Das Ego – nur ein Konzept

Baumann_Ego-neu

Woher kommt das Hängen am Ego, an der starken Identifikation mit dem Selbst?


Warum sollen wir unser Ego über Bord werfen? Peter Baumann und Michael W. Taft belegen in ihrem neuen Buch eindrucksvoll, wie wir unser Bewusstsein positiv verändern und uns in eine erleuchtete Gesellschaft transformieren können. Ziel sei es, uns von unserem Ego und vom Gefängnis der Selbstidentifikation befreien.
Leitmotivisch werden Albert Einsteins Aussagen über die ‚Conditio humana’ zitiert. Danach unterliegt der Mensch einer optischen Täuschung des Bewusstseins, weil er seine Gedanken und Gefühle getrennt von allen anderen erfährt. Die Autoren machen sich auf eine Forschungsreise und spüren dieser Fährte und der Ursache des Egokultes und allen Leidens nach.
Ihr Entwicklungsmodell beleuchtet dabei den menschlichen Geist aus evolutionsbiologischer, psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht, ausgehend vom Steinzeitgehirn bis heute. Demnach ist das Ego nur ein mentales Konzept, das den Organismus mit Körper, Geist und Emotionen im Ganzen lediglich koordiniert.
Die Autoren räumen mit so manchem Vorurteil auf. Zum Beispiel, dass unser Organismus mit dem gesamten Gehirn unsere Entscheidungen trifft, nicht aber unser Ego: „Die Vorstellung, dass wir uns entscheiden zu handeln, ist lediglich eine weitere optische Täuschung des Gehirns.“
Sehr optimistisch ist das Weltbild der Autoren, das die Entwicklung einer postpersonalen Phase aufzeigt, die eine Revolution der Erleuchtung einläuten könnte. So sehen sie heute – z. B. bei den Vereinten Nationen, dem Roten Kreuz oder dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag – über Länder, Rassen, Kulturen und Religionen hinweg ein wachsendes Maß an bewusstem Gewahrsein gegeben, allen Menschen zu dienen. Diese idealistische Motivation bewegte Peter Baumann wohl auch, seine Karriere als Mitglied der international gefeierten Band Tangerine Dreams in den 1970er Jahren aufzugeben. 2009 gründete er die Baumann Foundation mit Sitz in San Francisco als Denkfabrik, die Initiativen wie Being Human und Non-Profit-Organisationen wie Mind & Life unterstützt. Seither widmet er sich gemeinsam mit Michael Taft Fragen nach der menschlichen Existenz und der Förderung von Wohlbefinden und Lebensqualität.

Michaela Doepcke

Infos unter: www.thebaumannfoundation.org
Peter Baumann, Michael Taft und Christine Sadler. Das Ego und warum wir es nicht länger brauchen. Arbor Verlag 2014
Interview mit Peter Baumann

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Aktuelle Termine

Online Abende

rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Cover Gaub Szenario

Zukunft zum Selbermachen

Ein interaktives Buch von Florence Gaub Dies ist kein normales Sachbuch, sondern ein Experiment: Die Leserinnen und Leser schlüpfen in die Rolle eines Politikberaters und müssen einen außenpolitischen Konflikt lösen helfen, der die ganze Welt betreffen könnte. Dafür gibt es verschiedene Szenarien.
Cover Raubzug von rechts

Wie sich Anti-Demokraten tarnen

Die Neue Rechte deutet Werte um Die Rechtspopulisten vereinnahmen Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Widerstand. Die Historikerin Ruth Hoffmann zeigt, wie rechte Organisationen Geschichte umdeuten und demkratische Ideen mit ihrer Ideologie neu besetzen. Ein lehrreiches Buch gegen Verharmlosung rechtsextremer Politik.

Newsletter abonnieren

Sie erhalten Anregungen für die innere Entwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir informieren Sie auch über Veranstaltungen des Netzwerkes Ethik heute. Ca. 1 bis 2 Mal pro Monat.

Neueste Artikel

Students,Have,Divided,Into,Two,Teams,And,Are,Discussing,Tactics

Wahrheit ist keine Privatsache

Demokratie lebt vom Austausch Wahrheit ist nicht subjektiv und keine Privatsache, sondern etwas, das im Dialog gemeinsam gefunden werden kann. Dabei ist die Kunst, Fragen zu stellen, wichtig, sagt die Philosophin Sarah Gebhardt. Denn fragen bedeutet, die eigene Begrenzheit zu sehen und den Dialog zu suchen. Das ist die Basis für die Demokratie.
Vitaly Gariev/ Unsplash

Was bleibt von der romantischen Liebe?

Eva Illouz und die Ökonomisierung von Beziehungen Wie wir lieben, ist keine rein private Angelegenheit, sondern auch gesellschaftlich bedingt. Die Ökonomisierung macht auch vor Paar-Beziehung nicht halt und verändert die Liebe, das ist die These der Soziologin Eva Illouz, die darüber empirisch geforscht hat. Der Artikel stellt zentrale Gedanken im Werk der Autorin über die Liebe vor.
Foto: privat

“Was uns retten kann, ist die Liebe”

Portrait einer Sufi-Lehrerin Rosina-Fawzia Al-Rawi ist Sufi-Lehrerin und in Orient und Okzident zu Hause. Schon in der Kindheit erwachte ihr Interesse an tieferen Lebensfragen. Mike Kauschke zeigt ihren Weg in die Spiritualität und was das überhaupt bedeutet: „Der Kern eines Menschen ist unendliche Güte."
Obdachloser vor Pradaplakat

Warum Neid nicht gleich Neid ist

Und was Politik damit zu tun hat Viele Menschen kennen Neid auf andere, die es scheinbar leichter haben. Doch anders als etwa in Schweden wird in Deutschland so mancher Neid auch politisch erzeugt, etwa wenn Kinder je nach sozialer Schicht unterschiedlich gefördert werden. Mehr Gerechtigkeit bedeutet auch weniger Anlass zu Neid.