Ein Buch von Julia Shaw

Die Kriminalpsychologin Julia Shaw rüttelt mit ihrem Buch an Vorstellungen von Gut und Böse. Denn jeder Mensch habe alles in sich. Anhand von neurowissenschaftlicher Forschung und psychologischen Fallstudien erklärt sie, was Gewalttäter, Mörder, Pädophile, Sadisten und ganz gewöhnliche Menschen gemeinsam haben und wirbt für Menschlichkeit.

Wer an „Das Böse“ denkt, dem kommen zuerst andere Menschen in den Sinn: Gewalttäter, Mörder, Vergewaltiger, Folterer, Kriegstreiber. Autorin Julia Shaw zeigt mit ihrem Buch, dass die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ fließend sind und jeder Mensch alles in sich trägt, auch wenn nicht in manifester Form. Wer diesen Gedanken an sich heranlassen kann und bereit ist, in sich selbst zu forschen, ist einigermaßen gewappnet für dieses nicht ganz so erbauliche Buch.

Menschliche Erfahrung ist vielschichtig, weiß die Wissenschaftlerin, die im Bereich Kriminalpsychologie forscht und Polizei und Justiz berät. Menschen, die anderen schwer geschadet haben, sind nicht „schlecht“ für immer und ewig. Und bei jenen, die sich für gut halten, können schnell negative Tendenzen die Oberhand gewinnen und in schädliches Verhalten münden.

Perspektive einer Kriminalpsychologin

Und dann geht es zur Sache. In acht Kapiteln untersucht Shaw gesellschaftlich geächtetes Verhalten aus der Perspektive der Kriminalpsychologin und unter Zuhilfenahme diverser Studien: Gewalt, Aggression, Sadismus, Perversion, Pädophilie, Ausbeutung und Cyberkriminalität – und zwar nicht nur in ihren Extremformen, sondern auch als alltägliche Phänomene.

Studien etwa zeigten, so die Autorin, dass die Mehrzahl der Menschen Mordfantasien kennen, dass Rachegefühle in Beziehungen häufig vorkommen, dass nicht wenige Gefallen an Sadismus in der Sexualität haben, dass man in der Arbeitswelt bereit ist, anderen zu schaden, um Kosten zu sparen, dass Anpassung und politische Apathie Solidarität verhindern.

Einige Details ihrer Recherche sind schwere Kost. Und die Lektüre macht nicht wirklich Spaß. Doch es geht darum, unsere Vorstellungen von Gut und Böse aufzubrechen. Denn, so die Überzeugung von Julia Shaw, indem wir das Böse auf andere projizieren, verdeckten wir es bei uns selbst. Gleichzeitig grenzten wir “die Bösen” aus, wir entmenschlichten Personen, die wir für „böse“ halten. So setzt sich die Spirale von Hass fort.

Das Anliegen dieses Buches ist nicht, menschliches Verhalten zu verstehen oder psychologisch zu erklären, sondern Ausgrenzung zu überwinden und Mitgefühl wachsen zu lassen. Denn Mitgefühl sei der Schlüssel für eine menschliche Gesellschaft, so denkt die Autorin. Folglich müssten wir Bedingungen dafür zu schaffen, der Gewalt den Nährboden zu entziehen.

Verständnis für Mörder?

Wer so ein Buch mit derart unangenehmen, schwer verdaulichen Inhalten schreibt, der trifft mit Sicherheit auf Widerstand. „Sie haben Verständnis für Kinderschänder und Mörder?“ Auch darauf hat die Autorin eine Antwort. Wer so kritisiert, wolle vor allem eins: den Abstand wahren und es vermeiden, in die menschliche Natur, in die eigene Natur zu schauen. Wer das aber wagt, dem öffnet sich eine große Welt: die Welt menschlicher Erfahrung, von der er selbst ein Teil ist.

Auch aus ethischer Sicht ist es wichtig, dass wir uns den Abgründen in uns selbst stellen. Denn Menschen, die sich für ethisch und gut halten, haben die Neigung, ein Saubermann-Image zu pflegen. Man trägt seine Ideale vor sich her und merkt dabei nicht, welche dunklen Kräfte in einem selbst schlummern: Hass, Ärger, Eifersucht, Rachsucht, Neid, die dann im Alltag ausagiert werden, manchmal ohne, dass wir es merken.

Nur wer darum weiß, kann sich und andere Menschen schützen, damit diese Kräfte gebändigt werden und nicht in verletzende Sprache und schädigendes Verhalten münden. Dafür kann dieses Buch einen Anstoß geben. Allerdings zeigt es nicht, wie wir mit diesen Geistern, die wir riefen und vielleicht nicht mehr loswerden, konstruktiv umgehen. Was tun, wenn starke Emotionen sich unserer bemächtigen? Dazu brauchen wir mehr als Aufklärung und Forschung, nämlich Anleitung für die Arbeit mit dem eigenen Geist. Dazu findet man in diesem Buch jedoch nichts.

Auch scheinen bei der Bewertung der Autorin manchmal die Grenzen zwischen laten und manifesten Formen des Bösen zu verschwimmen. Nicht jeder, der Rachsucht im Herzen trägt, agiert sie aus. Wer hingegen andere aus Hass oder Gier verletzt, kann, gerade bei den Opfern, nicht auf Verständnis hoffen und muss dafür selbst die Verantwortung tragen. Es ist jedoch das Verdienst der Autorin, dass sie uns mutigen Leserinnen und Lesern hilft, die menschliche Natur besser zu verstehen.

Birgit Stratmann

Julia Shaw. Böse. Die Psychologie unserer Abgründe. Hanser Verlag 2018

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