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Das Trauma des Krieges

Über das Erbe der Kriegsenkel

Bis heute wirft der Zweite Weltkrieg seine Schatten auf das Leben der Kriegskinder. Doch auch wir, die heute 40- bis 60-Jährigen, sind davon nicht unberührt. Denn traumatische Erfahrungen werden von einer auf die nächste Generation übertragen. Nur wenn wir hinschauen, ist Aussöhnung möglich, sagt die Autorin Christa  Spannbauer.

 

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd“, schrieb Christa Wolf in ihrem Roman Kindheitsmuster und beschrieb damit die Erfahrung einer ganzen Generation. Als Kinder erlebten sie die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Und mussten viel zu früh erwachsen werden. In ihren Herzen jedoch lebten die verängstigten Kinder weiter. Als das große Morden endlich aufhörte, wünschten sie sich nichts sehnlicher als vergessen zu können. „Blick‘ nach vorne!“, wurde zu ihrer Losung.

Verständnis, Trost und Anerkennung ihres Leidens haben viele von ihnen nie erfahren. Traumatisiert durch die Not und Entbehrungen der Kriegszeit, unterjocht durch die rigiden Erziehungsmethoden der damaligen Zeit und emotional im Stich gelassenen von Erwachsenen, die ihrerseits selbst traumatisiert oder vom Nationalsozialismus fanatisiert waren, wurden sie schon frühzeitig zur Härte gegen sich selbst gezwungen.

Sabine Bode nannte die Kriegskinder in ihrem gleichnamigen Buch Die vergessene Generation, da ihr Leid nie wirklich ins Blickfeld geriet und daher auch selten Heilung erfuhr. Die meisten Betroffenen sahen sich vielmehr zur Abspaltung ihres Schmerzes gezwungen. Das Trauma des Krieges fror gleichsam ein, arbeitete jedoch in ihrem Inneren unbemerkt weiter. Und da es keine Ruhe gab, wurde es an die nächste Generation weitergegeben.

Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von „transgenerationaler Übertragung“, d.h. traumatische Erfahrungen werden bewusst oder unbewusst, sprachlich oder non-verbal auf der Gefühls- und Bindungsebene weitergegeben. Wie ein Seismograph spüren die Kinder die unbewältigten Gefühle ihrer Eltern auf und fühlen deren Schmerz, als ob es ihr eigener wäre. Über diesen Weg, darauf weist die Psychologin Ulrike Pohl in dem Buch Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte hin, werden auch geleugnete Teile der Geschichte, ungesühnte Verbrechen und verdrängte Schuldgefühle an die nächsten Generationen vererbt.

Materielle Sicherheit – das Thema der Kriegsgeneration

Wir Kinder der Kriegskinder hatten das Privileg, in einer Zeit ohne Krieg, Hunger und Elend aufwachsen zu dürfen. Erzogen wurden wir, hineingeboren in die Aufbau- und Wohlstandsgesellschaft, jedoch von Menschen, die Entbehrungen und Not noch am eigenen Leib erfahren hatten. Fühlten wir uns deshalb emotional oft so unterernährt und hungerten nach Liebe und Fürsorge? Fällt es uns deshalb heute noch so schwer, liebevoll mit uns selbst umzugehen und das Leben leicht zu nehmen?

Materielle Sicherheit war für unsere Elterngeneration, denen der Krieg schon frühzeitig jede Sicherheit genommen hatte, das bestimmende Thema. Sie sparten und gönnten sich kaum etwas. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, erklärten sie uns. Doch oft gab es auch nach der Arbeit kein Vergnügen, weil sie einfach nicht wussten, wie sie sich selbst und uns Gutes tun könnten.

Ihr starkes Sicherheitsbedürfnis verleitete sie dazu, alles, was diese Sicherheit bedrohte und was ihnen fremd und unkontrollierbar erschien, reflexartig abzulehnen. Dazu zählten auch eigenwillige Kinder, trotzige Töchter, ungehorsame Söhne. Bloß nicht auffallen, parieren, nichts riskieren! Das gaben sie uns mit auf den Weg. Wir revoltierten dagegen. Und fühlten uns innerlich doch zutiefst verunsichert. „Meine Eltern haben keine Ahnung, wer ich bin“, seufzen viele von uns heute noch und suchen in Therapien nach Antworten darauf, wieso es ihnen so schwer fällt, im eigenen Leben anzukommen.

Nicht selten geben sie ihren Eltern dafür die Schuld. Kein Wunder, dass wir diesen als eine undankbare Generation erscheinen. Denn arbeiteten sie nicht unermüdlich dafür, uns ein gutes Leben zu bieten? Weshalb nur konnten wir nicht so tüchtig sein wie sie? Wieso mussten wir immer alles in Frage stellen, erschienen so unentschlossen und voller Selbstzweifel? „Wir haben doch alles für euch getan“, sagten sie. Und fügten nicht selten mit bitterem Unterton hinzu: „Wir hatten es nicht so gut wie ihr.“

Eine heile Welt sollte es werden

In einem beispiellosen Kraftakt hatten sie nach dem Krieg eine in Trümmern liegende Welt wieder aufgebaut. Eine schöne, eine heile Welt sollte es werden. Ordentlich und aufgeräumt. Tauchten Trümmer auf von früher, so wurden diese schweigend und mit entschiedener Geste unter den neuen Teppich gekehrt.

