Interview über ein Hilfsprojekt

Rund eine Milliarde Menschen ist von Transportwegen abgeschnitten. World Bicycle Relief verteilt Fahrräder in den ärmsten Gegenden der Welt. Sie bringen Mädchen in die Schule, Krankenpflege in die Dörfer sowie Milchkannen und landwirtschaftliche Produkte auf den Mark. Geschäftsführerin des deutschen Büros, Kristina Jasiunaite, spricht im Interview über eine Erfolgsgeschichte.

Das Gespräch führte Kirsten Baumbusch

Was ist World Bicycle Relief?

Kristina Jasiunaite: Wir sind eine internationale Hilfsorganisation, die Menschen, vor allem in ländlichen Regionen mit Fahrrädern mobil macht. Seit 2005 entwickelt die Organisation lastentaugliche Fahrräder und bringt diese mit Hilfe von Spenden in Gegenden mit wenig Infrastruktur und Transportmitteln. Die Räder sind speziell für den Einsatz auf schwierigem Terrain entwickelt. Wir verbinden das mit Montage und Reparatur vor Ort, bilden Mechaniker aus und sorgen für Ersatzteile.

Eigentlich wundert man sich, dass es eine solche Initiative nicht schon lange gibt.

Kristina Jasiunaite: Das war auch das Erste, was ich dachte, als ich davon hörte. Anlass für die Initiative war der Tsunami in Asien 2005. Von damals stammt auch der Name „World Bicycle Relief“, die Räder dienten dort als erste Katastrophenhelfer. Im Laufe der Zeit hat sich der Schwerpunkt dann auf langfristige Entwicklungsprogramme konzentriert. In den letzten 15 Jahren haben wir 500.000 Räder zur Verfügung gestellt.

In Asien haben die Gründer bemerkt, wie wirksam Fahrräder sein könnten.

Kristina Jasiunaite: Ja, unser Gründer, F.K. Day und seine Frau Leah Missbach Day, haben damals verschiedene Organisationen angerufen und gefragt, ob Fahrräder irgendwie helfen könnten. Das wurde zunächst verneint. Als sie allerdings vor Ort in Sri Lanka mit den Betroffenen sprachen, sah das ganz anders aus. „Oh ja“, sagten sie, „das Fahrrad kann da, wo die Infrastruktur zusammengebrochen ist, enorm hilfreich sein. Menschen, besonders auch Schulkinder, Wasser und Nahrung können damit transportiert werden“.

Das Ganze war zunächst gar nicht als langfristiges Engagement gedacht. Mit 23.000 Fahrrädern sollte es erst einmal gut sein. Die Projektpartner und Hilfsorganisationen vor Ort haben das Engagement dann aber evaluiert und sagten erstaunt: „So etwas Effektives haben wir schon ewig nicht mehr gesehen. Ihr dürft jetzt nicht aufhören. So viele Tote, wie wir durch den Tsunami gesehen haben, kommen in Afrika alle paar Wochen im Stillen ums Leben – durch Armut oder Krankheit.“ Seit 2006 sind wir deshalb in Sambia, unserem ältesten, afrikanischen Standort, aktiv. Dazu kommen mittlerweile Simbabwe, Kenia, Malawi – und seit diesem Jahr auch Kolumbien in Lateinamerika.

Viele wissen gar nicht, dass eine Milliarde Menschen auf der Welt von Straßen oder Transportwegen abgeschnitten sind.

Wie ist das Buffalo-Rad entstanden?

Foto: privat

Kristina Jasiunaite: In Sri Lanka konnten wir auf eine bestehende Fahrradindustrie zurückgreifen. In Afrika werden bislang keine Fahrräder produziert, sondern aus Indien oder China importiert – und die sind leider oft von lausiger Qualität. Daher machte sich Frederik Day, der ja selbst aus einem Fahrradunternehmen stammt, daran, das Buffalo-Fahrrad zu entwickeln: ein extrem einfaches und stabiles Rad aus Stahl, das keine Gangschaltung hat, aber langlebig, stark und robust ist. In Afrika wird mit dem Rad alles transportiert. Das Buffalo ist für 100 Kilo Last plus Fahrer ausgelegt.

Viele wissen gar nicht, dass eine Milliarde Menschen auf der Welt von Straßen oder Transportwegen abgeschnitten sind. Genau da setzt die Arbeit von World Bicycle Relief an. Wir ermöglichen Mobilität durch Fahrräder, und haben damit natürlich auch das Klima im Blick. Mit dem Buffalo kommen Kinder in die Schulen, Menschen zur Arbeit oder auf die Märkte, Kranke werden versorgt, Prophylaxe findet statt. Aus eigener Kraft.

Spiegelt es sich im Spendenaufkommen wider, dass wir uns in einer weltweiten Krise befinden?

Kristina Jasiunaite: Ich klopfe schnell auf Holz: Bislang sind unsere Unterstützer und Unterstützerinnen sehr, sehr treu. Schwieriger ist die Begegnung mit Menschen in Präsenzveranstaltungen. Deshalb sind wir verstärkt auf digitale Medien, wie hier bei Ethik heute, angewiesen, um die Idee weiter zu verbreiten.

Wer in Corona-Zeiten auf Nummer sicher gehen will und es kann, der steigt aufs Rad!

Eines muss man allerdings ganz klar sagen: Das Fahrrad hat in diesen Krisenzeiten ernorm an Bedeutung gewonnen. Das ist nicht nur in Europa und den USA so, sondern auch in Afrika. Wir kommen kaum hinterher, Räder und Ersatzteile zu liefern. Kein Wunder: Die Busse in den Ländern sind überfüllt, wenn es sie noch gibt, und die Preise für Fahrten sind enorm gestiegen. Wer auf Nummer sicher gehen will und es kann, der steigt aufs Rad!

