Interview mit der Pädagogin Dörte Westphal

In der Pädagogik ist die Beziehung entscheidend, ist Dörte Westphal überzeugt. Im Interview erklärt sie, wie wichtig es ist, das Kind in seiner Individualität zu sehen, achtsam zu begleiten und was Erwachsene brauchen, um auch im hektischen Schulalltag im Kontakt zu bleiben.

Das Interview führte Birgit Stratmann

Frage: Wie war Ihr beruflicher Werdegang?

Westphal: Ich habe Lehramt studiert und schon im Referendariat gemerkt, dass mir Frontalunterricht und Noten vergeben nicht liegt. Außerdem wollte ich eine andere Beziehung zu den Kindern als damals üblich. Ich sollte vor ihnen stehen und Autorität ausstrahlen. Weil ich mich unter sie mischte, wurde ich schräg angeschaut.

Nach dem Abschluss habe ich direkt eine Montessori-Ausbildung gemacht und danach sofort eine Stelle an einer Montessori-Grundschule bekommen. Im Laufe meines beruflichen Lebens habe ich an freien Schulen gearbeitet, bis meine ersten drei Kinder auf die Welt kamen, danach meistens auf freier Basis.

Was würden Sie als Kernanliegen der Montessori-Pädagogik ansehen?

Westphal: Das Kind in seiner Individualität sehen. Als Erwachsene schauen wir, was das Kind für seine Entwicklung braucht und wie ich das Kind unterstützen kann, damit es seinen inneren Blauplan, von dem Maria Montessori sprach, beleben kann.

Der Blick auf das einzelne Kind, das ist es, was diese Pädagogik ausmacht. Für mich als Lehrerin stellt sich dann die Frage: Was brauche ich, um den Blick freizubekommen, weg von vorgefertigten Konzepten und Ideen über Erziehung. Wir fragen uns: Mit welchem Kind habe ich zu tun?

Auch der Ansatz Montessoris ist für mich noch zu eng gefasst, wir brauchen weitere reformpädagogische Ansätze. Ich habe immer darauf geachtet, nicht dogmatisch zu werden. Das Kind sehen und gut begleiten. Dafür ist die innere Vorbereitung der Erwachsenen zentral. Und hier gibt es kaum Ansätze in der Montessori-Pädagogik.

Bei dieser Frage sind wir ja schon fast bei der Achtsamkeit.

Westphal: Genau, denn Achtsamkeit hilft mir, immer wieder die eigenen Gefühle und Gedanken zu erforschen: Was geschieht jetzt gerade im Kontakt mit dem Kind? Warum bin in aufgewühlt, aggressiv und komme in Verhaltensmuster, die ich eigentlich überwinden wollte?

Es ist also ein anderer Blick: Statt vom Kind zu verlangen, dass es sich an mich anpasst, schaue ich, was ich anders gestalten kann, um meinen Zugang zum Kind zu verbessern. Das Kind so zu lassen, wie es ist, auch wenn es für mich anstrengend ist. Es geht darum, diese Anstrengung zu spüren, eigene Sichtweisen zu hinterfragen und zu ändern. Wir brauchen auch Selbstfürsorge. Wie kann ich mich beruhigen, stärken, in Frieden sein?

Ich unterstütze Lehrkräfte, den Blick auf das Kind zu richten”.

Selbstfürsorge braucht Zeit und Muße. Ist das in der Regelschule, wo so viel auf dem Plan steht, überhaupt möglich?

Westphal: Es gibt viele Lehrende, die trotz Stress, Vorgaben und getaktetem Tagesablauf einen funktionierenden Unterricht machen. Das Problem ist, dass sie allmählich innerlich ausbrennen. Sie haben nicht immer genügend inneren Raum für sich. Ich persönlich würde das nicht mehr wollen. Gleichzeitig bin ich froh über die vielen engagierten Lehrkräfte in den öffentlichen Schulen..

Ich unterstütze Lehrkräfte darin, den Blick auf das Kind zu richten und achtsamer zu sein. Sie merken dann vielleicht, dass sie einen tollen Unterricht gemacht haben und alles gut lief, sie aber doch nicht im Kontakt waren mit den Kids.

Die Übung der Achtsamkeit hilft, das Bewusstsein dafür zu schärfen, was in mir und im Außen passiert und es zu reflektieren. Ein Lehrer meldete mir einmal zurück, dass er in der Klasse einfach nur seinen Stoff durchziehen will, komme, was da wolle. Dies bemerkte er erst, nachdem er die Achtsamkeitspraxis kennen gelernt hatte.

Da gab es ein Schlüsselerlebnis für ihn: Ein Mädchen schaute während des Unterrichts aus dem Fenster. Er hatte den Impuls zu sagen: Schau bitte auf die Tafel. In diesem Moment konnte er innehalten und sie fragen: Du schaust aus dem Fenster, was siehst du da?. Dann schauten alle einen Moment raus und er konnte danach den Unterricht fortsetzen. Das Ziel ist nicht, keinen Unterricht zu machen, sondern im Kontakt mit den jungen Menschen zu sein.

