man habe die Pflicht, sich impfen zu lassen – und das obwohl vieles unklar ist, zum Beispiel ob ich durch die Impfung weniger ansteckend bin. Wie ist das moralisch zu bewerten? Haben wir die Pflicht, uns impfen zu lassen?

Jay Garfield: Die kurze Antwort ist: Ja. Lassen Sie mich zuerst erörtern, warum es wichtig ist, sich impfen zu lassen. Danach werde ich auf den Einwand eingehen, dass es irgendwie gegen unsere individuellen Freiheiten verstößt, dazu verpflichtet zu sein und zeigen, dass es sich hier um eine soziale Frage handelt.

Erinnern wir uns zunächst daran, dass wir als Menschen keine isolierten Individuen sind, sondern Mitglieder von Familien, Freundeskreisen, Gemeinschaften, Nationen und letztlich der globalen Menschheit. Die Entscheidungen, die wir treffen, betreffen nicht nur uns selbst, sondern auch andere, mit denen wir in Beziehung stehen. Aus diesem Grund haben selbst Entscheidungen, die wir über so persönliche Angelegenheiten wie unsere eigene Gesundheit treffen, eine moralische Dimension.

Wir sollten auch bedenken, dass selbst unsere individuellen Freiheiten nur im Kontext einer Gesellschaft möglich und sinnvoll sind, in der wir alle einigermaßen sicher sind und in der wir für das Gemeinwohl zusammenarbeiten. Ohne öffentliche Güter ist ein glückliches Privatleben unmöglich. Diese allgemeinen Grundsätze sind der Rahmen, in dem wir über diese Frage nachdenken sollten.

Einige sind der Meinung, dass wir uns den Covid-Impfstoff nicht injizieren lassen sollten oder dass wir das moralische Recht hätten, ihn abzulehnen. Als Begründung wird gegeben, dass wir nicht genug über den Impfstoff wüssten.

Es ist wahr, dass es eine Menge gibt, was wir über den Impfstoff nicht wissen. Wir wissen nicht, wie lange die Immunität anhalten wird. Wir wissen nicht, ob oder in welchem Ausmaß der Impfstoff unsere Fähigkeit, andere zu infizieren, verringert.

Aber keine dieser Wissenslücken bedeutet, dass wir den Impfstoff nicht nehmen sollten oder dass wir ihn nicht benötigen. Denn wir wissen zwei wichtige Dinge über den Covid-Impfstoff: Er ist hochwirksam bei der Verhinderung einer Infektion und bei der Verringerung des Schweregrads der Erkrankung. Wir wissen zudem, dass er sehr sicher ist, auch wenn er, wie alle Impfstoffe, nicht völlig risikofrei ist.

Diese beiden Dinge, die wir wissen, haben zwei wichtige Implikationen. Erstens ist es in Ihrem Interesse, den Impfstoff zu erhalten. Zweitens ist es in unserem kollektiven Interesse, dass Sie den Impfstoff erhalten. Daher sind Sie als Mitglied Ihrer Gemeinschaft meiner Meinung nach dazu verpflichtet, sich impfen zu lassen.

Die Krankheit ist viel schlimmer als alle Nebenwirkungen des Impfstoffs.

Der erste Punkt ist einfach: Die Risiken, die mit Covid verbunden sind, sind erheblich, im Vergleich dazu sind die Gefahren, die eine Impfung birgt, minimal. Covid kann Sie schwer erkranken lassen, erheblich einschränken, ja sogar töten. Und wenn Sie an Covid erkranken, sind diejenigen, mit denen Sie interagieren, den gleichen Gefahren ausgesetzt.

Die Krankheit ist viel schlimmer als alle Nebenwirkungen des Impfstoffs. Die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit zu bekommen, wenn wir und unsere Mitbürger sich nicht impfen lassen, ist hoch. So wie es vernünftig ist, im Auto einen Sicherheitsgurt anzulegen oder beim Radfahren einen Helm zu tragen, so ist es zum Schutz unseres eigenen Wohlbefindens sinnvoll, sich gegen diese Krankheit impfen zu lassen.