Wie wählen Sie aus, wer Räder bekommt?

Kristina Jasiunaite: Im Bildungsbereich unserer Organsiation vergeben wir 70 Prozent der Fahrräder an Mädchen; diese wollen wir besonders fördern. In den Dörfern gibt es Auswahlkomitees. Erstes Kriterium ist die Entfernung zur Schule, aber auch die Zahl der Geschwister, die wirtschaftliche Lage der Eltern und ähnliches.

Die Mädchen und die Eltern müssen dann so genannte „study to own“-Verträge unterschreiben. Darin wird geregelt, wie die Räder eingesetzt werden sollen. Wir glauben, dass Menschen Dingen mehr Wert zuschreiben, wenn sie etwas dafür aufgewendet haben. In diesem Fall verpflicihten sich die Kinder, jeden Tag pünktlich zur Schule zu kommen, ihre Noten zu verbessern oder einen Schulabschluss zu machen. Die Mindestdauer des Vertrages beträgt zwei Jahre. Erst dann geht das Buffalo in ihr Eigentum über. In der Zwischenzeit verpflichtet sich die Familie, das Rad in Stand zu halten und zu pflegen.

Und das funktioniert?

Kristina Jasiunaite: Ja, in ländlichen Gegenden funktioniert das sehr gut. Alle Räder haben Nummern, da ist das leicht nachzuprüfen. Im Gesundheitsbereich geht das ähnlich. Die meisten Räder gehen an freiwillige Krankenpfleger, die über AIDS, Malaria, Mütter- und Kindergesundheit und jetzt natürlich auch über Covid-19 aufklären. Eine Studie aus Kenia zeigt, dass sich mit Rädern die Zahl der Hausbesuche um 24 Prozent erhöhen und die Freiwilligen viel länger im Programm verweilen.

Für den Schulweg spart Melanie jetzt drei Stunden am Tag.

World Bicycle Relief ist jetzt 15 Jahre alt. Wenn es richtig gut läuft, was ist bis zum 20. Geburtstag geschafft?

Kristina Jasiunaite: In fünf Jahren sollen mindestens eine Million Buffalo-Fahrräder unterwegs sein. Wir wissen, wie es geht. Die Kapazitäten sind da, die Grenzen für mehr Räder sind nur durch die Finanzen limitiert. Idealerweise finden wir Partner, die uns helfen, noch mehr zu bewirken. Fahrräder sind sensationell klimafreundlich und können so viele Bedürfnisse verschiedenster Menschen befriedigen.

Gibt eigentlich eine eigene Lieblingsgeschichte?

Kristina Jasiunaite: Oh ja, die gibt es. Diese Geschichte war für mich der Auslöser, um für World Bicycle Relief zu arbeiten. Als ich begann, mich zunächst ehrenamtlich zu engagieren, reiste ich nach Sambia. Hier habe ich 2011 Melanie kennengelernt, die gerade ein Rad bekommen hatte. Sie war damals 16. Wir sind die neun Kilometer ihres Schulwegs mit ihr nach Hause geradelt. Zu Fuß benötigte sie dafür mindestens zweieinhalb Stunden, jetzt mit dem Rad waren es gerade einmal 40 Minuten.

Dann hat sie uns ihren Tagesablauf geschildert. Der Tag begann bei Melanie, wie bei Millionen von Mädchen und Frauen in armen Ländern, mit dem Wasserholen. Wir haben ihr geholfen. Die Wasserquelle war zwar nur einen halben Kilometer entfernt, aber sie musste die Strecke jeden Morgen vier bis fünf Mal absolvieren, um für vormittags genug Wasser für die Familie zu haben. Erst dann durfte sie das Haus für die Schule verlassen.

Dann sah ich, dass es bei Melanie auch keine Elektrizität gibt, sie also keine Chance hat, ihre Hausaufgaben zu erledigen, bevor es dunkel wird. In dem Augenblick habe ich verstanden, dass ich es an ihrer Stelle nicht geschafft hätte.

Bis dahin habe ich immer geglaubt, wenn einem etwas wirklich wichtig ist und man hart arbeitet, kann man es schaffen. Aber hier habe ich Menschen kennen gelernt, die können machen, was sie wollen, die überlebenswichtigen Aufgaben fressen alles auf an Zeit und Kraft. An diesem Tag habe ich mich entschieden, dafür zu arbeiten, dass so viele Menschen wie irgend möglich an ein Rad kommen können.

Das Fahrrad verändert also Leben?

Kristina Jasiunaite: Ja, das Fahrrad verändert Leben. Mit einem Buffalo kann man fünf Mal so viel Gewicht transportieren und kommt vier Mal so schnell voran wie zu Fuß. Allein für den Schulweg spart Melanie drei Stunden jeden Tag, die in Bildung oder etwas anderes viel besser investiert werden können.

Wir kennen so viele Geschichten von Mädchen, die dadurch höhere Bildungsabschlüsse erreichen, einen Beruf erlernen, später Kinder bekommen, besser für sich und ihre Familie sorgen können. Bildung von Mädchen ist auch in Sachen Klimaschutz einer der wirksamsten Faktoren, noch weit vor Elektroautos und Solarenergie.

Wir haben mit einem unabhängigen Institut eine Wirksamkeitsstudie in Sambia für Fahrräder im Bildungsbereich gemacht. Die Zeit für den Schulweg reduziert sich um 33 Prozent, die Pünktlichkeit erhöht sich um 66 Prozent. Die Schulabwesenheit reduziert sich um 28 Prozent. Das Selbstvertrauen wird ebenso positiv beeinflusst, die Mädchen trauen sich einfach mehr zu. Das mit zu ermöglichen, ist einfach wunderbar.

Kirsten Baumbusch

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