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Das süß duftende Haar von Mutter Erde

Cover Geflochtenes Süßgras, Wall Kimmerer

Buch über die Heilung unserer Beziehung zur Natur

Robin Wall Kimmerer möchte den Menschen wieder mit der Erde verbinden. Dafür nutzt die Biologin das indigene Wissen, wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre große Erzählkraft. Erst wenn wir Tiere und Pflanzen als unsere Verwandten sehen, kann der Zerstörung Einhalt geboten werden. Ein berührendes Buch.

Es gibt Bücher, die sind Medizin: Sie heilen etwas in uns und in unserer Beziehung zur Welt. Robin Wall Kimmerer ist mit „Geflochtenes Süßgras: Die Weisheit der Pflanzen“ ein solches Werk gelungen. Darin flicht sie indigene Weisheit und wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Zopf über die Gaben der Erde, der Pflanzen und die Liebe der Menschen. Und stillt damit eine tiefe Sehnsucht in uns.

Sie führt uns auf eine ebenso sinnliche wie mystische Reise zu Astern und Goldruten, Erdbeeren und Pekannuss, zu den drei Schwestern Mais, Bohne und Kürbis zu Algen und Pilzen – und natürlich zum Süßgras. Das Wort dafür in indigener Sprache lautet „wiingaashk“, das süß duftende Haar von Mutter Erde.

„Atmen Sie es ein“, heißt es im Vorwort, „und Ihnen werden nach und nach Dinge einfallen, von denen Sie nicht wussten, dass Sie sie vergessen hatten“. Mehr noch: Ein Zopf aus Süßgras wird verbrannt, um zeremoniellen Rauch zu erzeugen, der den Empfänger in Zuwendung und Mitgefühl hüllt sowie Leib und Seele heilt.

Die 69-jährige Amerikanerin hat sich zur Aufgabe gemacht, traditionelles ökologisches Wissen der indigenen Völker mit Umweltwissenschaften zu verbinden; also Wissen aus mehreren Quellen zu schöpfen. Das gelingt ihr besonders glaubhaft, weil sie nicht nur eine beachtliche akademische Karriere in ihrem Fachgebiet vorweisen kann, sondern selbst Angehörige des Stamms der Potawatomi ist – und dazu noch eine begnadete Erzählerin.

Ihre wundervollste Erkenntnis dabei: Wir Menschen müssen nicht die Geißel der Erde sein, sondern auch wir haben Heilkräfte und können der Natur guttun.

Pflanzen sind Lehrer

Es ist ein Vorfrühlingstag im Staate New York. Robin Wall Kimmerer nimmt uns mit auf einen Ausflug in ein kleines Naturschutzgebiet. Sie liest zwischen den Bäumen wie in einem Buch. Hier zeigen die Pflanzen, dass da ein Haus stand, dort, dass da ein Gletscher darüber schrappte.

Robin Wall Kimmerer, Foto: Dale Kakkak

„Pflanzen sind Lehrer“, sagt die kräftige Frau mit den langen, grauen Haaren, der warmen Stimme und dem sanften Lächeln und zeigt auf ein Moospolster (siehe Videolink „Gifts of the Land“). Das sind die ältesten Pflanzen auf der Erde, die noch jeden Klimawandel überstanden haben.

„Wie habt ihr das gemacht? Was könnten wir von euch lernen?“, fragt die Fachfrau rhetorisch, als sie über das üppige Grün streicht. Um dann sogleich die Antwort zu liefern: „Sie brauchen wenig, geben viel, erzeugen Erde, klären Wasser, schaffen Lebensräume, fügen sich ein, wo sie gerade sind und verändern ihre Umwelt nicht.“

Ob im bewegten Bild oder in gedruckten Buchstaben, die Mutter zweier Töchter nimmt uns wie eine große Schwester an die Hand und mit in eine unbekannte Welt, die direkt neben der unsrigen existiert – seit Jahrtausenden.

Denn sie ist überzeugt davon, dass die Zeit gekommen ist, das Wissen um die Verbundenheit in die Welt zu bringen. Ihre Lebensfrage ist, wie es gelingen kann, die kranke Beziehung unserer Zivilisation zur Natur zu heilen.

Dankbarkeit als Quelle der Heilung

Für diese Frage ist sie wegen ihrer Herkunft und wegen ihres Berufes doppelt berufen. Dazu kommt noch ihre Familiengeschichte, die von existentiellen Verlusten geprägt ist. Die Potawatomi waren einst im Gebiet der Großen Seen bei Chicago beheimatet. Ab 1821 begann die große Vertreibung. Erst bis zum Mississippi, dann bis nach Kansas und schließlich noch weiter in den Südwesten in die trockenen Hügel von Oklahoma.

