Über den Roman “Die Wurzeln des Lebens”

„Ihr seht uns niemals ganz“, sagen die Bäume im Roman von Richard Powers, der den Pulitzer-Preis erhielt. In der Geschichte über das Wunder des Lebens tun sich Menschen zusammen, um die ältesten Mammutbäume zu retten – gegen heftigen Widerstand der Industrie. Doch „das Leben läuft an den Menschen vorbei, unbemerkt,“ so sehen es die Bäume.

 

 

 

Wie sollen wir leben am Abgrund einer drohenden Klimakatastrophe und einem Artensterben ungeahnten Ausmaßes? Gibt es eine Kunst des Lebens, wenn die großen Dinge aus den Fugen geraten?

Richard Powers hat mit “The Overstory” einen großen und faszinierenden Roman über Bäume und Menschen geschrieben, der in der deutschen Übersetzung den Titel “Die Wurzeln” des Lebens trägt.

Er fängt die große Traurigkeit ein, ja Verzweiflung, und zugleich die Verehrung und das Staunen, ein „Wundern“ über das unendlich vielfältige Wunderwerk dieser komplexesten Pflanzen unseres Planeten.

Gerade jetzt, wo wir angefangen haben, auf wissenschaftliche Weise zu begreifen, dass Bäume nicht nur miteinander und mit ihrem Umfeld interagieren, sondern auch kommunizieren, lässt Powers unsere materialistische Auffassung von „Holz“ völlig hinter sich, um diesen Wesen zuzuhören, ohne in große spirituelle Höhen abzuheben.

Wo ist Hoffnung?

Nick, genannt Wächter, wird von einer jungen und zugleich weisen Frau namens Olivia, die durch eine Nahtod-Erfahrung aus einem desolaten Studentinnen-Dasein in ein völlig anderes Leben erwacht, aus seiner Verzweiflung geholt. Zusammen mit anderen stemmen sie sich mit Besetzungen von Mammutbäumen und spektakulären künstlerischen Aktionen gegen die rohe Gewalt der Menschen.

Als seine junge Gefährtin und Führerin der Gruppe stirbt, zieht er alleine weiter und bleibt der furchtlosen inneren Kraft und Führung treu. Am Ende des Buches vernimmt er noch einmal die Stimme seiner bereits toten Gefährtin: Er starrt tief in die Wälder des Nordens […] Äste kämmen das Sonnenlicht, lachen über die Schwerkraft, immer noch dabei sich zu entfalten. Etwas bewegt sich am Fuß der reglosen Stämme. Nichts. Dann alles. „Das hier,“ flüstert eine Stimme ganz in der Nähe. „Das hier. Was uns gegeben wurde. Was wir uns verdienen müssen. Das hier wird niemals enden.“

Bei aller Ohnmacht schwingt also eine Hoffnung mit. Eine Hoffnung, die sich nicht so sehr an uns Menschen festmacht, sondern am Geheimnis des Lebens und seiner Geschichte und Kraft, die weit über unser menschliches Fassungsvermögen hinausgehen und in dessen Entwicklung wir über Jahrmillionen keine Rolle gespielt haben.

Für mich lässt sich aus dieser Sicht auf eine Bewegung hoffen, die nicht so sehr eine „gesellschaftliche Bewegung“ von Menschen ist, sondern eine Kraft im Menschen und weit über die Menschen hinaus. In Powers Roman fließt diese innere Kraft in so völlig unterschiedlichen Gestalten wie eines Kriegsveteranen, einer Wissenschaftlerin, einer Unternehmerin wie des schon erwähnten Künstlers Nick und der „erwachten“ Olivia zusammen.

Hier tut sich auch keine Kluft zwischen Wissenschaft und Weisheit bzw. Spiritualität auf. Und bei allem Scheitern angesichts gigantischer Kräfte aus Wirtschaft, Industrie und einer schier unerträglichen gesellschaftlichen Trägheit so scheint doch Rettung möglich. So wie es uns die gewaltlosen Heldinnen und Helden, Prophetinnen und Propheten, Weisen und Heiligen durch alle Zeiten hindurch gezeigt haben.