In diese heile Welt wurden wir hineingeboren und verkörperten die Hoffnung unserer Eltern auf eine bessere Zukunft. Doch wir spürten schon bald, dass hier etwas nicht stimmte. Weshalb fühlte sich diese heile Welt so seltsam erstarrt und bleiern an? Und wieso beschlich uns immer wieder das verstörende Gefühl, uns auf vermintem Gelände zu bewegen?

Unter der Selbstbeherrschung unserer Eltern spürten wir ihre Angst und Verunsicherung. Und sie kroch uns in die eigene Seele. Denn für die Generation der Kriegskinder stand die Welt immer am Rande des Abgrunds. In diesen Abgrund waren sie hineingerissen worden, als sie in den Bombennächten um ihr Leben bangend im Keller saßen, als ihre Väter in den Krieg zogen und nicht mehr zurückkehrten, als ihre Mütter nicht mehr wussten, wie sie die Familie ernähren sollten.

Und so lebten auch wir, ihre Kinder, am Rande dieses Abgrunds. Denn traumatisierte Eltern lassen ihre Kinder gerade dann im Stich, wenn diese ihren Schutz am nötigsten brauchen. Unsere Angst aktivierte ihre eigenen verdrängten Ängste, denen sie als Kind schutzlos ausgeliefert gewesen waren. Und so stießen sie uns nicht selten von sich, wenn wir weinend und verängstigt vor ihnen standen. Wie auch hätten sie, die selbst so ungetröstet blieben, uns Trost spenden können?

Als Kinder hatten die meisten von ihnen noch die schwarze Pädagogik am eigenen Leib erfahren und gaben deren Verhaltenskodex ungefiltert an uns weiter: „Jetzt stell dich mal nicht so an! Reiß dich zusammen!“ Und so machten viele von uns noch Bekanntschaft mit den harschen Erziehungsmethoden, die von der österreichischen Ärztin Johanna Haarer, einer glühenden Nationalsozialistin, in ihrem millionenfach verkauften Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ propagiert wurden. Ein Buch übrigens, das den Nationalsozialismus überlebte und noch bis in die 1970er Jahre aufgelegt wurde.

Das Schweigen zum Sprechen bringen

Ja, wir litten unter der Schwierigkeit unserer Eltern, ihre Gefühle zu zeigen. Erst sehr viel später verstanden wir, dass es in Zeiten der Bedrohung eine notwendige Überlebensstrategie war, die Zähne zusammenzubeißen, Schmerzen zu unterdrücken und damit alle Gefühle auf Sparflamme herunterzufahren. Wer aber über längere Zeit hinweg seine Schmerzen nicht äußern und seine Traurigkeit nicht zeigen darf, verhärtet innerlich. Und so kam es zu dem, was die Psychologen Alexander und Margarete Mitscherlich der Gesellschaft nach dem Krieg attestierten: die Unfähigkeit zu trauern. Aus einer Überlebensstrategie war eine Lebenshaltung geworden, die in der Folge auch den eigenen Kindern abverlangt wurde.

So sind wir, ihre Kinder, schon frühzeitig über das nicht Bewältigte und Verdrängte, über verschwiegene Schuld und Scham gestolpert. Einiges davon haben wir uns auf die eigenen Schultern gepackt und tragen bis heute schwer daran. Viele von uns spüren daher den Auftrag, das Schweigen zum Sprechen zu bringen, sich dem langen Schatten des Nationalsozialismus zu stellen, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen und zur Heilung alter Wunden beizutragen. Damit nehmen wir nicht nur unseren Platz in der Gegenwart ein, sondern eröffnen zugleich auch unseren Kindern und Enkeln eine von Altlasten befreite Zukunft.

Nein, wir müssen nicht gutheißen und beschönigen, wie wir als Kinder behandelt wurden. Doch wir können heute ein Verständnis dafür entwickeln, dass unsere Eltern das Beste gaben, was ihnen in ihrer damaligen Situation möglich war. Auch wenn es für uns als Kinder vielleicht nicht genug war. Diese Einsicht trägt entscheidend zu einer inneren Aussöhnung mit den Eltern und der eigenen Lebensgeschichte bei.

Christa Spannbauer

christa spannbauerDie Autorin und Filmemacherin Christa Spannbauer porträtierte für den Film und das Buch „Mut zum Leben“ vier Auschwitz-Überlebende. Sie sagt: „Es waren meine Begegnungen mit Überlebenden der Shoah, die dazu beitrugen, dass sich das diffuse Gemisch von Schuld, Schrecken und Scham, das ich seit früher Kindheit in mir trug, auflöste und Platz machte für ein klares Gefühl von Verantwortung für das Vergangene und für die Gegenwart.“ Als Z(w)eitzeugin gibt sie in Vorträgen und Seminaren deren Botschaft von Zivilcourage, Völkerverständigung und Mitmenschlichkeit an die nächsten Generationen weiter.

Lesetipps:

Michael Schneider, Joachim Süss, Sabine Bode. Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Europa Verlag 2015

Christa Spannbauer, Thomas Gonschior. Mut zum Leben. Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz. Europa Verlag 2014.

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Ein Gedanke zu „Das Trauma des Krieges

  1. Als Kriegskind, das die Tausend-Bomberabgriffe in Köln und den Hunger der Nachkriegszeit erlebt hat, finde ich, dass man heute allzu sehr das, was heil ist, unter den Teppich kehrt.
    Täglich fahren die Nachrichtensammler mit ihrem Rechen um die ganze Erde, um Negatives zusammenzuscharren, und die Medien servieren uns das dann als den Blick auf den Tag.
    An jedem Tag geschieht jedoch Milliarden mal mehr Positives. Solches wird jedoch in der Regel nur am Ende der Nachrichten gezeigt.

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