Das war umso härter, weil Land für die indigenen Völker Nordamerikas nicht Eigentum und Ressource darstellt, auf das man rechtlichen Anspruch hat, sondern ein heiliger Ort ist, für den man moralische Verantwortung empfindet; wo die Ahnen zu Hause sind und man selbst einst Ahne sein wird.

Doch damit nicht genug wurden sie auch noch ihrer Kultur, Kinder und Sprache beraubt. Ihr Großvater gehörten zu den Kindern, die im Grundschulalter aus der Familie gerissen und in so genannten „Indianer-Internaten“ „umerzogen“ wurden.

Wer ein Wort aus der Herkunftssprache verwendete, bekam den Mund mit Seife ausgewaschen. Kein Wunder, dass es heute nur noch neun lebende Menschen gibt, die ihre Muttersprachle sprechen.

Diese Verluste haben Robin Wall Kimmerer geprägt. Als Forscherin, aber auch als Schriftstellerin und Heilerin versucht sie herauszufinden, wie es gelingen kann, von diesem Verlust an Wissen, Identität und Verbundenheit zu genesen. Sie sieht diese Entfremdung bei sich, aber auch bei ihren Studierenden, die sich davor fürchten, Kinder in die Welt zu setzen.

Als Quelle der Heilung entdeckt sie die Dankbarkeit. Weil, so ihre These, wer einmal dankbar geworden ist, für all die Nahrung, die Medizin, die Wohltaten, die Mutter Natur für uns bereithält, der wird sich nie wieder so unbeschwert dem Konsum ergeben können wie zuvor.

Wissenschaft beweist, was indigene Weisheit weiß

Heilung ist möglich. Menschen sind Beschenkte und Behütende, aber auch Behütete. Das heißt aber auch, dass wir nicht glücklich werden können, wenn es dem Ganzen nicht gut geht. „Wir haben die Wahl“, schreibt Robin Wall Kimmerer, „wenn die ganze Welt eine Ware ist – welch eine Armut. Wenn die ganze Welt ein zirkulierendes Geschenk ist – welch ein Reichtum“.

Hier kommen die Süßgräser ins Spiel. Korbflechterinnen traten an die Hochschullehrerin und ihre Studierenden heran mit dem Auftrag, herauszufinden, wie die Pflanzenökologie helfen könnte, die Süßgräser besser zu pflegen.

Die Versuchsfelder brachten Erstaunliches zu Tage. Nicht die nach westlichem Naturschutzverständnis völlig in Ruhe gelassenen Felder blühten auf, sondern die, die nach dem indigenen Prinzip der „ehrbaren Ernte“ genützt wurden.

Dies beinhaltet beispielsweise, nie die erste oder die letzte Pflanze zu nehmen und niemals mehr als die Hälfte. Kimmerer und ihre Studierenden konnten bei den Süßgräsern evidenzbasiert nachweisen, was die indigene Weisheit schon lange weiß: Die Kultur des Sich-gegenseitig-Helfens klappt auch zwischen Pflanzen und Menschen.

“Die Hände in die Erde stecken, um wieder ganz zu werden.”

Doch es gibt auch beklemmende Zeugnisse im Buch. So beschreibt sie die apokalyptischen Zustände am Onondaga-See, der einst zu den heiligen Stätten Nordamerikas gehörte und heute zu den am stärksten verseuchten Gewässern des Landes.

Hier hat der Mensch so gut wie alles zerstört durch den Abbau von Rohstoffen und die Ausbeutung der Natur. Und genau hier versuchen Pflanzen und Tiere unter Aufbietung all ihrer Kräfte, wieder neues Leben zu stiften.

Von dieser Kraft können wir uns inspirieren lassen, ermuntert uns Robin Wall Kimmerer. Egal, ob wir Salamander und Kröten über die Straße helfen, Fassaden und Dächer begrünen, Gemeinschaftsgärten pflanzen oder beim Renaturieren anpacken.

„Wir müssen unsere Hände in die Erde stecken, um wieder ganz zu werden“, ist sie sicher. Und weiter: „Freude ist mir lieber als Verzweiflung. Nicht, weil ich den Kopf in den Sand stecke, sondern weil die Erde mir täglich Freude schenkt und ich dieses Geschenk zurückgeben will“.

Kirsten Baumbusch

Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen. Aufbau Verlag, Berlin 2021

Video: Gifts of the Land, A Guided Nature Tour mit Robin Wall Kimmerer:

https://www.youtube.com/watch?v=OxJUFGlPYn4

Shutterstock

Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

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Ein wunderschöner, überaus lesenswerter Bericht, eine ökologische Sinfonie in Worten und Sätzen, die Vergessenes wieder ins Bewußtsein ruft und Lust und Freude macht, sich für den Erhalt unserer Erde zu engagieren. Denn: “Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger”, sagt Bahá’u’lá in seiner Bahai-Offenbarung.

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