Gewalt und Scheitern

Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh, Poet und Vertreter des „Engagierten Buddhismus“, beschrieb es so: Der Erfolg gewaltlosen Kampfes misst sich an der erreichten Liebe und Gewaltlosigkeit, nicht daran, ob ein politischer Sieg errungen wurde.

Diese Liebe, die eher das Leben für die Freunde hingibt als anderen Gewalt anzutun, verdankt sich einem größeren Ganzen, dessen unermessliches Geheimnis in allen Wesen dieser Welt zu finden ist und in Powers Buch gerade in den Bäumen berührt wird.

Das Leben ist so unfassbar groß und hat auch auf dieser Erde einen so unendlich weiten Weg zurückgelegt, bevor wir Menschen überhaupt aufgetaucht sind. Wie sollte es nicht auch nach uns weitergehen?

Ist es dann egal, wie wir leben und uns zur Natur verhalten? Sind wir ohnehin nicht mehr zu retten? Kommt (spätestens!) nach uns ohnehin die Sintflut?

In den Augen der Menschen scheitern Richard Powers‘ Romanhelden, ja sie werden als Schwerstverbrecher gejagt. Als Leser leide ich mit, spüre ich, wie mich diese todesmutigen Aktivist:innen in ihren Bann ziehen, die sich der gigantischen Maschinerie und kollektiven Verblendung einer kranken kapitalistischen „Kultur“ mit ihrem nackten Leben entgegenstellen; ich verzweifle mit ihnen an ihrer gesellschaftlichen Ächtung als „Öko-Terroristen“.

Ich schwanke zwischen dem Impuls einerseits, angesichts der Katastrophe selbst mit gewaltsamen Mitteln zu sympathisieren, wo doch alles andere an Protest und Widerstand nichts vermag gegen eine gesellschaftlichen Schwerkraft, die uns unweigerlich in den Abgrund zieht, und der schmerzlichen Einsicht andererseits, dass auch die gewaltsam-spektakulären Aktionen keine Rettung bringen.

Dennoch….

Als Leser „überlebe“ ich persönlich nur, weil dieses viel größere Geheimnis des Lebens still und unaufdringlich durch das ganze Buch hindurch im Hintergrund leuchtet. Von dem unbeirrbaren Wächter Nick wird es auf so berührende Weise bis zu den letzten Seiten dieses bewegenden Epos getragen.

„Das Gute“ siegt nicht, es überlebt nur und lässt sich auch von Gewalt und Trauma nicht davon abbringen, die Kunst zu leben, das Geheimnis der Bäume und ihre Schönheit zu ehren und dem Tod und der Zerstörung durch die Menschen ein „Dennoch“ entgegenzuhalten – als riesengroßes Wort, das er zum Schluss des Buches als eine Art Landart mit gestürzten Bäumen in den Wald „schreibt“.

Selbst wenn wir am Abgrund taumeln und unsere Hoffnung endgültig nicht mehr auf den Menschen setzen können, bleibt die Möglichkeit zu lieben – furchtlos und kraftvoll zu lieben, wie die Bäume und alle Wesen der Natur vielleicht auch. Wer weiß, ob wir damit unseren Untergang als Spezies aufhalten, aber wir können unser Bewusstsein wieder in einen größeren Zusammenhang eingliedern und uns damit dem stillen Leuchten des Lebens anschließen.

In die Stille hinein sagt Olivia: „Wir sind nicht allein. Andere versuchen, mit uns Verbindung aufzunehmen. Ich kann sie hören.“

Steve Heitzer

Richard Powers. Die Wurzeln des Lebens, Roman. Fischer Verlag 3. Aufl. 2020