„Die Wand zwischen mir und den Schülern auflösen“

Was genau ist das Besondere an Achtsamkeit im schulischen Kontext in der Regelschule, wenn nicht so viel Raum ist?

Westphal: Das Besondere ist für mich, dass ich mich spüre und merke, wie es mir gerade geht, und was im Außen geschieht, z.B. wenn ich in die Klasse komme und die Kinder offensichtlich keine Lust haben.

Es ist gut, wenn ich das bemerke und ausdrücken kann: Ich sehe, dass ihr keine Lust auf Unterricht habt. Ich öffne mich für die Situation, wie sie ist. Ich kann trotzdem das machen, was im Lehrplan steht, z.B. ein Gedicht interpretieren. Aber vielleicht kann ich ein wenig variieren, etwas anderes einstreuen, ein wenig flexibel auf die Stimmung und Bedürfnisse reagieren und mal vom Plan abweichen.

Oft gehen wir in die Klasse und agieren aus einer Autorität heraus. Dann bemerken wir nicht, dass da eine Wand zwischen mir und den Kindern ist. Es geht darum, die Wand aufzulösen, damit wir in Beziehung sein können.

Wir kommen mehr ins Wahrnehmen, weg von Stereotypen. Zum Beispiel sage ich: „Mir ist es gerade zu laut, ich brauche zwei Minuten Stille. Das ist etwas ganz anderes als zu rufen: Seid jetzt ruhig. Allein der ganze Disziplinierungsaufwand ist unheimlich kräftezerrend.

„Pädagoginnen sollten mehr ihre Freiräume nutzen.

Wie ist die Resonanz, wenn Sie das Lehrkräften so vermitteln?

Westphal: Es gibt viele Lehrkräfte, die dafür offen sind. Hier reicht es oft schon, Mut zuzusprechen, damit Lehrerinnen und Lehrer das, was sie spüren, einfach tun und sich darauf besinnen, warum sie eigentlich Lehrerin geworden sind.

Der Punkt hier ist nicht, das Schulsystem abzuschaffen, sondern meine individuellen Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen. Wir haben pädagogische Freiheit. Manche Lehrkräfte sind überrascht, was möglich ist.

Allein wenn wir unsere Kommunikation ändern andere Worte wählen, den Klang der Stimme verändern, bemerken mit welcher Haltung wir agierenkann das schon viel bewirken. Über die Kommunikation werden Signale ausgesendet, die dem Gegenüber anzeigt, wie er oder sie zu mir steht. Und sich angenommen zu fühlen, ist leider nicht selbstverständlich, obwohl es ein existentielles Bedürfnis ist.

Dann gibt es Lehrende, denen die Achtsamkeit Angst macht. Sie befürchten z.B. einen Autoritätsverlust, wenn sie sich innerlich zeigen und dadurch auf die persönliche Ebene wechseln; das ist sehr verbreitet. Wenn ich achtsam bin und mich mitteile, mache ich mich verletzlich. Vielleicht fühle ich mich vor der Klasse nicht mehr sicher. Oder wir haben Angst, dass Kollegen oder Eltern uns nicht ernst nehmen. Versagensangst spielt auch eine Rolle.

Achtsamkeit hilft uns, diese Gefühle und Gedanken zu bemerken und ihnen Raum zu geben. So können wir uns selbst reflektieren. Wenn wir uns dann mit anderen achtsam austauschen, öffnet der Dialog Raum für Verbundenheit und daraus kann wieder Vertrauen erwachsen. Vertrauen brauchen wir als Pädagogen besonders.

Natürlich gibt es Lehrkräfte, die diesen Weg der Achtsamkeit nicht gehen wollen. Das ist auch in Ordnung. Jeder Mensch weiß, wo seine Grenzen sind, und es ist mir wichtig, diese zu respektieren. Auch der Erwachsene möchte entscheiden, wofür er sich öffnet.

Die grundlegende Erfahrung ist aber, dass Achtsamkeit hilft, mehr mit uns und den Kindern im Kontakt zu sein. Ich werde mir wieder bewusst, hinter jeder Schülerin, jedem Schüler steht ein Mensch. Ob wir Achtsamkeit üben oder nicht: Wir sollten das Wesen dieses Menschen wahrnehmen und einander authentisch begegnen.

Mehr zum Thema erfahren Sie auf dem Portal für Achtsamkeit in der Pädagogik des AVE Instituts

Rui Camilo/ AVE Institut

Dörte Westphal ist Montessoripädagogin, Achtsamkeitslehrende sowie Lehrerin für „Achtsames Selbstmitgefühl“. Sie begleitet Kinder und Erwachsenen in unterschiedlichen pädagogischen Einrichtungen. Seit 2005 freischaffende Tätigkeiten als Seminarleiterin und Referentin sowohl in der pädagogischen und strukturellen Teambegleitung als auch in der Konzeptionsentwicklung. Seit 2012 zusätzlich Referentin und Projektleiterin beim Verein “Mit Kindern wachsen” und Arbor Seminare.