Dies mag als bloßer Appell an das Eigeninteresse erscheinen und nicht als moralischer Grund. Aber es gibt auch einen moralischen Grund. Andere sind von uns abhängig, z. B. unsere Kinder, Eltern, Kollegen usw.. Unsere Krankheit oder unser Tod wäre auch für sie ein Schaden. Auch besteht die Gefahr, dass wir sie anstecken und damit ihr Leben gefährden. Dieses Risiko wird durch die Impfung minimiert.

Zweitens gibt es einen moralischen Imperativ, den Impfstoff zu erhalten. Wenn Sie an Covid erkranken, könnten Sie eine umfangreiche medizinische Behandlung benötigen, einschließlich der Intensivpflege. Dies würde medizinische Ressourcen verbrauchen, die anderen nicht zur Verfügung stehen. Wenn z. B. alle Betten in einer Intensivstation mit Covid-Patienten belegt sind, könnte es sein, dass kein Bett für ein Herzinfarktopfer verfügbar wäre.

Wir haben bereits die katastrophalen Folgen dieser Überlastung der Intensivpflegeeinrichtungen auf der ganzen Welt beobachten, können, etwa in Los Angeles, London und verschiedenen Orten in Brasilien. Hier sind die Krankenhäuser überlastet, Patienten mit eigentlich behandelbaren Krankheiten sterben, weil die verfügbaren Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht ausreichen.

Außerdem riskieren Sie, wenn Sie wegen Covid ins Krankenhaus müssen, das Krankenhauspersonal und andere Patienten anzustecken. Und dies verschlechtert unsere kollektive Fähigkeit, die Pandemie zu bekämpfen, weiter. So stellt es einen Schaden dar, wenn Sie sich nicht impfen lassen.

Impfen oder nicht ist eine soziale Frage

Kommen wir zu dem Punkt, dass die Forderung nach einer Covid-Impfung oder gar die Ansicht, man sei moralisch dazu verpflichtet, unser individuelles Selbstbestimmungsrecht verletze. Dieser Einwand basiert auf einem Irrtum. Unsere individuellen Rechte können nur in einer funktionierenden Gesellschaft einen Sinn haben und ausgeübt werden. Mein Recht, mich frei zu bewegen, hängt davon ab, dass andere nicht die Macht haben, mir zu schaden. Das erfordert, dass ihre Freiheit, Waffen zu tragen oder andere anzugreifen, vom Staat eingeschränkt wird.

Mein Recht auf Bildung oder Gesundheitsversorgung erfordert, dass anderen das Recht genommen wird, ihr Geld zu behalten, denn sie werden dazu gezwungen, Steuern zu zahlen. Das bedeutet: Die individuelle Freiheit kann in mancher Hinsicht eingeschränkt werden, um allen eine größere Freiheit zu ermöglichen.

Die öffentliche Gesundheit und Sicherheit wird in demokratischen Ländern weithin und zu Recht als guter Grund für die Einschränkung individueller Rechte akzeptiert. Denken Sie z.B. an Geschwindigkeitsbegrenzungen oder die Gurtplicht, aber auch an Sicherheitsvorschriften für Gebäude oder die Regulierung des Verkaufs von Lebensmitteln und Medikamenten.

Hier schränken wir einige individuelle Rechte ein, damit wir alle sicherer sind und jeder von uns die größtmögliche Freiheit genießen kann. Bei der Frage zur Covid-Impfung ist es rechtlich und moralisch genau dasselbe. Wir alle gewinnen mehr Sicherheit und damit mehr Freiheit, wenn wir frei von der Gefahr der Pandemie sind. Jeder von uns sollte und kann daher aufgefordert werden, das zu tun, was notwendig ist, damit wir alle diese Vorteile genießen können.

Trotz allem, was wir nicht wissen, bietet das, was wir wissen und worum wir uns sorgen, Grund genug, sich impfen zu lassen. Für Sie, für Ihre Freunde, Familie und Kollegen, und für uns alle.

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Jay Garfield, Foto: Spitz

Jay Garfield ist Professor für Philosophie am Smith College, Northhampten, USA, und Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Alle Beiträge von Jay Garfield in der Rubrik „Ethische Alltagsfragen“ im Überblick